Wednesday, December 30, 2009

Vogelfang


Die Weihnachtslichter waren schuld. Gerade hatte ich mit meinen Freunden Cara und Aubrey die lange Lichterkette von Luminarias, die ich in Santa Fe gekauft und in mühsamer Kleinarbeit zusammengesetzt hatte, vors Haus gebracht, um dem Christkind den Weg zu meinem Haus zu weisen. (Schliesslich wünschte ich mir eine Canon G10 Kamera.) Na ja, eigentlich wars ja Cara’s und Aubrey’s Kleinarbeit, aber lassen wir das. Während wir die Lichterkette also im Gänsemarsch durch die Eingangstür trugen, verirrte sich ein Vogel ins Wohnzimmer. Er flatterte aufgeschreckt umher, während Cara versuchte, ihm mit einem Küchentuch den Weg zu weisen. Ich schaute dem Treiben von aussen durchs Fenster zu – zu nah flatternde Vögel lösen bei mir Angst aus. Hitchcock lässt grüssen. Cara machte keine Fortschritte. Irgendwann liess sich der Vogel auf der Vorhangstange nieder. Aubrey kam die rettende Idee, hatte ich ihm doch am Vorabend stolz meine iPhone-App zur Vogel-Identifikation vorgeführt: iBird Explorer, Western Edition. (Warum ich flatternde Vögel nicht mag, Software mit Informationen zu 828 Vogelarten hingegen sehr – muss der Mensch denn immer logisch sein?) Ich zückte also mein iPhone und wählte irgendeinen Vogel vom Anfang der Liste aus: Acorn Woodpecker. Dann tippte ich auf den kleinen Lautsprecher und hielt das iPhone ins Wohnzimmer, um dem Vogel auf der Stange das Zwitschern vorzuspielen. Ein wenig liebliches Krächzen erschallte. Der Vogel auf der Stange hörte hin. Ich versuchte es mit Acadian Flycatcher. Nun gab der Vogel erstaunlicherweise Antwort. Dann wechselte ich zu Abert’s Towhee und siehe da, der Vogel reagierte auf den lieblichen Gesang und folgte ihm. In der Zwischenzeit hatten wir auch die Lichter im Haus gelöscht und nur noch die Luminarias draussen brannten. Dem Vogel leuchteten sie den Weg in die Freiheit. Aber meine Canon G10, die ist mir das Christkind immer noch schuldig.

Sunday, December 27, 2009

WildWestWeihnacht


Gibt es überhaupt Weihnachten im Wilden Westen, fragen Freunden aus der Schweiz. Aber sicher doch gibt es Weihnachten in der Wüste. Jeder Besucher, dem man einen Cowboy Hut aufsetzen kann, ist hier a priori einmal gern gesehen. Selbst wenn er vom Nordpol kommt und statt einem pferdestarken Pickup Truck einen Schlitten fährt, der von Renntieren gezogen wird. Rotnasigen Renntieren namens Rudy, wenn ich präzisieren darf. Irgendwie will mir Weihnachten hier etwas weniger heilig erscheinen als in Europa, etwas weniger ernst. Das fängt schon bei der Dekoration an. Da gibts alles – von schön bis kitschig, von dezent bis zum totalen Overkill. Regelrechte Strassenschlachten finden da mancherorts statt, bei denen der eine Nachbar den andern auszustechen sucht. Da werden gar hydraulische Lifts gemietet, um die Dekorationen an Haus und Bäumen noch höher und präziser anbringen zu können. Das Spiel mit dem Lift ist dabei wohl mindestens so interessant wie die Dekoration. Das Fest im Familienkreis ist dann eigentlich eine grosse, gemütliche Pyjama Party, denn hier werden die Geschenke am Morgen des Weihnachtstages verteilt, nicht an Heiligabend. Und weil die Kinder sich eh seit fünf Uhr morgens schlafend stellen und warten, bis Santa Claus mit seinen Geschenken den Kamin runtergerutscht kommt, wird nun bestimmt keine wertvolle Zeit damit verschwendet, das gute Tuch anzuziehen bevor man sich auf die Geschenke stürzt. Vielleicht hats ja damit zu tun, dass in den USA Thanksgiving die Pole Position des höchsten Feiertags mit festem Ritual einnimmt, da bleibt für Weihnachten mehr kreativer Freiraum. Auch der, am Nachmittag ins Kino zu gehen, was zwar wiederum auch schon fast zum festen Ritual geworden ist; es gibt viele Filme, die am Weihnachtstag ins Kino kommen. Für mich wirds “Crazy Heart” sein, in dem Jeff Bridges einen abgehalfterten Countrysänger spielt. Womit wir wieder im Wilden Westen wären.

