Friday, December 21, 2007

Einarmige Banditen


Es ging wie ein Lauffeuer durch die Internetforen für die High-Desert letzte Woche: Twentynine Palms soll ein Casino bekommen. Und zwar ziemlich zentral gelegen, nahe bei der Palmen-Oase, die der Stadt ursprünglich ihren Namen gegeben hat. Da nämlich besitzen die Chemehuevi Indianer, die hier mal ansässig waren, über einen halben Quadratkilometer Land, mit dem sie machen können, was sie wollen. Wirklich machen können, was sie wollen, ohne Bewilligungen und nichts. Und nun wollen sie ein Casino bauen, denn die Indianerstämme in Kalifornien haben nicht nur Reservate sondern auch exklusive Casino Lizenzen als Ausgleich für vergangenes Unrecht erhalten. Mit denen machen sie heute Geld. Und das warfen ihnen denn die eifrigen, umweltbewussten Blogger auch sofort vor, noch bevor sie mehr über das Projekt wussten. Von Geldgier war da zu lesen und von ökologischer Katastrophe. Alles unter dem Deckmantel von “Wir Weissen sind ja dafür, dass die Indianer mit ihrem Land machen können was sie wollen, aber…”. Ein paar Lautstarke haben sich immerhin dazu bequemt, die Informationsveranstaltung des Stammes zum geplanten Casino zu besuchen. Um dann eine Stunde später in ihren Blogs zu Kreuze zu kriechen. Siehe da, wieder einmal hatte der Weisse Mann die Indianer unterschätzt. Umweltgerecht soll der Bau werden, mit Solarenergie und Grauwasser-Aufbereitung. Die neueste Lichttechnologie wird eingesetzt werden, um den Sternenhimmel nicht zu verschmutzen – eine der Touristenattraktionen der Gegend. Hunderte von Arbeitsplätzen werden geschaffen werden und wenn immer möglich lokal vergeben. Und ein Kulturzentrum zur lokalen Geschichte wird in Zusammenarbeit mit dem Nationalpark erarbeitet. Überhaupt wird der Dialog mit der Stadt frühzeitig gesucht. Und das alles scheint doch verdammt viel besser und weitsichtiger als der Weisse Mann sich gegenüber den Indianern verhalten hat. Und sich immer noch verhält.

Tuesday, December 11, 2007

Dachschaden


Erst regnet es zwei Jahre lang kaum, und dann schüttet es. So, dass die Kakteen ersaufen und man das Haus nur noch mit hohen Gummistiefeln verlassen kann. Und so, dass nach wenigen Stunden die Sandstrasse davonfliesst. Dass ich das oberste Haus an meiner Strasse besitze, hat da sein Gutes. So fliesst das Wasser um meine kleine Steinmauer rum, die Strasse runter und in die Häuser der Nachbarn. Unter mir die Sintflug, sozusagen. So geschehen vor ein paar Tagen. Dass ausgerechnet an diesem Abend meine Freunde mit ihrem Baby ankommen mussten – es ist sonst immer schön und klar, sagte ich und sie schauten mich kritisch an. In einer bitterkalten Nacht bei Sintflut ein kleines, süsses Baby und all seinen Sitzchen, Wägelchen und Sachen aus einem Auto zu fischen, ist, sagen wir mal, suboptimal, um meine innerliche Schimpftirade ob dem Sauwetter hier nicht widerzugeben. Die fand allerdings am nächsten Morgen nicht nur innerlich statt. Dann hatte nämlich der Regen nachgelassen und der Wind eingesetzt, wobei Wind eine abgrundtiefe Untertreibung ist. Schon morgens um sechs war an Schlaf nicht mehr zu denken. Gartenstühle kippten um, Gartenwerkzeug und Rechen und Besen flogen durch die Gegend. Die Hunde, die sonst nichts wie raus wollen, verkrochen sich in die hinterste Ecke des Hauses. So starke Winde hatte ich hier noch nie erlebt. Oder besser, überhaupt noch nie. Und dann, als ich Kaffee kochte, sah ich den ersten Aluminium-Dachziegel fliegen. Dann den zweiten und dann eine ganze Menge. Ich zog mir einen Wollhut (wie wenn der mich vor dem sofortigen Tod durch Ziegeltrauma hätte bewahren können) und eine Windjacke an und stürzte mich nach draussen, um das Haus weiträumig zu umschreiten. Schock. Die Dachziegel der Westseite lagen auf der Ostseite im Sand. Dann doch lieber Kaffeetrinken. Manchmal kann man eben nichts anderes tun, als der Natur nicht dumm im Weg rumstehen, bis sie ausgetobt hat.

Mojave Multiplex


Es gibt nur ein Kino in Twentynine Palms, und das einzig Multiplexe daran ist, dass man zwei Filme hintereinander sehen kann. Der Preis, ein Total von fünf Dollar, macht klar, dass von High-tech keine Rede sein kann. Das Smith’s Ranch Drive-in Kino wurde in den Fünfziger Jahren von den Eltern des heutigen Besitzers gebaut und es ist eines der am längsten und kontinuierlichst betriebenen Drive-in Kinos der USA. Mark Clemons erinnert sich, dass er schon als Kind den Projektor bedienen musste, während sein Grossvater vorgab, nichts von den modernen Projektoren zu verstehen. Dieser hatte bereits in den Dreissiger Jahren angefangen, auf seiner Terrasse 16mm Filme für die Nachbarn zu zeigen, weil er der erste und einzige war, der Elektrizität auf seiner Ranch hatte. 330 Autos passen auf den ungeteerten Platz, und Mark erinnert sich an enervierende Hupkonzerte, wenn er als Kind seiner Verantwortung nicht ganz gerecht wurde. Von der einzigen technologische Erneuerung, die während den letzten fünfzig Jahren stattgefunden hat sind nur noch die Pfosten übriggeblieben – der Ton kommt heute nicht mehr aus über den Platz verteilten Lautsprechern, sondern über eine bestimmte FM Radio Frequenz. Je nach Qualität des Autoradios und der Boxen kann man sich da sogar der Illusion von Surroundsound hingeben. In meinem alten Pickup Truck ist das weniger der Fall, musste ich feststellen, als ich mir den neuen Western “3:10 to Yuma” angesehen habe. Auch die Sicht durch die (ok, leicht verschmutzte) Autoscheibe war nicht wirklich kristallklar. Sich mitten in der Mojave einen Western in einem Autokino anzusehen, war mehr eine romantische Idee, als dass es eine wirklich befriedigende Erfahrung war. Speziell bei einem so guten Film wie diesem, mit seinen grossen Landschaften und Schauspielern. Dafür liebe ich Kino zu sehr. Ich habe mir “3:10 to Yuma” ein zweites Mal angesehen – im richtigen Multiplex.

Wednesday, November 28, 2007

Ost-West-Streit


Endlich, nach Jahren, ist es mir gelungen, meinen Freund Harper von New York in die Wüste zu locken. Er hat ausgelaugt geklungen am Telefon, überarbeitet. Was du brauchst, ist Landschaft, Weite, Stille hab ich gesagt. Wie lange ist es her, dass du aus Manhattan rausgekommen bist? Die Stille in der Leitung ist Antwort genug gewesen. Was du lieben wirst, ist der Nachthimmel, dunkel, klar und ein umwerfendes Sternenmeer, dopple ich nach. Die fehlende Lichtverschmutzung hat es ihm angetan und er hat einen Flug gebucht. Harper ist ein typischer New York City Snob. Alles Kalifornische ist ihm suspekt, Kultur haben wir hier eh keine, denkt er. New York ist die einzige amerikanische Stadt, die zählt und sie ist an die einzige Küste gebaut, die zählt. Alles, was westlich vom Hudson liegt, interessiert Harper nicht, aber sonst ist er ganz amüsant und nett. Nach Los Angeles wäre er nicht gekommen, aus Prinzip. Aber in die Wüste – das ist ein Versuch wert in seinen Augen, speziell seit die New York Times viel über Joshua Tree und die blühende Kunstszene hier schreibt. Dann muss ja was dran sein, an der Mojave. Nach ein paar Stunden in meinem Lounge Chair beim Fenster mit der meilenweiten Aussicht hat sich seine Ostküsten-Hyperaktivität gelegt und er schnarcht vor sich hin. Der neueste Don DeLillo Roman über den 11. September in New York ist ihm aus den Händen geglitten. Als er erwacht, muss ich ihm beibringen, dass wir nicht ausgehen zum Essen, sondern selber Steaks braten, auf dem Grill hinter dem Haus. Da ist es ja stockdunkel, sagt er, und muss selber lachen. Die Sterne sieht er trotzdem nicht – wie zur Bestätigung, dass der Westen eh nicht hält, was er verspricht, zieht eine dicke Wolkendecke auf – eine von vielleicht zehn pro Jahr. Das kann ich auch in New York sehen, sagt Harper und zieht sich ins Bett zurück. Den spektakulären Sonnenaufgang am nächsten Morgen verschläft er.

Tuesday, November 20, 2007

Wüstenfladen


Lassen Sie mich gleich vorwegnehmen – das hier ist nicht Poulet, das auf dem Holzkohlengrill in einer lauen Wüstennacht goldgelb gebraten wurde. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es sich hier um eine missglückte Annäherung an eine Basler Spezialität handelt. Aber gehen wir ein paar Tage zurück. In einer fröhlichen Runde kam das Gespräch auf das traditionelle Thanksgiving Essen. Morgen Donnerstag ist Thanksgiving – der grösste Feiertag im Jahr in den USA. Die Amerikaner in der Runde haben über die gestopften Truthähne ihrer Kindheit gesprochen, die auf dem Küchenboden statt im Ofen gelandet sind, weil sie schwer und rutschig eingefettet waren. Und sie haben sich darüber gewundert, dass die Schweizer kein Erntedankfest feiern. Jemand hat gefragt, was für Speisen wir aus der Schweiz vermissen und einer hat Fastenwähen gesagt. Basler Fastenwähen. Und mich dabei angeschaut. Das kannst du doch sicher, hat er gesagt. Nachdem ich über Google ein Rezept gefunden habe, habe ich beschlossen, das saisonal nicht so eng zu sehen. Die erste Hürde: frische Backhefe. Hier gibts Trockenhefe, aber bei einem Restaurant Engros-Laden in LA habe ich frische Hefe gefunden. Die nächste Hürde: die Grammangaben. Für amerikanische Rezepte braucht man keine Waage sondern bestimmte Massbecher und –löffel. Ich habe umgerechnet so gut es ging. Der Teig fühlte sich richtig an. Wie kommt die Fastenwähe zu ihren vier Löchern? Einschnitte hat das Rezept gesagt – getan. Mit Ei bestrichen und Kümmel bestreut und ab in den Ofen. Nichts ist passiert mit den Einschnitten. Gar nichts. Das ginge ja noch. Aber die Dinger schmeckten auch nicht wie Fastenwähen. Schon eher wie eine indische Vorspeise. Wiederum bringt Google die Erleuchtung. Es gibt zwei verschiedene Arten von Kümmel. Ich habe Kreuzkümmel verwendet – den falschen. Absolut ungeniessbar. Na ja, den Kojoten wirds schmecken. Die fressen alles.

Firewall


Ist die Schneise breit genug, frage ich Karl. Er ist Feuerwehrmann in Los Angeles und mein Nachbar hier in der Wüste. Zeitweise zumindest. Karl hat von seinem Grossvater ein kleines Haus in meiner Nähe geerbt und das renoviert er nun selber in seiner Freizeit. Heute habe ich ihn mit einem schönen Lunch von seiner Arbeit weggelockt und ihn genötigt, mein Haus und vor allem die Bäume und Büsche drumherum feuertechnisch unter die Lupe zu nehmen. Ich will nicht, dass es so kommt wie auf obenstehendem Bild. Also habe ich nach den grossen Feuern in Südkalifornien vor ein paar Wochen meinen andern Nachbarn Danny angestellt, damit er mir mit seinem Traktor eine breite pflanzenlose Schneise rund um meinen Zaun fräst. Karls Gegenfrage kommt unerwartet. Breit genug für wenn du zuhause bist oder für wenn du nicht zuhause bist, fragt er. Breit genug, um das Haus zu retten, sage ich erstaunt. Wenn du zuhause bist, hast du kein Problem, wenn du nicht zuhause bist, hast du kein Haus. Er sagt es nonchalant; für ihn ist das eine Banalität. Ich starre ihn entsetzt an. Wenn du zuhause bist, nimmst du den Gartenschlauch und erstickst die glühende Asche, die der Wind in deine Nähe bläst im Keim. Wenn du nicht zuhause bist, kann sich die kleinste Glut zu einem grossen Brand ausdehnen, da hast du eh keine Chance. Aber mach dir keine Sorgen, so grosse Brände sind selten und du bist ja nicht im Buschgebiet oder im Wald wie all die Leute, die kürzlich ihre Häuser verloren haben. Er zeigt auf ein paar Bäume, die nah am Haus stehen. Da kannst du ein paar Äste absägen, wenn du dich dann besser fühlst, sagt er. Aber wenns die Winde so stark sind wie vor ein paar Wochen, dann brennt eh alles. Karl sagt, er würde sein Haus bei einer verordneten Evakuation nicht verlassen. Ob ich so mutig sein werde (oder so dumm, je nachdem), weiss ich nicht. Ich hoffe nur, dass Karl gerade in der Gegend ist, wenns losgeht.

Saturday, November 10, 2007

Grüne Lüge


Wenn es nach dem Los Angeles Department für Wasser und Energie geht, sieht unsere schöne, unberührte Wüste bald so aus – durchsetzt mit riesigen 500 Kilovolt Strommasten und -Leitungen. Und weil die in LA wissen, dass wir hier draussen das nicht in unserem Vorgarten wollen, haben sie klammheimlich kleine Markierungstafeln in den Sand gegraben. Ohne jemandem was zu sagen. Nicht mal dem San Bernardino County, das für das Land verantwortlich ist. Das könnte LA nun ein Bein stellen, denn San Bernardino ist das grösste County der USA und wenig begeistert, wenn Los Angeles sich in fremden Gärten umtut. Das LAWPD, wie das Departement abkürzt heisst, gehört der Stadt und somit dem LA Bürgermeister Antonio Villaraigosa, um es jetzt mal salopp zu sagen. Und der hat geschworen, dass Los Angeles bis 2010 zwanzig Prozent seines Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen speisen wird. Das ist ja gut und recht. Aber um dieses Versprechen zu halten, geht er nun über Pumas, Maultierhirsche, Dickhornschafe und Dachse, welche in ihrem Migrationsverhalten enorm gestört würden. Und über all die Menschen hier, die sich die Mojave wegen der hohen Lebensqualität ausgesucht haben. Saubere Luft, sauberes Wasser, sternenklare Nächte und intakte Natur rundherum. Zwei Naturschutzgebiete würden die Leitungen durchqueren und mehrere kleine Städte und Dörfer, unter anderem auch die historische Westernstadt Pioneertown, die in den fünfziger Jahren als Filmkulisse gebaut worden ist. Um das alles schmackhaft zu machen, hat man das Projekt Greenpath genannt, nach dem Motto, wo grün draufsteht, ist auch grün drin. Fragt sich nur für wen. Hier draussen ist dem Projekt jedenfalls der Kampf angesagt worden. Hervorragend gemachte Informations-DVDs werden verteilt, Medien mobilisiert und alle Rechtsschritte ausgeschöpft. Wir wollen doch nicht dafür bezahlen, dass die LAler sich auf unsere Kosten auf ihrem grünen Gewissen ausruhen können.

Thursday, November 1, 2007

Feuerprobe


Ich habe sie wieder einmal gemacht letzte Woche, meine mentale Liste, was ich alles aus meinem Haus rausholen muss, falls es auch hier zu brennen anfangen sollte. Zum Zeitpunkt, als ich diese Zeilen schreibe, ist das nächste Feuer etwa sechzig Meilen von mir entfernt. Ich kann den riesigen, weissen Rauchpilz vom Lake Arrowhead Feuer sehen am Horizont. Und ich kann das Kratzen im Hals spüren von den feinen Russpartikeln, die überall in Südkalifornien in der Luft rumschwirren. Ich habe leichtes Asthma, das meist bestens unter Kontrolle ist. Aber heute morgen hat mich ein besorgter Feuer-Anfruf aus der Schweiz aus dem Schlaf geholt und ich bin ab meiner eigenen Stimme erschrocken. Sie klang, als hätte ich die Nacht in einem rauchigen Saloon durchzecht. Keine körperliche Ertüchtigung im Freien für niemanden in Südkalifornien, hat der Fernsehdoktor etwas später gesagt. Wo ich doch gerade heute eine achtstündige Wanderung machen wollte. Danke vielmals, Herr Doktor, nun kann ich den Tag guten Gewissens auf dem Sofa verbringen und meine mentale Liste weiterhin überdenken. Wirklich Wertvolles habe ich seit letztem Jahr, als wir hier oben in der High-Desert die verheerenden Feuer hatten, eh nicht mehr im Haus. Alle meine Fotos und Papiere sind in Venice Beach vor dem Feuer sicher. Da ist die Wahrscheinlichkeit eines Tsunami grösser als die eines Lauffeuers. Und falls beides zusammen passiert – dann brauche ich eh keine Papiere mehr. Aber was ich nun bestimmt initieren werde, ist ein Rundgang um mein Haus mit einem Feuerwehrmann, der mir sagt, welche Bäume zu nah am Haus stehen und abgeholzt werden müssen. Das ist am TV deutlich zu sehen gewesen – je weniger Vegetation nah am Haus, desto grösser die Chance, verschont zu werden. Sollte der Feuerwehrmann allerdings etwas gegen meine Kakteen haben, dann wirds schwierig. Aber das kann ich mir nicht vorstellen, die speichern schliesslich Wasser wie Hydranten.

Tuesday, October 23, 2007

Endlich, Sahara


Die Mojave Wüste ist offenbar anders als man sich das vorstellt, wenn man noch nie hier war. Max ist enttäuscht. Darüber, dass es überhaupt Vegetation hat rund um mein Haus. Und dass der Sand nicht – Sand ist, wie er sagt. Wie würdest du denn dem sagen, frage ich und strecke ihm eine Handvoll von dem Zeug entgegen, dass ich soeben vom Boden aufgehoben habe. Ich weiss, auch nicht, Sand jedenfalls nicht, sagt er, da hats noch kleine Steine drin. Hat der gesehen, wie es gestäubt hat, als wir die “Sand”-Strasse hochgefahren sind? Aber er will sich nicht von mir überzeugen lassen. Sand verbindet er mit dem Feinheitsgrad, den er an den Sandstränden der Malediven kennengelernt hat. Und den will er hier auch sehen. Sonst hat er kein Wüsten-Feeling, wie er meint. Was ist das denn, frage ich. Sonne, Sand, Sahara halt. Aha. Sahara. Da hätte ich doch gerade das richtige für dich, sage ich. Anderthalb Stunden von meinem Haus entfernt sind die Kelso Dünen, da fährst du morgen hin, sage ich. Dann ist mal Ruhe im Stall, denke ich. Die Kelso Dünen sind eine 115km2 grosse Sandablagerung inmitten des Mojave Naturschutzgebietes – extrem feiner Sand, meist Quarz und Feldspat, und Teil eines viel grösseren Erosion-Transportsystems, das vom ausgetrockeneten Mojave River Bett bis zum nahegelegenen Devil’s Playground im Death Valley reicht. Die Kelso Dünen bestehen aus fünf übereinandergeschichteten Dünen, die sich alle in den letzten 25 000 Jahren, je durch klimatische Veränderungen, geformt haben. Wie jemand sowas rausfindet, ist mir ein Rätsel – es ist einfach Sand, um Himmelswillen. 200 Meter hoch ragen die Dünen über den Wüstenboden und Max braucht zwei Stunden um hochzuklettern. Und eine halbe Stunde, um runterzugleiten. Und weil die Kelso Dünen singende Dünen sind, die beim Runtergleiten ein niederfrequentes Grollen von sich geben, findet Max die Mojave nun doch noch toll. Sonne, Sand, Sahara, Singen halt.

Friday, October 19, 2007

Was ich mag


Wie kommt es eigentlich, dass Kunst nicht veraltet? Einfach, werden Sie sagen, gute Kunst veraltet nicht. Ich finde es trotzdem erstaunlich, dass mich Bilder, die mich seit zwanzig Jahren begleiten, nicht ab und zu mal langweilen. Eines davon ist die erste Arbeit, die ich je gekauft habe – eine Zeichnung von Silvia Bächli. Sie zeigt übereinander geschlagene Frauenbeine in Ballerinas und hängt in meinem Schlafzimmer inmitten der Mojave. Vor fünf Jahren habe ich für eine Weile in Venice einen Kunstraum unterhalten, wo ich für jede Ausstellung junge Schweizer Künstler mit jungen, in Los Angeles ansässigen Künstlern gepaart habe. Das war schön und erfolgreich, bis das Geld ausging. Manche der Künstler haben mir am Schluss der Ausstellung eine Arbeit geschenkt – auch ein netter Weg zu einer kleinen Sammlungserweiterung zu kommen. Auch diese Werke hängen nun hier in der Wüste. An was ich mich in den letzten Jahren nicht habe sattsehen können, sind Paul Hadleys Photografien. Hadley hat ein paar Ausstellungen gehabt, aber er ist noch nicht gross bekannt. Er hat keine Kunstschule besucht. Hadley photografiert viel in der Wüste, aber nicht nur. Verlassene Häuser im Nichts, Autos, die durch die Dämmerung schleichen, Menschen, Wüstengestalten. Ich mag, was Paul Hadley sieht. Und ich mag, was er mir vorenthält. Wie spährlich kann visuelle Information sein, dass das Hirn die fehlenden Teile noch einfüllen kann? In seinen stärksten Bildern wird das Nichtsehen zum Wissen. Ich weiss, dass dieses Haus in der Mojave steht (und nicht weil Hadley es mir gesagt hat, come on). Sehe ich es, kann ich das Wissen an einem Punkt festmachen? Nein. Hadleys Bilder sind nicht bearbeitet. Er fängt den perfekten Grad an Flüchtigkeit in dem Moment ein, wo er gerade schon wieder vorbei ist. Vielleicht hat es mit einer Wüstensicht der Dinge zu tun, mit flirrender Hitze. Ach, ich weiss doch auch nicht. I just love it.

Wednesday, October 10, 2007

Sammelwut


Eigentlich will ich sie alle. Von Beginn an, alle. Aber dann müsste ich anbauen. Und finanzkräftiger sein. Viel finanzkräftiger, dann die alten Pendleton Indianer-Wolldecken sind hoch gehandelte Sammlerstücke. Acht Stück besitze ich, und die meisten davon sind nicht alt. Aber die kräftigen Farben und wunderschönen grafischen Muster sind teilweise die gleichen geblieben. Der Begriff “Indianerdecke” ist irreführend. Es sind nicht Decken, die von den Indianern gemacht werden. Pendleton Decken werden seit anfang 1900 von Weissen für die Indianer und nach indianischen Mustern gemacht. Die Erfindung und weitere Verbreitung der Jacquard-Technik hat es möglich gemacht, komplizierte Muster sowohl maschinell wie doppelseitig zu weben. Verschiedene Wollmühlen haben für den indianischen Markt zu produzieren begonnen. Keine hat es so gut gemacht wie diese in Pendleton, Oregon. Nicht nur war ihre Qualität besser als die der andern, ihre Marketing Kampagne hält auch heutigen Standards stand. “Marktforscher” wurden zu den verschiedenen Reservaten geschickt und Kundenwünsche und Gewohnheiten erfragt. Broschüren wurden gedruckt, die Abbildungen von Stammeshäuptlingen in Pendleton Decken eingewickelt zeigten. Vor allem auch den Navajos, anzahlmässig der grösste Stamm, sind die Decken schnell lieb geworden. Die dicke Wolle schützte vor den kalten Nächten auf der Hochebene New Mexicos und Arizonas viel besser als die handgewobenen Decken, die sie bis anhin kannten. Und die Muster und Farben gaben was her. Pendleton Decken sind innert kürzester Zeit zum indianischen Statussymbol avanciert und haben ihren Platz in Stammesritualen gefunden. Auch heute noch symbolisiert die Decke als Geschenk Freundschaft, Dankbarkeit und Respekt. Und davon kann man ja nie zuviel haben, denke ich und studiere schon mal prophylaktisch den Katalog. Da gäbs schon noch einige, die ich mir schenken lassen würde.

Wednesday, October 3, 2007

Zu früh gefreut


Da man in diesen Gefilden hier im allgemeinen halbvolle Gläser sieht und nicht halbleere, redet man vom Wetter, wenns perfekt ist und nicht dann, wenn sich der Gang vor die Tür anfühlt, wie wenn man als eingefettetes Huhn in einen stundenlang vorgeheizten Backofen gesteckt würde. Ist es nicht grossartig draussen, sagt Wendy an der Supermarktkasse und zieht selbst die schweren Waren beschwingt am Barcode-Scanner vorbei. So sollte es immer sein, findet Jerry und fuchtelt mit dem Schraubenschlüssel in seiner ölverschmierten Hand dem Himmel entgegen. Das Lösen meiner Radschraube bringt ihn trotzdem ins Schwitzen. Wieder mal Truck-Trouble – diesmal Plattfuss. Und weil es tatsächlich so perfekt ist draussen, mache ich mich zu einem langen Marsch auf. Die Hunde müssen mal wieder richtig ausgelüftet werden. Dann bleiben die losen Haare, die sie um diese Jahreszeit verlieren, hoffentlich draussen an den Kakteen hängen und nicht auf dem Wohnzimmerteppich. Staubsaugen ist schliesslich nicht meine Passion. IPod ins Ohr und ab gehts – Devendra Banhart hat eine neue CD – perfekt. Es ist bereits zehn Uhr morgens, herrlich, dass man Aussenaktivitäten nicht mehr auf Randzeiten verschieben muss wegen der Hitze. Ich laufe los, höre Musik, freue mich über den Herbst, der schon zu spüren ist. Aber eben noch nicht richtig da ist. Nach einer halben Stunde mag auch Devendra nicht mehr drüber hinweg zu täuschen, dass ich Bäche schwitze. Und dass ich ohne Wasserflasche losgelaufen bin. Die Hunde legen sich auch schon mit hängender Zunge unter jedes Zweiglein, dass Schatten verspricht. Fünf Jahre in der Wüste und kein bisschen weiser – ohne Wasser loslaufen – ich fasse es nicht. Ich kehre um und komme kaum vorwärts. Frühstuck hatte ich auch keins, was nun auch nicht weiter hilft. Ich schleppe mich mühselig und langsam wieder nach Hause. Es dauert ewig, und mir ist übel, als ich ankomme. So schnell gehts.

Saturday, September 29, 2007

Der Reigen


Und plötzlich ist da diese Möglichkeit, durch befreundete Filmer in ein Haus eines der grossen Architekten der Moderne reinzukommen. (Name von der Kolumnistin zurückgehalten – Grund folgt). Da wird die alte Dame interviewt, die das Haus seinerzeit gebaut hat. Sie ist äusserst nett, distinguiert und eben alt und hat darum etwas länger, sich auszudrücken. Wie sie den Architekten gefunden hat, wie sie mitgeholfen hat, das Haus mit ihren eigenen Händen zu bauen, dass es Spass gemacht hat, darin mit Freunden zu musizieren, erzählt sie. Oder besser gesagt, will sie erzählen. Ihre Tochter unterbricht sie die ganze Zeit lauthals und drängt sie, schneller zu sprechen. Sag jetzt dies, Mom, sag jetzt das, Mom. Du willst doch eigentlich sagen, dass, Mom… Bis die Mutter überhaupt nichts mehr sagt und stumm in einer Ecke zusammensinkt. Ich befürchte, es würde unhöflich erscheinen, wenn ich die Tochter jetzt erwürgte und lasse es bleiben. Aber es kommt schlimmer. Die laute Tochter hat den Filmemachern, wahrscheinlich gegen Zutritt zum Haus, eine Szene abgerungen, in der sie mit zwei andern Tänzern durchs Wohnzimmer tanzt. Es handelt sich wohlverstanden um einen Dokumentarfilm über besagten Architekten. Sie habe ihren Körper schon als Kind als Instrument verstanden, hat sie vorhin eingeworfen, als die Mutter vom Klavierspielen erzählt hat – in einem missglückten Versuch, der Mutter vor der Sonne zu stehen. Mir schwant Böses. Dieses plumpe Debakel kann ich mir nicht antun. Ich verabschiede mich überstürzt, was die Tochter mit Enttäuschen quittiert. Dann sehen Sie ja den Tanz nicht, sagt sie. Eben, denke ich. Draussen sehe ich die Kostüme der Tänzer und gratuliere mir zu meinem unfreundlichen Abgang. Ihm fehlten die Worte, um die Szene zu beschreiben, sagt der Produzent am nächsten Tag, gefolgt von: Film kann man schneiden. Und die Moral von der Geschicht: Moderne schützt vor Torheit nicht.

Saturday, September 22, 2007

Winnetou & Co.


Es ist nicht nur die New York Times, die sich wundert und letzthin dem Phänomen eine grosse Geschichte gewidmet hat – es sind auch meine Verwandten in Gallup, New Mexico, die einen Indian Trading Post haben, die sich immer wieder kopfschüttelnd fragen: wie kommt es, dass Busladungen voll deutscher Touristen begeistert Türkisschmuck einkaufen und bei Wildwest-Souvenirs entzückt in Kaufrausch geraten. Nicht dass sie etwas gegen Kaufrausch hätten. Aber der Grad der Verzückung über alles Indianische per se ist doch etwas auffallend. Die Antwort ist natürlich Karl May, der erfolgreichste deutsche Autor aller Zeiten. Hundert Millionen Bücher hat er verkauft, vielleicht zweihundert Millionen, wenn man die Übersetzungen dazu rechnet. Und er hat das deutsche, aber auch das europäische Bild von Cowboys und Indianern und von Amerika im weiteren Sinne für mindestens ein Jahrhundert geprägt. Dass Karl May seinen ersten Indianer im Alter von 66 Jahren traf - auf seiner ersten Amerikareise, lange nachdem er Winnetou und Old Shatterhand zum Leben erweckt hat – hat kaum jemanden je gestört. Es ist ein Zeugnis für seine Imagination und Erzählkunst. Karl May’s Quellen waren Erlebnisberichte von Siedlern. Man nimmt an, dass er seine Geschichten und Figuren im Gefängnis ersonnen und zu schreiben begonnen hat, wo er mehrere Jahre für Diebstahl und Schwindel abgesessen hat. Dass es in Deutschland Festspiele gibt, bei denen Deutsche als Apachen und Navajos verkleidet, rumrennen, kann kein Amerikaner so richtig glauben und Alex schon gar nicht. Alex ist Navajo und arbeitet im besagten Indian Trading Post in Gallup. Er versteht nicht, warum die deutschen Touristen manchmal verzückt auf seine langen Zöpfe zeigen. Wenn sie schon alles über uns wissen, warum dann nicht, dass mit nacktem Finger auf jemanden Zeigen und Anstarren bei uns der Inbegriff von Unhöflichkeit ist, fragt er und lacht trotzdem gutmütig.

Wednesday, September 12, 2007

Legendenbildung


Man kann das Phänomen hier wohl kaum als “urban legend” bezeichnen, denn urban ist es wahrlich nicht an diesem gottverlassenen Stück der Route 66. Die kleine Stadt Amboy, die am nächsten beim Schuhbaum liegt, ist verlassen – tot, von einem Tag auf den andern, als damals in den Sechzigern der Interstate 40 die gemächliche Route 66 ersetzt hat. Ich fahre alle paar Monate an der Geisterstadt vorbei, die nun einer gekauft hat und wieder in Schwung bringen will. Aber da ist noch nichts von Leben. Und dann, eines Morgens, als ich auf dem Weg nach New Mexico bin, ist plötzlich dieser Baum da, an dem hunderte von Schuhen hängen, zusammengeknüpft an den Schuhbändeln und hochgeworfen bis sie an einem Ast hängenbleiben. Bin ich blind? War der immer hier und ich hab ihn nie gesehen, weil man eh nichts sieht, wenn man kurz nach Sonnenaufgang gegen Osten fährt? Nein, glaub ich nicht. Der muss neu sein. Ich bin schliesslich weitsichtig, nicht kurzsichtig. Ich halte an und mache ein Photo – wenn schon mal eine Kolumne am Wegrand wächst. Ich fahre weiter und überlege mir, ob die Reisenden zwischen Las Vegas und Palm Springs hier ihre alten Schuhe entsorgen, nachdem sie in den Outlet Malls mehr Schnäppchen gemacht haben als ihr Koffer fasst. Wieder zuhause, finde ich raus, dass keiner wirklich weiss, woher das Ritual des Schuhewerfens stammt und was es bedeuten soll. Hängen die Schuhe an elektrischen Leitungen, in LA zum Beispiel, nimmt man an, dass es sich um Shoefiti handelt – das Markieren von Gang-Territorium mit Schuhen.
Es könnten aber auch Streiche an Betrunkenen sein, wird eingeräumt. Andere wiederum sagen, der Schuhwerf-Ursprung sei die Freude über das Ende der Militärausbildung. Was gesicherte Information ist: Auf dem Internet kursieren Bilder genau dieses Baumes von 2002 – mit viel weniger Schuhen dran zwar, aber trotzdem. Und ich denke, ich gehe mit offenen Augen durch die Welt…

Wednesday, September 5, 2007

Sondermüll


Fünfzehn Meilen geradeaus gegen Osten liegt die Müllhalde von Twentynine Palms. Auf der Ladebrücke meines Pickup Trucks liegt ein alter Teppich. Der muss sofort aus meinem Blickfeld. Kurz nach acht Uhr morgens fahre ich los. Bei 43 Grad Celsius besucht man eine Müllhalde besser morgens als nachmittags. Weniger Müll und weniger Hitze gleich weniger Gestank. Eine Müllhalde mitten in der Wüste – man könnte Schlimmstes vermuten. Und ist positiv überrascht. Eine breite, perfekt geteerte Strasse führt aufs Areal. Ich halte auf einer riesigen Autowaage beim Pförtnerhäuschen an und steige aus. Das Häuschen ist leer. Ich schaue mich um und sehe eine Frau winkend auf mich zujoggen. Sie hat einen iPod umgeschnallt und nimmt nun die weissen Kopfhörer ab. Ich muss mein tägliches Training absolvieren solange es noch nicht zu heiss ist, sagt sie und nimmt mir zwölf Dollar ab für die Entsorgung. Dann fahre ich zum Gebäude mit dem grossen Loch im Boden. Und sehe, dass das, was von weitem wie eine gepflegte Kakteenlandschaft aussieht, mehr ist als das. Tausende von Fundstücken, offensichtlich vor dem Fall in die grosse, dunkle Grube gerettet, sind hier liebevoll zu witzigen kleinen Szenen installiert. Puppen und Tierfiguren aus Plastik, Holz oder Porzellan bevölkern die Szene, Spielzeugautos sorgen für Transportmöglichkeiten. Es gibt Schaukelpferde neben Plastikpanzern und Pinguinfamilien neben Indianern. Als ich aussteige, um mir das alles genauer anzusehen, kommt eine Frau mit gelbem Helm auf mich zu. Diane, sagt das gestickte Namensschild auf ihrem Hemd. Mit Besitzerstolz zeigt sie auf ihre Installation: das sind vier Jahre Abfallsortieren, sagt sie. Manche denken ich spinne, aber ich mag einfach nicht den ganzen Tag Abfall anschauen. Jeden Abend fügt sie die Fundstücke des Tages hinzu. Jede Nacht kommen die Hasen und stossen Sachen um. Jeden Morgen stellt Diane alles wieder ordnungsgemäss auf.

Wednesday, August 29, 2007

SF - 29


Wo kommen plötzlich all die Leute aus San Francisco her? Je länger ich hier draussen in der Mojave lebe, desto mehr San Francisco Nester tun sich auf. Meist sammeln sich die SF Flüchtlinge um einen ersten mutigen Siedler, einen Ausscherer aus einem Freundeskreis, dem bald weitere folgen. Erst nur für Wochenenden, dann kaufen sie ihr eigenes Haus und bleiben wochenweise, und bald sind sie für immer da. Warum San Francisco, frage ich. Viele nennen die galoppierenden Häuserpreise in und um San Francisco als ersten Grund, aber das kann nicht alles sein. Mein Freund Ron zum Beispiel, ist Komponist und besitzt eine Bar in San Francisco. Er kam, weil er Stille suchte, hoch oben in den Bergen, zehn Meilen von der nächsten geteerten Strasse entfernt. Tony kam, weil er als Künstler die Wüste als neu zu bespielende Leinwand sah, weit ab vom Geschwätz der Kunstszene – eine Rechnung, die nur bedingt aufging. Mittlerweile leben genug Künstler hier draussen, um Eifersüchteleien und Animositäten einen sandigen Nährboden zu geben. Und dann ist da Jenna, eine junge Musikerin und politische Aktivistin, definitiv auf der linken Seite der politischen Arena angesiedelt. Sie ist gekommen, weil – eigentlich weiss ich nicht genau, warum sie gekommen ist, ausser, dass sie sich in die Weite der Mojave verliebt hat. Aber ich weiss, was sie nun tut, hauptberuflich sozusagen. Im Detail. Sie hat eine Affäre im anderen politischen Lager. Mit einem viel älteren Mann, der das Gegenteil von all dem verkörpert, was ihr vom politisch korrekten und freigeistigen San Francisco bekannt und lieb ist. Mr. X ist ein kontrollierender, republikanisch wählender Berufsmilitärler von der Marine-Basis in der Gegend, und Jenna ist ihm verfallen. Er ist so anders, sagt sie und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Vielleicht ist ihr die Freiheit der Mojave zuviel geworden. Vielleicht allerdings, ist er ganz einfach auch wirklich gut.

Wednesday, August 22, 2007

Abgezockt


Also gut. Ich bin wieder mal im Wilden Westen stecken geblieben mit meinem Pick-up Truck. Mitten in Flagstaff, Arizona, wollte er nicht mehr – an einem Freitagnachmittag, etwa 180 Meilen vor meinem Ziel in Gallup, New Mexico. In die nächste Garage abschleppen, Mietwagen und alles, was so dazugehört. Am Montagmorgen dann das telefonische Urteil: Benzinflussregler, 200 Dollar mit Arbeit. OK, sage ich und mache einen Ausflug nach Santa Fe mit meinem Mietwagen, einfach so, grad z’leid, wenn ich schon warten muss. Am Dienstag ist das neue Teil eingebaut, aber der Wagen fährt nicht, sagt der Garagist. Diesmal soll die Reparatur 400 Dollar kosten. Ich rufe Danny an, meinen Wüstennachbar und Mechaniker, und frage um Rat. Die hauen dich übers Ohr, da in Flagstaff, sagt er. Sowas kann er auf den Tod nicht ausstehen. Also mieten er und seine Frau Sandy am nächsten Tag einen Abschleppanhänger für ihren Truck und fahren 380 Meilen, um mich abzuholen. Wir bocken die Vorderräder auf den Anhänger und schleppen ihn die 380 Meilen zurück nach Kalifornien. Etwas habe ich allerdings nicht bedacht, als ich den Vorschlag dankbarst angenommen habe – Danny und Sandy sind Kettenraucher und nach über fünf Stunden auf ihrer Hinterbank, bin ich eine Rauchwurst und muss dekontaminiert werden. Aber was soll man machen - nachdem sie schon den ganzen Weg angefahren kommen, kann ich mich ja wohl kaum über den Rauch beschweren. Danny’s Schulterhündchen scheint das nichts auszumachen, solange es in der Pole Position mitfahren darf. Am nächsten Tag macht sich Danny daran, rauszufinden, was mit dem Truck nicht stimmt. Rein gar nicht, stellt sich heraus, das Gefährt springt sofort an. Auch nachdem er zum fünften Mal die Sandstrasse rauf und runter gebrettert ist, lässt sich nichts finden,. 760 Meilen quer durch Kalifornien und Arizona, um rauszufinden, dass es gemeine Garagisten gibt. Und unbezahlbar nette Nachbarn.

Thursday, August 16, 2007

Geschäftssinn?


Das ist der Baum, den ich will: Palo Verde, was soviel heisst wie grüner Stab. Der Baum ist eigentlich in der Wüste von Arizona beheimatet, aber so genau nehmen wir es nicht in Kalifornien, wenn uns etwas gefällt. Er braucht wenig Wasser und ist ein Musterbeispiel an Energiegewinnung. Er macht nämlich seine Photosynthese nicht nur durch die Blätter sondern auch durch seinen grünen Stamm und die grünen Äste. Die sind wirklich so grün wie auf dem Bild. Da habe ich nicht mit Photoshop nachgeholfen. Also gut, ein bisschen saturierend nachgeholfen, aber nur um dem natürlichen Grün gerecht zu werden. Im Frühjahr sind die Bäume während zwei Monaten mit leuchtend gelben Blüten überzogen. Das will ich auch in meinem Garten. Meiner Mutter muss ich zuviel von den Dingern vorgeschwärmt haben. Geh und kauf dir ein paar davon, ich zahle sie, sagt sie ungeduldig ins Telefon, nur damit ich aufhöre. Ich haste in die nächstgelegene Gärtnerei und schaue mich um. Und sehe nichts Grünstämmiges. Endlich kommt ein Gärtner aus dem Gewächshaus und schleicht durch die Nachmittagshitze auf mich zu. Ach, Palo Verde, sagt er abwinkend, die will nun jeder und ich habe keine. Ich hasse, wenn jeder will, was ich will. Aber ich will diesen vermaledeiten Baum nun trotzdem. Er führt mich unter einen riesigen Palo Verde, der vor der Gärtnerei gepflanzt ist. Er bückt sich und hebt viele der trockenen Hülsen auf, in denen die Samen sitzen. Hier, sagt er und drückt sie mir in die Hand, die wachsen schnell, und so müssen Sie kein Geld ausgeben. Er erklärt mir, wie genau ich die Samen zum Keimen bringen muss. Muss man denn hier alles selber machen, denke ich, bis sich ein anderer, lieblicher Gedanke in mein Hirn schleicht. Wenn es stimmt, dass der Baum so schnell wächst, wird er mir bis zum Kinn reichen, wenn meine Mutter das nächste Mal angeflogen kommt. Wie teuer waren die handgenähten Westernstiefel nochmal?

Wednesday, August 8, 2007

Pioniergeist


“Es gibt so etwas wie ein zu langes Leben” hat Mary Colter mit 87 gesagt, ein Jahr vor ihrem Tod 1958. Damals ist eines der berühmten Hotels abgerissen und ein anderes geschlossen worden, welches die Architektin entlang der Santa Fe Bahnlinie gebaut hat, die den mittleren Westen mit Kalifornien verbindet. Die grosse Zeit der Bahnreisen war vorbei und das Hotel El Navajo in Gallup, New Mexico musste für eine Verbreiterung der Route 66 weichen. Dass gerade diese weitsichtige Pionierin im Glauben sterben musste, dass ihre Arbeit in Vergessenheit geraten würde, ist ungerecht. Noch heute sehen mehr Leute ihre Gebäude in einer Woche als diejenigen ihres Zeitgenossen Frank Lloyd Wright in einem Jahr. Sie wird erst jetzt wieder entdeckt, weil die Architekturgeschichte rund um die Architekturschulen im Osten geschrieben worden ist, und Mary Colter eigenständig im Südwesten gebaut hat. Man muss sich das vorstellen: Schon 1910, zehn Jahre vor dem Frauenstimmrecht, wird Mary Colter die Chefarchitektin von Fred Harvey, der alle Hotels, Restaurants und Shops entlang der Santa Fe Bahnlinie baut. Sie ist mit der kühnen Aufgabe beauftragt, grosse Gebäude zu den Naturwundern des Westens zu bringen. Und das hat sie getan, die zierliche und resolute Frau in Hosen und mit Stetson, eine kettenrauchende Perfektionistin. Allein am Grand Canyon hat sie acht Gebäude gebaut, eines davon, die Phantom Ranch Lodge unten im Canyon, wo jeder Stein mit Packeseln 9 Meilen nach unten transportiert werden musste. Der abgebildete Aussichtsturm, ein Souvenirkiosk, ist ganz an den Abgrund des Canyons gebaut. Er wirkt, als hätte er Jahrhunderte da gestanden, aber das perfekte Mauerwerk ist um einen Stahlrahmen gebaut. Für den dreistöckigen Innenraum hat Colter einen Hopi Künstler mit Wandmalereien beauftragt. Die Zusammenarbeit mit lokalen indianischen Künstlern hat sie immer wieder gesucht – auch bei ihrem liebsten Bau – dem Hotel La Posada in Winslow, Arizona. Es ist nun mit viel Liebe zum Detail restauriert worden. Die Perfektionistin würde sich freuen.

Tuesday, July 31, 2007

Fremdenführer


Es muss Reisezeit sein in der Schweiz. Herr R. aus B. ist nicht der einzige, der mich in den letzten paar Wochen über Email angefragt hat, wo er denn übernachten soll, hier oben in der High Desert. Wer hier weiterliest, tut das auf eigene Gefahr. So bin ich hier oben hängen geblieben – mit einem einzigen Aufenthalt im Twentynine Palms Inn. Ich gebe ja zu, dass ich eine impulsivere Wohnortveränderin bin als die meisten. Aber trotzdem. Die Gefahr besteht, dass sich Herr R. ein weniger hektisches Leben in der Mojave, mit viel Raum, durch den Kopf gehen lassen wird, wenn er sich hier abends im sanften Wüstenwind ein saftig-zartes Steak und Gemüse aus dem hoteleigenen Garten servieren lässt, nachdem er sich am selbstgebackenen Brot schon fast überessen hat. Das Twentynine Palms Inn ist um die natürliche Palmenoase gebaut, die dem Ort seinen Namen gegeben hat. Heute stehen da weit mehr als 29 Palmen und nicht ganz soviele Häuser. Das sind die Hotelzimmer, nur dass es eben Häuser sind – aus Holz oder aus Stein, wild zusammengewürfelt und stilmässig nur durch den Charme des Unperfekten zusammengehalten. Seit 1928 ist das Inn im Besitz der gleichen Familie geblieben und konstant erweitert worden. Seit neuestem sind auch ein paar geräumigere Häuser rund um das Inn zum Vermieten ausgebaut worden, wie das ehemalige Studio einer Künstlerin und die Dunkelkammer eines bekannten Wüstenfotografen. Das Epizentrum des Inns aber, ist sein hervorragendes, kleines Restaurant (das beste in der ganzen High Desert) mit seinen wenigen Tischen am Rande des Pools. Wer Glück hat, trifft auf mehr Einheimische als Reisende und bleibt von Foto- und Filmcrews auf der Suche nach Wüstenchic ganz und gar verschont. Und wer dann irgendwo am Strassenrand ein Schild sieht “Land zu verkaufen”, der hält lieber nicht an und notiert sich die Telefonnummer, wenn er nicht bereit ist, sein Leben auf den Kopf zu stellen.

Tuesday, July 24, 2007

Kahlschlag


Die werden bald alle einem Parkplatz und einem grossen Walmart Einkaufszentrum weichen müssen, diese Joshua Trees - 129 davon, um genau zu sein. Zumindest wenn es nach dem Willen von Walmart geht. Und es geht oft nach dem Willen von Walmart – dem grössten Unternehmen der Welt. Ein Super-Walmart braucht die High-Desert, sagen sie, so gross wie 12 - in Worten zwölf – Fussballfelder, mit Rieseneinkaufszentrum, Tankstelle, Fastfood Restaurant und Parkplätzen. Alles selbstverständlich rund um die Uhr geöffnet und beleuchtet. Was sind da schon ein paar gefährdete Bäume, ein paar vom Aussterben bedrohte Schildkröten, und die Gefährdung eines sensationellen Sternenfirmaments durch Lichtverschmutzung Aber gegen Umweltgesetze kommt auch Walmart nicht so leicht an. Eine Umweltstudie muss vorliegen, bevor sie loslegen können. Und die schaut nicht viel anders aus als die Walmart-Geschäftspraktiken: sie schlägt die Opposition mit Masse tot. Sie versucht es zumindest. 488 Seiten über Luftqualität allein und 414 Seiten über Verkehrshochrechnungen, um nur zwei kleine Kapitel zu nennen, lassen auch eingefleischte Umweltschützer ermatten. Aber mundtot lassen sie sich trotzdem nicht machen. So waten sie zur Zeit durch Papierberge und nehmen es genau. Sie zählen, wieviele der Joshua Trees auf dem Gelände verpflanzbar sind und kommen, nicht wirklich überraschenderweise, auf eine viel geringere Zahl als die Walmart-Leute. Und sie suchen nach den geschützten Wüstenschildkröten, die laut Walmart auf dem Gelände nicht existieren. Es ist David gegen Goliath und noch ist alles offen. Letzten Oktober hat Walmart versprochen, sich innert kürzerster Zeit in ein radikal grünes Unternehmen zu wandeln, das nur mit erneuerbarer Energie arbeitet und unter dem Strich null Abfall generiert. Das ist ja schön, wenns wahr ist. Noch radikaler ist nur, es ganz bleiben zu lassen. Zumindest im Umkreis von 30 Meilen, wo ich wohne.

Tuesday, July 17, 2007

Heulstory


Das hier ist die süsse Fassung des gemeinen Kojoten. Draussen, rund um meinen Zaun, schleicht die weniger knuddelige Art. Ein ganzes Rudel davon. Nun heulen sie wieder, die Kojoten der Mojave. Mehr denn je. In der Abenddämmerung und in den ersten Nachtstunden ist es am schlimmsten. Sie suchen Nahrung, und davon gibts dieses Jahr nicht viel. Es hat kaum geregnet letzten Winter und Frühling. Es gibt keine Gräser zum Nibbeln, und die Echsen, Schlangen, Nager und Kaninchen, welche zum Kojotenfutter gehören, haben dasselbe Problem und vermehren sich zur Zeit nicht in Rekordgeschwindigkeit. Die Kojoten sind die erfolgreichsten Opportunisten der Wüste – sie fressen alles, was sich irgendwie schlucken lässt. Sie ändern sogar ihr Aufzuchtsverhalten und ihre soziale Dynamik, wenn es sich lohnt. Und trotzdem überleben nur 5 bis 20 Prozent der Jungtiere das erste Jahr. Die Kojoten im Joshua Tree National Park haben auf Betteln umgeschult. Sie stellen sich mitten auf die Strasse und machen auf erbarmungswürdig. Mit gesenktem Kopf und eingezogenem Schwanz kriegen sie immer wieder Touristen dazu, trotz der vielen Verbotsschilder, was Fressbares aus dem Auto werfen. Kojoten jagen Tag und Nacht, mit Geschwindigkeiten von bis zu 60 km/h. Den kleinen Hund meiner Nachbarn haben sie sich geschnappt, indem sie sich unter einem Maschendrahtzaun durchgegraben haben. Wenn sie wollten, könnten sie über einen 2m50 hohen Zaun springen. Meiner ist nur 2m hoch. Bis jetzt schauen sie sich nur abends meine beiden grossen Hunde in der Auslage an und heulen den Kumpanen Mund-zu-Mund Propaganda zu. Das treibt meine Hunde zum Wahnsinn und sie bellen wütend in die Nacht. Das wiederum treibt mich zum Wahnsinn und ich belle wütend zu meinem Nachbar runter, der eine Batterie Kracher explodieren lässt, um die Dinger für eine halbe Stunde zu verjagen. Nun heulen die Hunde wegen den Krachern. Ah, die stillen Wüstennächte.

Tuesday, July 10, 2007

44° im Schatten


Zu was wären Sie bereit, um bei 44 Grad im Schatten dieses Bassin für sich in Anspruch zu nehmen? Ich persönlich mache mich älter. Drei Jahre älter um genau zu sein. Das macht man ab einem gewissen Alter nicht gern, aber das Leben ist eine Kosten-Nutzen Rechnung, und das Investment lohnt sich. Das ist so gekommen. Meine 86-jährige Nachbarin Eli hat mich vor zwei Wochen per Email gefragt, ob ich mit ihr ins Seniorenschwimmen kommen wolle. Nachdem ich mich vom ersten Schock erholt habe (ich und Senior, tststs), habe ich zugesagt. Wenn Sie nun meinen, Eli habe nur einen Fahrer gesucht, täuschen Sie sich. Sie fährt und ich bin Beifahrer. Jeden Tag ist der öffentliche Pool von halb zwölf bis halb eins für Leute über 55 reserviert, bewacht von drei Lifeguards. Warum man die alten Leute in der Mittagshitze badet, ist mir ein Rätsel, aber man ist hartgesotten, hier draussen. Der harte Kern sind Ladies von 80 an aufwärts. Die einen schwimmen, die andern palavern im Wasser. Eli beispielsweise legt einen Kraul hin, da kann ich nicht mithalten (speziell weil ich nicht kraulen kann). Elizabeth ist 81 und die einzige schwarze Lady in der Runde. Sie hat einen Schlaganfall überlebt und stapft sich nun im Wasser wieder zu Kräften, während sie Nixon Witze erzählt. Und weil meistens nur etwa sieben Leute da sind, habe ich drei Bahnen für mich alleine. Seit ein paar Tagen schwimmt da ein Mann. Er ist etwas älter als ich und hat mit mir zu reden angefangen. Und er hat meine Schwimmbrille repariert. Da haben mich die Damen zu sich rüber zitiert. Was mir einfalle, die ganzen Männer für mich zu horten, haben sie gesagt und sich schlapp gelacht, als ich mich rausgeredet habe, der würde mir nun aber gar nicht gefallen. Als Kevin am nächsten Tag wieder auftaucht, schreien sie mir von einem Beckenrand zum andern in Schwerhörigen-Lautstärke zu: Oh look, here comes your boyfriend. Ich gehe auf Tauchstation.

Tuesday, July 3, 2007

Supermodel


Der Joshua Tree ist ein imposanter Baum. Speziell wenn man bedenkt, dass er kein richtiger Baum ist mit einem Stamm mit Jahresringen und was da alles so dazugehört – der Joshua Tree ist der Hochstapler unter den Bäumen. Sogar seine wahre Identität ist zweideutig: mal will die grösste Yucca Pflanze (Yucca brevifolia) zu den Agaven gehören und mal zu den Liliengewächsen. Aber der Joshua Tree hat sich nicht nur ins Baumwesen eingeschlichen, sein neuester Tummelplatz ist das Fernsehen, Autowerbung um ganz genau zu sein. Da allerdings ist er nicht wählerisch. Er setzt sich neben aller Gattung von Fahrzeugen in Szene – Pickup Trucks, Kombis und Limousinen - egal. Er kümmert sich auch nicht ums Umweltschützerische. Benzinschlucker oder sparsame Hybrids, wie hier im Bild ein Toyota Camry Hybrid, sind ihm gleichermassen recht, solange er nur mitspielen darf. Der Joshua Tree ist zum Supermodel der Autowerbung aufgestiegen und somit allgegenwärtig. Hat seine Beliebtheit bei der Art Director Guilde damit zu tun, dass er der grafischste unter den Bäumen ist, weil sich seine ausgeprägte Form auch dann nicht zu einem undefinierten grünen Fleck verliert, wenn eine Auto mit Hochgeschwindigkeit daran vorbeifährt? Oder damit, dass der Joshua Tree nur in der Weite der Mojave vorkommt, einem Terrain, das üblicherweise mit langen Roadtrips durch unendliche Landschaften verbunden wird? Vielleicht sind die Gründe für seine Popularität auch von viel einfacherer Natur. Kann es sein, dass Art Directors eine leicht beeinflussbare Spezies sind und von einander visuelle Ideen klauen, was das Zeug hält (tschuldigung, da spricht jemand, der lange für die Werbung getextet hat)? Oder kann es sein, dass sich die Kreativen der Agenturen nach dem Abdrehen schon immer mal in den coolen Wildwest-Bars in der Weite der Mojave verlieren wollten (tschuldigung, da spricht jemand, der lange Autowerbung gemacht hat)?

Tuesday, June 26, 2007

Geschwindigkeitsrausch


Mit sieben Jahren Verspätung hat das 21. Jahrhundert nun auch mitten in der Mojave Einzug gehalten – das Internet kommt seit ein paar Tagen über Satellit zu mir ins Haus gerauscht und nicht mehr über die gute, alte Telefonleitung, und damit meine ich nicht DSL, sondern Wüstenschildkrötentempo mit einwählen und Knirsch- und Pfeiffton abwarten. Alle habe ich sie madig gemacht, wann denn nun endlich das schnelle Internet zu einem vernünftigen Preis zu haben sei – Telefongesellschaften, die Kabel TV-ler und die Satelliten TV-ler. Wahrscheinlich geht bei deren Telefonzentralen nun ein Alarm los, wenn meine Nummer auf dem Display erscheint. Man sagt, die Wüste sei ein idealer Ort zum Meditieren. Das kann ich nur bestätigen – ich habe hier draussen schon unzählige Stunden damit verbracht, auf meinem Computerscreen einen blauen Balken anzustarren, der langsam von links nach rechts hoppelt – und meinen Geist dabei langsam entweichen zu sehen. Und dann kommt es plötzlich, das Superangebot. Zwei junge Männer krakseln auf mein Dach, montieren eine nicht gerade dezente Schüssel (was mir in diesem Fall egaler nicht sein könnte) und nach einer halben Stunde hat das Leiden ein Ende. Was ich mit der gewonnenen Zeit alles machen würde, hab ich mir im Vorfeld überlegt: körperliche Ertüchtigung, Abtragen des Berges mit den nie geöffneten Büchern, perfekte Pedicure und so weiter. Und was habe ich gemacht? Auf der ABC Website Folgen von “Grey’s Anatomy” nachgeholt, die ich verpasst habe, auf iTunes “Joan as Policewoman” runtergeladen und mich auf youtube wieder einmal von Eddie Izzards Brillianz überzeugt, von der ich schon vorher überzeugt war. Am liebsten hätte ich gar eine meiner Kolumnen von letztem Jahr rezykliert, um noch mehr Zeit verdummen zu können. Und was hat das Bild mit dem Text zu tun? Absolut nichts. Das Foto hab ich vor einer Weile bei meinem Zahnarzt in Palm Springs gemacht. Kein Witz.

Tuesday, June 19, 2007

Jetzt oder nie


Es ist heiss im Juni in der Mojave. Warum ich ausgerechnet jetzt meine vielen Schranktüren und Schubladen in der Küche streichen muss – keine Ahnung. Aber heute ist der Teufel in mich gefahren: ein Hauch von Hellblau muss her. Ab zu Walmart, was als Billigwarenhaus nicht gerade die erste Adresse für Spezialwünsche ist, aber die nahegelegenste; Farbmüsterli bits jedenfalls. Ich decke mich mit allen Hellblaus ein und lasse nach langem Hin und Her zwei kleine Testbüchsen mischen. Ich weiss, wie schwierig es ist, die Farbwirkung von einem kleinen Muster im Laden auf eine grosse Fläche zuhause zu Extrapolieren - eine Riesentonne Orange in meinem Besitz zeugt davon. Jerry hinter dem Ladentisch ist zwischen siebzig und achzig (alte Leute (für wenig Geld) zu beschäftigen, gehört zu Walmarts Gepflogenheiten), und er trägt eine Flaschenbodenbrille. Er geht mit dem Computerscreen auf Tuchfühlung und mischt gemäss den Vorgaben. Die Kolben, aus denen er verschiedene Farbtupfer in meine weisse Büchse fallen lässt, sehen nicht sehr präzise reglierbar aus. Dann schluft er zur Mischmaschine und lässt schütteln. Er macht mit dem Finger je einen Farbtupf aufs Müsterli – zum Vergleich – und trocknet ihn mit einem Föhn. Dann stellt er mir die Büchsen zum Frass hin. Peppermint Vinca 92413 ist so präzis, dass man den Farbtupf kaum sieht. Bluebell 92423 ist so daneben, dass ich es aus drei Meter Entfernung sehe. Jerry zuckt nicht mit der Wimper. Das ist aber nicht wirklich Bluebell, Jerry, sage ich. Das könnte gerade so gut Boathouse oder Water Dance sein. Er stellt die Büchse wortlos zum Berg derer, die ebenfalls nicht auf Anhieb gelungen sind und setzt wieder neu an – ahhhh, Bluebell. Zuhause trage ich die beiden Farben an einer der Schranktüren auf und beobachte, wie sie sich mit den Lichtverhältnissen verändern. Am nächsten Morgen ist klar – Rainwater 92402 muss her. Sorry, Jerry. Da müssen wir jetzt durch.

Thursday, June 14, 2007

Wallfahrtsort


Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als an dieser Stelle endlich mal über das Harmony Motel zu schreiben. Es gehört in diese Reihe von Geschichten aus der High Desert. Das Harmony Motel kann nichts dafür, dass ich seinen berühmtesten Gast nicht mag. Es sitzt nur da am Strassenrand in Twentynine Palms und wartet, wer daherkommt und in einem seiner sieben Zimmer absteigt. Seit 1952 hat es da gesessen. Bis 1986 vier Männer aus Irland gekommen und ein bisschen geblieben sind. Aus dem sagenumwobenen Aufenthalt im Harmony Motel ist das U2 Album “Joshua Tree” hervorgegangen, eines der besten Alben der Achziger Jahre, wie viele Musikkritiker meinen. Durch den Albumtitel hat eine ganze Generation überhaupt erst von der Existenz eines Baums namens Joshua Tree erfahren. Fans haben erfürchtig die Gegend durchforstet und den auf dem Album Cover abgebildeten Baum vergebens im Joshua Tree National Park gesucht. Einer hat ihn gefunden – im Death Valley. Er hat die Stelle mit Steinen markiert, dem Baum ein ein kleines Denkmal gesetzt, als er tot umfiel und alles auf einer Website dokumentiert. Der U2 Aufenthalt und das Joshua Tree Album haben zur Legendenbildung des Harmony Motels beigetragen und ihm trotzdem kein Glück gebracht. Mindestens fünfzehn Besitzer hat es durch die Jahre gehabt. Keiner von ihnen hat das Motel renoviert – bis auf die jetzige Besitzerin. Mit Teppichen und sonstigen modernen Annehmlichkeiten hat die Frau aus Südafrika dem ursprünglichen Charme der Einfachheit den Garaus gemacht. Sie bediene eine neue Art Kundschaft, sagt sie und gibt sich Mühe, nicht zu werten. Ich habe wirklich nichts gegen das Harmony Motel. Nur gegen Bono’s heutige Omnipräsenz und seinen besitzergreifenden Anspruch auf Weltverbesserung. Kann man überhaupt etwas gegen einen haben, der seinen Einfluss dazu nutzt, gegen die Verschuldung der Dritten Welt anzukämpfen? Aber sicher doch. Ich kann das.

Tuesday, June 5, 2007

Wo wohnen Sie?


Hier draussen in der Weite der Mojave ist das eine einfache Sache mit den Strassennamen –wer zuerst kommt, benennt. Oft kann man anhand der Strassennamen rausfinden, an welcher Strasse welches Haus zuerst gebaut worden ist, denn die meisten Leute wählen ihren Familiennamen. Jackass ist kein Familienname. Jackass ist eine Beleidigung. Es ist einerseits die lockere Benennung für einen männlichen Esel. Und es ist andererseits, und weitaus häufiger in Gebrauch als Angriff auf jemandes Intelligenz. Wie zum Beispiel in der MTV-Serie “Jackass”, in der sich junge und nicht so junge Männer mit dummen Stunts gegenseitig zu überbieten versuchen und ihre Ehrerbietung erweisen – so sehr Jackass, dass es schon wieder als cool gilt. Meine Überraschung ist also gross gewesen, als ich das Jackass Trail Strassenschild ein paar Strassen von meinem Haus entfernt zum ersten Mal gesehen habe. Zuerst habe ich mir für einen Moment allen Ernstes überlegt, ob es hier wohl mal wilde Esel gehabt hat. Selber einer, dachte ich dann über mich selber. Ich habe mir weiter vorgestellt, dass man, wenn man von einem Cop angehalten würde – was mir ja nie passiert, da ich mich immer innerhalb der Geschwindigkeitslimite bewege – auf die Frage, wo man wohnt, laut Jackass sagen könnte, gefolgt von einem leisen Trail. Die Vorstellung vom darauffolgenden Wortwechsel hätte mich schon fast zu einem Gesuch nach Umbenennung meiner Strasse bewogen. Kürzlich hat mir mein neuer Nachbar Karl erzählt, dass er bei seiner Vorstellungstour durch die Nachbarschaft Mitchell getroffen hat, einen Ex-Marine Soldaten und derjenige, der dem Jackass Trail den Namen gegeben hat. Er sei ein Jackass, dass er Land in der Wüste kaufe, habe seine Frau von Anfang an gesagt. Und das sei ihm dann in den Sinn gekommen, als die Stadt gefragt habe, wie die Strasse heissen soll. Nicht weiter erstaunlich wird das Schild regelmässig gestohlen. Und wieder ersetzt.

Thursday, May 31, 2007

Ich sammle nicht


Mein Freund Josh hat damit angefangen. Vor ein paar Jahren hat er mir von einem seiner Stöbertrips durch Secondhand-Läden ein paar 50-er Jahre Wimpel mitgebracht. Die machen sich gut an deiner Wand hinter dem Billiard-Tisch, hat er gesagt und keinen Zweifel offengelassen, dass er sie da auch sehen will. Ich habe die fünf Fähnchen locker gruppiert und an die falsche Holzwand gepinnt und bewundert. Mit der Ausnahme einer einsamen Schlittschuhläuferin sind es alles Wimpel von Ortschaften gewesen, bunte Reisesouvenirs aus einer Zeit, in der man den Kontinent in bequemen Strassenkreuzern gemütlich nach Sehenswürdigkeiten abgefahren hat. Kein einziger Sportwimpel ist dabei gewesen, da hätte er bei mir auf Granit gebissen, das weiss Josh. Nun hat der Mensch bekanntlich die Angewohnheit, aus Mengen Schnittmengen zu machen und diese nach Gesetzmässigkeiten zu untersuchen. So sind also sämtliche Besucher nach Josh auf denselben Schluss gekommen: Liliane mag 50-er Jahre Reisewimpel und wer ihr eine Freude machen will, stöbert besser welche auf. So jagen sie denn in den hintersten Winkeln der abgelegensten Secondhand-Läden und werden fündig. Das geografische Einzugsgebiet der Wimpel-Ortschaften hat sich mittlerweile von Kanada bis Mexico ausgedehnt, aber die Wand, die ist gleich gross geblieben, links und rechts eingerahmt von Glasschiebetüren. Ich mag die Dinger ja auch, aber ich weiss nicht mehr wohin damit. Wie oft ich sie alle schon dichter gehängt hab, damit das alles schön ebenmässig aussieht und jeder einzelne Wimpel zur Geltung kommt, weiss ich schon gar nicht mehr. Kann ich nun, nachdem ich bald hundert Mal begeistert “ach, wie schön, ein neuer Wimpel” geschrien hab, noch sagen, dass ich die eigentlich gar nicht sammle oder muss ich da jetzt einfach durch? Für den nächsten Besuch werde ich jedenfalls mal locker fünf Hunderternoten nett gruppiert an die grosse Wohnzimmerwand nageln.

Tuesday, May 22, 2007

Was für ein Himmel


Wieder einmal teste ich den Vorführeffekt des Joshua Tree National Parks – meine Freundin Maya ist zu Besuch und hingerissen. Ach, der unglaubliche Balanceakt der Felsformationen und huch, die bizarren Formen der Joshua Trees. Business as usual. Um ihr den ultimativen Schönheitsschock zu versetzen, jage ich meinen Pickup Truck zum Keys View Aussichtspunkt hoch – pünktlich zum Sonnenuntergang. Ihr gehauchtes “fantastisch” gemischt mit “und hier lebst du, du Miststück” signalisieren den vollen Erfolg. Als wir uns von der Sicht losreissen und zurück zum Parkplatz wenden, sehen wir einen stämmigen jungen Mann (siehe figura) seine Ducati fotografieren. Oder besser gesagt fotografieren wollen. Er hat sie vor den Sonnenuntergang drapiert und seinen Fotoapparat auf einem Stativ ein paar Meter entfernt postiert. Er nestelt daran herum und flucht leise vor sich hin. Dann rennt er zur Ducati, wirft sich in Pose und dann - nichts. Im Wettlauf mit dem sich langsam auflösenden Superabendrot rennt er wieder zur Kamera und versucht es von Neuem. Ich wittere eine Kolumne und meine Chance. Natürlich ganz und gar allein aus reiner Nächstenliebe biete ich an, ihm behilflich zu sein. Er nimmt dankbar an. Er habe nur noch zwei Fotos auf dem Film, sagt er. Gott sein Dank. Ich verschiesse die zwei Bilder schnell und biete ihm nun an, ihn mit meiner Digitalkamera aufzunehmen und ihm die Bilder zu schicken. Er ist begeistert. Und lässt sich nun von mir auf seinem Töff, entschuldigung Ducati, herumdirigieren. Ich werde ihn nun anblitzen, sage ich, dann kommen sowohl die Himmelsfarben wie seine starken Züge im weissen T-Shirt bestens zur Geltung. Er ist beeindruckt. Ich wage mich immer näher und schiesse noch ein paar Close-ups. Dann zeige ich ihm die Bilder. Er ist fast etwas schockiert ob seinem blendenden Aussehen. Und hingerissen. Wow, sagt er. Und dann mit einer ganz leichten Zeitverzögerung “was für ein Himmel”.

Tuesday, May 15, 2007

Wüstenkoller


Sie haben die Wüste satt, sagen meine Nachbarn Sandy und Danny. Und ihr Sohn, Little Danny, schwatzt es ihnen nach. Seit fünfzehn Jahren leben sie hier und haben schon viele verschiedene Jobs gemacht. Die letzten Jahre haben sie Glacé verkauft. Sandy ist mit ihrem Glacéwagen in Twentynine Palms herumgefahren und hat überall angehalten, wo’s Kinder hat. Danny hat den Wagenpark (auch meinen bescheidenen) in Ordnung gehalten, am Haus rumgebastelt und gekocht. Nun wollen sie nichts wie weg, nach Duluth, Iowa, weil Freunde von ihnen auch da hingezogen sind. Sandy will Wasser sehen. Danny will ein Boot kaufen. Little Danny will fischen. Seit Monaten bringen sie ihr Haus hier auf Vordermann, damit sie es möglichst teuer verkaufen können. Sie schauen sich TV-Heimwerker-Shows an. Und davon gibts viele. Sie borgen sich meine Interior Design Magazine. Davon gibts noch mehr. Dann bastelt Danny alles, was er gesehen hat, ob es ins Haus passt oder nicht. Den neuen Herd aus rostfreiem Stahl haben sie schon gekauft und eingebaut. Der wird nicht gebraucht, obwohl das Umzugsdatum noch völlig offen steht. Der alte Herd steht in der Garage. Jetzt muss dort gekocht werden. Letzthin haben sie einen alten Schulbus gekauft. Das soll der Umzugswagen werden. Danny hat alle Sitze rausgerissen, er will ihn innen neu streichen und mit Teppichen polstern. Immer neue Projekte müssen ebenfalls noch realisiert werden, bevor es losgehen kann. Mir solls recht sein. Ich will nicht, dass sie gehen. Sie sind die besten Nachbarn, die man sich wünschen kann. Und obwohl Danny sich nun sogar eine Allergie auf Wüstenluft zugelegt hat, um zu beweisen, wie sehr er weg will, hoffe ich, dass ich mit meiner Vermutung richtig liege: Wenn das Haus erst mal fertig ist, wird erstens der Häusermarkt tot sein, und zweitens werden sie nicht mehr verkaufen wollen, weil es ihnen so gut gefällt. Sie gehören in die Wüste. Für mich jedenfalls.

Tuesday, May 8, 2007

Wasserschaden


Ich bin doof. Manchmal kann ich das Ausmass meiner Doofheit nicht fassen. Wie heute wieder. Ich habe einen grossen Maulbeerbaum im Garten - ein ausladendes Teil, das von Jahr zu Jahr übermässig in die Breite wächst. Ich warte schon bis die ersten Äste aufgeben. Die Last der Blätter scheint einfach zu schwer. Der Baum ist so breit, dass man eine grosse Hängematte im Zentrum von Ast zu Ast spannen kann und ihre Länge dann nicht mal einen Drittel des Durchmessers ausmacht. Auf die Bank, die lauschig unter dem Baum steht, wenn man sie denn findet, muss man mittlerweile fast kriechen. Der Baum steht auf leicht abschüssigem Gelände. Wie man das so macht in der Wüste, habe ich ein grosses Bassin um den Stamm gebuddelt und mit einem anständigen Wall aus Sand und Steinen befestigt, damit das Wasser auch die tiefsten Wurzeln erreicht. Da leg ich dann den Gartenschlauch rein, drehe den Wasserhahn auf und laufe weg. Weit weg. Aus den Augen – aus dem Sinn. Ich schreibe, ich plappere am Telefon, ich fahre gar zu Freunden, die fünfundzwanzig Meilen weg wohnen zu Besuch. Stunden später, statt der höchstens dreissig Minuten, die es braucht, bis das Bassin voll ist, merke ich beispielsweise beim Haarewaschen, dass der Wasserdruck nicht ist wie sonst. Dann, der Moment der Wahrheit. Und des herzhaften Fluchs. Einmal mehr ist mir, vrdmmtnchml, der Wall davongeschwommen. Einmal mehr müssen ich und mein Rücken Busse tun– nichts liegt, vrdmmtnchml, schwerer auf einer Schaufel als nasser Sand. Ich mag gar nicht gestehen, wie oft ich den vrdmmtn Wall schon neu aufgebaut habe. Gegen Gedankenstützen bin ich immun. Tiefe, ausgewaschene Furchen verbinden den Baum mit den Oleanderbüschen weiter unten. Diese sind grösser, feisser und haben mehr Blüten als alle andern im Garten. Das einzig Gute: dank meiner Vergesslichkeit habe ich den schönsten Baum im Umkreis von hundert Meilen. Trotzdem. Dachschaden.

Tuesday, May 1, 2007

4 gegen 1


Da fahr ich also letzten Mittwoch durch Arizona auf dem Heimweg von einer Beerdigung in Gallup, New Mexico. In Winslow beschliesse ich, die etwas weitere Route über den Highway 87 nach Phoenix zu fahren, weil da auf einem Teilstück, ein paar Stunden von hier, eine Wildblumen-Pracht zu erwarten ist. Wir, in der Mojave, haben dieses Frühjahr keine Wildblumen, denn es hat kaum geregnet im vergangenen Winter. Ich fahre gedankenverloren durch die menschenleere Steppenlandschaft mit ihren lose hingesprenkelten Pinonbäumen und höre die Musik, die mir ein Neffe zugesteckt hat – Explosions In The Sky – Weston hat schon immer gewusst, was mir gefällt. Mitten auf der Hochebene, werde ich von Strassenarbeitern gestoppt. Ich bin der dritte Wagen. Für eine Weile höre ich Musik und denke darüber nach, wie spektakulär unspektakulär einem der Tod einholen kann. Dann klopft mein Vordermann ans Fenster. Eine Stunde, sagen sie, sagt er und schlurft zurück zu seinem Pick-up Truck. Das ist wohl ein Witz, rufe ich zu niemand bestimmtem. Der bullige Mann mit dem Stoppschild in der Hand macht keinen Wank. Nach einer Weile steige ich aus und gehe zu meinem Hintermann. Eine Stunde, sagen sie, sage ich zum Lastwagenfahrer hoch. Das wird mir den Tag versauen, sagt der seelenruhig hinter seiner Spiegelbrille. Ich hole meine Kamera raus und fange an, Pflanzen und Hölzer am Strassenrand zu fotografieren. Vorsicht, Klapperschlangen, ruft mir einer der beiden alten Rowdies zu, die an den Jeep in erster Position gelehnt stehen. Ihr Annäherungsversuch lässt mich nicht erzittern, man wohnt schliesslich in der Wüste. Später geselle ich mich zu der Gruppe um den Mann mit dem Stopschild. Einmal die Woche fahre er eine Lieferung ins Gefängnis, das ich vor etwa einer halben Stunde passiert habe, sagt der Lastwagenfahrer. Wieviel Insassen hats denn da, frage ich. 1650, wirft der Mann mit dem Stoppschild sofort ein, ich war da 20 Jahre lang Aufseher. Schwere Jungs, sagt der Trucker, sehr schwer. Ich starre auf seine Waden und frage, ob ich seine Tätowierung fotografieren darf. Be my guest, sagt er leicht kopfschüttelnd, lässt sich aber für bessere Lichtverhältnisse leicht drehen. Aber das ist noch lange nicht das schlimmste Gefängnis in Arizona, no no no, sagt das Stoppschild nun und sein Schild steht leicht schief. Perryville, das Frauengefängnis, sei viel schlimmer. Die Frauen da drin seien echt böse, richtig niederträchtig, wie Männer es nicht sein können. Einer der Rowdies geht vor mir in Position. Die Frauen sind auch draussen niederträchtig, lächelt er mich an. Den Nagel auf den Kopf getroffen, findet der Trucker. Ach, kommt Jungs, 4 gegen 1, wo bleibt da die Fairness? Achselzuckend steigen sie wieder in ihre Wagen.

Thursday, April 26, 2007

Tapetenwechsel


Tapetenwechsel ist unser Geschäft. Jedenfalls, wenn man den vielen Artikeln und Führern glauben darf, welche die Gegend rum um den Joshua Tree National Park als idealen Fluchtpunkt darstellen. Flucht vor Alltag, vor Verkehrschaos, vor überfüllten Agenden, verlorenen Lieben und Enge-Gefühlen – räumlichen und mentalen. Was immer man hinter sich lassen will – die karge Landschaft der Mojave präsentiert sich als Versprechen und als neu bespielbare Bühne für alternative Lebensentwürfe voller Freiheiten. Und sei es nur für ein Wochenende. Ein hyperaktives obendrein, denn die Checkliste von Aktivitäten und Sehenswürdigkeiten, die es zu absolvieren gilt, lässt kaum Zeit zu der Kontemplation, die in den besagten Artikeln ebenfalls angepriesen wird. Die New York Times berichtet ungefähr im Sechsmonatsrhythmus über die Gegend und das detailliert. Und auch die kalifornischen Medien lassen unsern Heiligenschein regelmässig hell erleuchten. Da wird keine der runden Felsformationen und kein Creosote Busch ausgelassen, kein Coyote bleibt unbeschrieben und das Erforschen jeder schrägen Legende wird zur Nachahmung empfohlen. Hier muss in Westernbars Billiard gespielt und die Indie-Rocker-Szene in der Bar im Nirgendwo eingetrunken werden. Und wer nachts den Kopf noch heben mag, muss sich im unvergleichlichen Sternenfirmament der mondlosen Nächte verlieren. Ich mache schliesslich nichts anderes mit dieser Kolumne. Achtunsechzig Wüstengeschichten habe ich bis jetzt an dieser Stelle geschrieben und bei Ihnen hoffentlich, falls Sie zu den regelmässigen Lesern gehören, den Eindruck hinterlassen, dass es hier was Interessantes zu holen gibt. Und tief in meinem Herzen weiss ich, dass Sie anders sind als die Leser der andern Schreiber, die inspiriert hierher kommen und dann doch nur tun, was sie zuhause auch tun - mit dem Blackberry in der Hand das Leben ausserhalb des kleinen Screens im Haaresbreite zu verpassen.

Saturday, April 21, 2007

Starkstrom


Seit acht Monaten ist Eleanor meine Nachbarin. Sie hat sich ein kleines Haus bauen lassen am Hügel unter mir, glücklicherweise nicht mitten in meiner Aussicht. Eleanor ist 86 und Grundstücksmaklerin. Zum ersten Mal gesehen hab ich sie, als sie vor meinem Haus vorgefahren kam und mich gebeten hat, zu unterschreiben, dass sie ihre Stromleitungen über mein Land ziehen lassen darf. Ihr Haus war schon lange fertig gebaut, aber der Asgeier von Baumeister hatte sich nicht darum gekümmert, die Rechte vor Baubeginn einzuholen. Ich habe Eleanor in mein Haus gebeten und ihr die Aussicht gezeigt. Aha, das heisst dann wohl keine Überlandleitungen, hat sie gesagt. Eleanor hat ein Stück Land verkauft, damit sie sich die unterirdische Stromleitung leisten konnte. Ich sehe Eleanor selten. Wenn ich ab und zu an ihre Tür klopfe, macht sie zwar auf und ist nett aber reserviert. Und meine Versuche, sie zum Kaffee einzuladen, lässt sie mit vagen Ausflüchten versanden. Aber dann habe ich angefangen, Emails von ihr zu erhalten. Lange Emails mit Familiengeschichten oder Grundstückspreis-Analysen. Einmal hat sie mich in ihre Kirche eingeladen – The First Baptist Church on Split Rock. Da war ich diejenige mit den Ausflüchten. Kürzlich ist ihr einer mit einem schwarzen kleinen Auto mitten durchs Grundstück gefahren, hat sie mir geschrieben und mich gebeten, ebenfalls Ausschau zu halten. Da hat sie sich überlegt, eine Schusswaffe zu kaufen. Aber sie hat Angst vor Schusswaffen, auch wenn sie sonst ziemlich unerschrocken ist. So hat sie denn auf ihre alten Tage angefangen, sich mit Computern auseinanderzusetzen. Nun jongliert sie versiert mit Betriebssystemen. RAM und ihrer Makler-Software. Und zwischendurch übt sie Orgel für ihre Kirche. Mich braucht sie nur als Email-Empfängerin über der Grundstücksgrenze. Aber sie mag es, wenn abends die farbigen Lichter vor meinem Haus brennen, schreibt sie.

Wednesday, April 11, 2007

Die Tante in Amerika


Pünktlich zu Ostern verwandelt sich mein Haus in eine englische Kolonie. Wie jedes Jahr fliegen meine beiden Neffen aus London ein. Mit ihren Eltern, aber um die gehts hier nicht. Jordan (6) und Ashley (3) kommen gern in die Wüste – Amerika und die Wüste ist für sie das gleiche – es ist, wo ich bin. Ihr reines Oxford Englisch passt in den Wilden Westen wie die Faust aufs Auge und lässt sie besonders wohlerzogen wirken. Sie nennen ihr Nachtessen Tea wie in “can we have hamburgers for tea”. Und sie nennen ihr Dessert Pudding wie in “can we have ice cream for pudding”. Sie mögen ihren Toast gern ins Dreieck geschnitten und sogar wenn sie streiten, sind die beiden Britisch – “it’s unfair” lehrt der Grosse den Kleinen, als dieser ihm Spielzeugautos wegnimmt. Trotz allem unterteilt sich ihre Weltsicht immer noch in Goodies und Baddies – Gute und Schlechte – und das ist schliesslich so, wie wir im Wilden Westen die Welt auch sehen. Die nachgestellten Westernszenen im nahegelegenen Pioneertown, wo Pferdediebe und Sheriffs sich jeden Samstagnachmittag gegenseitig totschiessen, gefallen ihnen trotzdem nicht – die Schiesserei ist zu laut.
Die Boys lieben ihre Tante in Amerika. Sie wünschen sich, sie könnten immer in der Wüste leben, sagen sie. Und so sehr mir ihre Anhänglichkeit das Herz erwärmt – so sehr weiss ich auch, dass sie zu einem nicht unwesentlichen Teil auf der Tatsache beruht, dass ich die beiden meinen Truck fahren lasse. Sie sitzen abwechslungsweise auf meinem Schoss: ich mache die Beinarbeit, sie steuern. Unsere Fahrten werden millimetergenau in zwei gleiche Teile halbiert, damit jeder exakt gleich lange fahren darf, wobei der Grössere dem Kleineren den Vortritt lässt, wenn er so einen interessanteren Abschnitt der Strecke für sich ergattern kann. So machen wir die Sandstrassen der Gegend unsicher und reiten in den Sonnenuntergang – gefolgt von einer dicken Staubwolke.

Friday, April 6, 2007

Stress


Ich habe viel Besuch. Ich mag viel Besuch. Manchmal lade ich Leute ein, die ich kaum kenne. Wie kürzlich, als ich in New York Peter, den Freund eines Freundes treffe, der mir sagt, er sei in Kürze für ein paar Tage in Twentynine Palms mit seinen Eltern. Schön, kommt doch vorbei, sage ich. Peter freut sich über die Einladung, und wir verabreden uns zum Kaffee. Erst dann kommt mir mit Schreck in den Sinn, dass Peter’s Vater Richard Schultz ein bekannter Möbeldesigner ist. Ein richtig guter Möbeldesigner, der für Knoll 1960 den Petal Table entworfen und entwickelt hat. Und der für Florence Knoll eine Möbellinie für den Aussenbereich erarbeitet hat. Das machen Vater und Sohn auch heute mit ihrem eigenen Business – hochstehende, moderne Möbel für draussen mit einfachen, klaren Formen und in bester Verarbeitung. Die Möbel sind sehr weiss und sehr teuer. Und oft fotografiert: auf den Seiten bester Architekturzeitschriften und in Serien wie “Sex and the City”. Sogar Steve McQueen und Faye Dunaway haben sich 1968 auf den Liegen entspannt - im Original “The Thomas Crown Affair”. Der erbarmungswürdige Zustand meiner Gartenmöbel wird mir immer schmerzlicher bewusst. Wie idiotisch zu warten, bis die Sitzfläche ganz weg ist, bis ich die gelb-grünen Drehstühle neu bespannen lasse, wo ich doch bereits rausgefunden habe, wer in Palm Springs sowas machen kann? Meine Gartenmöbel habe ich in Secondhand-Läden zusammengesucht – liebevoll, möchte ich anmerken. Vor der Familie Schultz hätte ich mich nicht schämen müssen, stellt sich bald heraus. Sie sind alle äusserst reizend und von allem begeistert. Sogar von meiner abgewrackten Stuhlsammlung. Nach einem Schnäpschen untersucht Vater Schultz interessiert den Fuss der Drehstühle und die Rückenlehnenverankerung des orangen Metallstuhls. Intelligent verarbeitet, anerkennt er, alles hier ist so…so… Wüsten-chic – I like it. So kann mans natürlich auch sagen.

Thursday, March 29, 2007

Google Earth


Ich bin schon oft über die kalifornische Wüste geflogen. Schliesslich führt der inneramerikanische Ost-West-Flugkorridor in höchster Höhe genau über mein Haus. So sieht es jedenfalls von hier unten aus. Die weissen Kondenzstreifen im tiefblauen Himmel laufen parallel mit dem Highway 62. Der einzige Zivilisationslärm, den ich höre, sind allerdings nicht die Flugzeuge sondern das tiefe Knattern der Harleys, die jedes Wochenende im Frühjahr scharenweise der Versuchung eines weit offenen Highways nicht widerstehen können. Die Flugzeuge selbst gleiten silbrig blitzend und lautlos über den Himmel. So einfach sie von hier unten von blossem Auge auszumachen sind, so wenig funktioniert der Umkehrschluss. Obwohl ich die Gegend mittlerweile doch sehr gut kenne, kann ich von der Luft aus mein Haus nie mit Sicherheit ausmachen. Was heisst mein Haus – ich kann auch Twentynine Palms oder Joshua Tree nicht ausmachen und den Highway schon gar nicht. Von oben sieht alles gleich aus. Und gleich uniform, obwohl es das in Bodennähe überhaupt nicht ist. Wann immer ich die Gegend in dreissig Minuten überfliege, denke ich voller Bewunderung an die ersten Siedler, welche die Endlosigkeit und Hitze der Wüste mit Ross und Wagen durchquerten und nicht wussten, ob, wo und wann Bergseen oder das Meer zu erreichen waren. Was hat sie dazu veranlasst, sich bei einem bestimmten Busch im Nichts niederzulassen, nach Wasser zu graben und zu sagen, so, hier bleiben wir jetzt – wir sind um die Welt gesegelt und haben einen Kontinent durchquert und das ist es nun. Dabei sehe ich aus der Luft, dass drei Flugminuten weiter vorne ein See gewesen wäre, oder ein Fluss. Heute entdecken wir die Welt vom Wohnzimmer aus mit Google Earth, und das findet jedes Fleckchen Erde mit Autopilot. So auch mein Haus. Allerdings nicht, wenn ich drinsitze. Eine langsame Telefonleitung ist alles, was mich in der Weite der Mojave mit dem Internet verbindet.

Tuesday, March 20, 2007

Vom Winde verweht


In der Weite der Mojave gibt es zwei Arten von Ladies. Diejenigen, die ihr Haar vom Wüstenwind verweht tragen, wie man sich das gemeinhin so vorstellt für einen kleinen Ort im Nichts. Und diejenigen, die kein Haar dem Zufall überlassen, dem Wind schon gar nicht. Sie kommen perfekt onduliert oder perfekt geplättet daher - je nach Tagesform. Die Perfektionistinnen, die jeden Tag aufs Neue der Bedeutungslosigkeit ihrer geografischen Verhältnisse trotzen und sich nur in vollem Ornat bei Wal-Mart sehen lassen, um Hundefutter zu kaufen, faszinieren mich seit ich hierher gezogen bin. Ich gehöre zur Windfraktion. Getreu meiner Wüsten-Schlampen-Doktrin verschwende ich keine Zeit mit einem Föhn, wo Wind, Hitze und Trockenheit das Nötige in der gleichen Zeit erledigen. Niedrige Luftfeuchtigkeit lässt Haar sowieso von Natur aus besser aussehen - Haarreif oder Haargummi rein und gut ist. Oder war. Bis ich meine Faszination meiner Freundin J.D. kundtat. Die war mal Show-Girl in Las Vegas in einem früheren Leben. Heute gehört sie auch zur Windfraktion, aber sie kann auch anders. Immer noch. Dass ihre Glamour-Gene absolut intakt waren, verstand ich spätestens als sie mich ins Badezimmer schubste, meinen Kopf unter die Dusche hielt und mir die Haare wusch – nur um sie nachher mit vielen Wässerchen und Mousse durchzukneten und in Lockenwickler zu legen. J.D. war in ihrem Element, und das Resultat überzeugte zumindest J.D.’s alten Nachbarn Jack. Aber der war auch halb blind und froh, wenn er überhaupt jemanden zu Gesicht bekam. Die Pracht hielt genauso lange bis ich mit offenem Autofenster die zehn Meilen von ihrem Haus zu meinem fuhr und laut und pausenlos Crystal von New Order hörte. Als ich ankam waren nicht nur meine Gehörgänge durchgepustet – mein Haar hatte sich von Marilyn Monroe Glamour zu einem zerzausten Sturmhelm gemausert. Nun war der Lack ab. Dann doch lieber Wüstenschlampe.

Immer mit Kugelschreiber


Seit im Norden von Kalifornien ein älteres Ehepaar beim Wandern von einem Berglöwen angefallen worden ist, überlege ich mir zwei Mal, alleine in den Joshua Tree National Park loszulaufen, der hinter meinem Haus anfängt - etwas, was ich seit Jahren bedenkenlos mache. Jawohl, in unserem Park gibts Berglöwen, auch Pumas genannt, bestätigt der Park Ranger und ist stolz auf seinen Artenvielfalt. Auf die Gefahr hin, politisch unkorrekt zu klingen – ich könnte auch ohne Pumas im Park leben. Sie sind zwar meist scheu und fliehen vor den Menschen, und habe glücklicherweise noch nie einen weder von nah noch von fern gesehen. Das ist schon mal gut, aber nicht gut genug. Irgendwie mag ich kein Restrisiko, wenns um Wildkatzen geht. Durchschnittlich vier pro Jahr in den ganzen USA fliehen nicht sondern greifen an. Wie eben besagtes Ehepaar. Nicht weglaufen soll man, sagen alle, die’s wissen müssen. Das sei der sichere Tod. Sich dem Tier stellen, sich möglichst gross machen, wie zum Beispiel eine Jacke hoch über den Kopf halten, um die Silhouette zu verlängern und kämpfen. Brüllen, laut brüllen. Das wird ja wohl kein Problem sein. Bevor der Puma sich an des Mannes Lippe festgebissen hat, konnte er seiner Frau noch sagen, er habe einen Kugelschreiber in der Tasche und sie solle doch ebendiesen bitte dem Tier ins Auge rammen. Sie hat es getan, dann auf den Puma eingeschlagen, gebrüllt und ihrem Mann das Leben gerettet. Bis ich die Geschichte wieder vergessen habe, halte ich mich bei meinen Märschen durch die Mojave vorerst mal an das Gelände ausserhalb des Parks, da ich weder ein Schiesseisen noch ein langes Messer mit mir rumtrage. Einen Kugelschreiber schon. Aber wenn ich meinen Freunden den erst mal in die Hand drücke und beschreibe, wann und wie sie ihn genau gebrauchen sollen – nichts gegen meine Freunde – aber irgendetwas sagt mir, die meisten dürften in dieser Beziehung eher etwas schwach auf der Brust sein.

Wednesday, March 7, 2007

Lokalkolorit


“Twentynine Palms – eine Oase von Wandmalereien” lautet der offizielle Slogan der Stadt. Und manchmal liest man gar das Wort “weltberühmt” im Zusammenhang mit den Wandmalereien. Na ja. Weltberühmt in Twentynine Palms vielleicht. Man ist jedenfalls mächtig stolz hier, dass man 1994 die Idee gehabt hat, mit diesem Kunstprojekt den Kickstart in eine neue Aera zu wagen. Welche das sein soll, ist mir allerdings nicht klar. Zwanzig Wandmalereien zieren nun die Geschäftsgebäude der Stadt. Für einige der Geschäfte hat die neue Aera entweder nie angefangen oder schon wieder aufgehört. Sie sind marode bis nicht mehr existent. Lokale Malergrössen üben sich meist in lokalhistorischen Szenen wie dieser. Sie ehrt eine der ersten Siedlerfamilien von Twentynine Palms – mit eigener Molkerei, einem Eissalon, einem Drive-in Kino und einen Wohnwagenpark auf dem eigenen Land. Selbstverständlich gibt es viele Wüsten-Flora- und Fauna Motive und kitschige Sonnenuntergänge. Die heile Welt hat wenig Brüche. Eine Malerei gibts zum Thema Flashfloods, die sturzbachartigen Regenfälle, welche die Wüste innerhalb von wenigen Minuten überschwemmen können. Und eine zeigt, wie die Marinesoldaten in Bagdad eine Saddam-Statue vom Sockel stürzen. Diese Wandmalerei hat der dänischen Künstlergruppe Superflex als Vorlage für ihre Arbeit “Superdanish” gedient, welche vor ein paar Jahren auch in Basel in der Kunsthalle zu sehen war. Hier wäre der Begriff “weltberühmt” schon eher angebracht, nur weiss von diesen künstlerischen Spätfolgen in Twentynine Palms wahrscheinlich keiner was. So verschieden die Motive der Wandmalereien sind, etwas haben sie gemeinsam: sie sind unbeholfen gemalt – oft so unbeholfen, dass es schon fast wieder rührend ist. Wie das eine Werk, das einen gemalten Maler auf einem Gerüst zeigt vor der Skizze einer Wandmalerei. Was ein trompe-l’oeil hätte werden sollen, wurde ein trompe-absolument-personne. Du tout.

Tuesday, February 27, 2007

Neunundzwanzig?


Für einmal verfolgen wir hier oben mit Spannung was sich da unten in Los Angeles tut. Sonst ist das nicht so unser Ding. Das Geld der Wochenend-Besucher aus Los Angeles nehmen wir zwar gern, aber beeinflussen lassen wir uns nicht. Nicht von denen. Wenn schon, dann ist das schon eher umgekehrt. Es sind die Angelenos, die eine Existenzkrise haben nach ein paar Tagen Wüste (wer bin ich, was mache ich, warum tue ich mir LA an, warum lebe ich nicht so zeitlos/verkehrslos wie die hier oben). Nach ein paar wilden Aussteigerträumen pendelt sich das wieder ein, denn die Palmen gesäumten Alleen von Los Angeles haben schliesslich auch ihr Gutes. Nun sind aber ebendiese aus der Mode geraten, und LA will seine Palmen langsam aber sicher loswerden. Zu teuer im Unterhalt seien sie, weil die Palmwedel entweder auf Strassen, Autos und Menschen fallen und/oder mühseligst heruntergeschnitten werden müssen. Beides kann teuer werden. Zuwenig Sauerstoff spendend seien sie obendrein im Vergleich mit andern Bäumen. Und heimisch seien sie hier schon gar nicht. Das stimmt. Die Palmen wurden in den Fünfziger Jahren lastwagenweise aus Mexico und Florida nach LA gekarrt, weil ein paar Landbarone entschieden hatten, Palmen stünden für einen relaxten Lifestyle und wären ihren Liegenschaftsgeschäften zuträglich. Heute müssen mehr Platanen her und Trauerweiden, und die Palmen haben nur noch an von Touristen besuchten Orten Daseinsberechtigung. Was, wenn diese neue Baummode zu uns hochschwappt? Unsere Palmen sind zwar “echt” und von hier. Und unsere abgestorbenen Palmwedel werden nicht runtergeschnitten. Sie sammeln sich an bis die Palmen aussehen, als würden sie dicke kurze Hosen tragen. Aber nun mal rein hypothetisch - wer wären wir denn ohne Palmen? Da gehts nicht mehr um eine Existenzkrise – das wäre Existenzverlust pur. Degradiert zu einer Nummer. Einer ungeraden noch dazu. Aber noch sind wir nicht LA. Noch lange nicht.

Tuesday, February 20, 2007

Mausefalle


Der Mensch im allgemeinen und der Stadtmensch im speziellen denkt ja erst mal an nichts Böses. Ein paar schwarze Körnchen auf der vorderen Veranda und ein paar in der Garage, die heute ein Studio ist. Dass es sich hier um mehr als Körnchen handelt, ist mir erstmals ein paar Monate nachdem ich in die Wüste gezogen bin aufgefallen. Als Notlösung (bis mir einer, irgendeiner, einen Swimming Pool kauft) habe ich in diesem ersten Sommer vor sechs Jahren ein aufblasbares Kinderbassin gekauft, mit farbigen Enten drauf und lustigen Fischen (ich sage ja, mir muss einer einen Swimming Pool kaufen). Nachdem ich das Bassin eine Woche lang in der Garage zwischengelagert habe, ist es weg. Nicht ganz, aber grosse Teile davon. Weggefressen. Guten Appetit. Ich hätte mir ja denken können, dass es hier Mäuse gibt und dass der Ausdruck “nun bist du eine richtige Wüstenmaus” nicht aus dem Nichts kommt (im Englischen übrigens “you are a desert rat”, was es auch nicht besser macht). Der Kampf ist eröffnet. Wer mein Bassin frisst, gehört ausgerottet. Ich erkundige mich bei Freunden und erfahre, der Urin von Kojoten schrecke Mäuse ab. Und Menschen, denke ich und sehe davon ab, mit einem Plastikbecken bewaffnet einem Kojoten nachzuschleichen, um das Nötige aufzufangen. Heute habe ich vier kleine Köderschachteln ums Haus stehen mit Mäusecrack drin. Wie wild seien die Mäuse auf das Gift, sagt der Mann, der sie einmal im Monat auffüllen kommt. Sterben tun die Mäuse dann netterweise weit weg vom Haus in der offenen Wüste. Das funktioniert. Leider passt aber in so ein Mäusehirn nicht, dass das Auto Tabu ist. Mäuse treiben ihr Unwesen gern in geschlossenen Räumen, darum haben hier draussen viele ihre Motorhauben offen stehen. Mein Freund Ron legt zudem noch einen Piepser rein, der alle paar Sekunden loslegt und dazu noch vibriert. Aber der hat auch einen Audi. Für meinen Pick-up Truck reicht der gähnende Schlund. Scheissmäuse.