Sunday, December 20, 2009

Ueberfall


Vor ein paar Tagen wurde ich auf der Post überfallen – von einer Kolumne. Sowas wünscht man sich als Kolumnist. Man könnte es auch eine geschenkte Kolumne nennen. Dabei hatte ich doch nur meine Simpsons Briefmarken kaufen wollen, bevor sie ausverkauft sind. Ich mag Briefmarken und Postkarten. In den Zeiten von elektronischen Postkarten freuen sich die Leute über die handfeste Sorte besonders. Ich stehe also in der Schlange vor dem Postschalter. Am Schalter steht ein älterer Mann in Schwarz. Apropos Mann in Schwarz – stellen Sie sich einfach Johnny Cash vor, nur mindestens zehnfach so rau. Schwarze Cowboyboots, schwarze Jeans, ein schwarzes Hemd, das über seinem runden Bauch spannt. Sonst ist nichts rund an ihm, und auch der Bauch sieht stahlhart aus. Die Haut ist wettergegerbt und vernarbt. Ist das der tätowierte Umriss einer Träne neben seinem Auge? Sein schwarzes Baseball Cap sagt in verschmutztem Weiss: LEAVE ME ALONE, lass mich in Ruhe. Er redet laut mit dem Mann hinter dem Schalter. Das sei ihm langsam zu teuer, immer diese Post ins Gefängnis nach Texas zu schicken, sagt er, das Kind solle besser bei ihm leben. Nun werde sie Weihnachten da drin verbringen müssen. Der Postbeamte macht ruhig seine Arbeit. Dann dreht sich der Mann in Richtung Schlange. Sie ist ein gutes Kind, sagt er zu uns, wirklich, ein gutes Kind. Sie wollte doch nur ein bisschen Cash verdienen für Weihnachten. Und dann wars halt ein Undercover Polizist, dem sie Drogen verkauft hat. Er zuckt mit den Achseln und lacht den Herr vor mir an. Dieser lächelt unsicher zurück. Als der Mann in Schwarz weg ist, dreht er sich zu mir um: Wie wärs mit einem zweiten Job, um sich was für Weihnachten dazuzuverdienen, fragt er.
PS. Tränen Tätowierungen werden meist mit Gefängnissen und Gangs assoziiert. Eine leere Träne kann bedeuten, dass ein Familienmitglied des Trägers getötet wurde, während er im Gefängnis sass.

Friday, December 11, 2009

Scott-Trupial, Architekten


Nach generationenlanger Planung ist dieses Jahr das neue Projekt “Scott-Trupial Residence”, welches das Architektenpaar für den Eigenbedarf in der südlichen Mojave Wüste entwickelt hat, vollendet und bezogen worden. Die Scott-Trupial Familie gehört zum weitverzweigten Vogel Clan, welcher sich seit dessen Anfängen dem Nestbau verschrieben hat. Angesichts der komplexen Aufgabenstellung und vieler widriger Bauvorgaben wurde darauf verzichtet, unter Amsel, Drossel, Fink und Star zu einem ausgeschriebenen Wettbewerb einzuladen. Die “Scott-Trupial Residence” ist ökologischer und sozialer Wohnungsbau erster Güte, wurde sie doch lediglich aus kostenfreien, rezyklierten Materialien und unter Einhaltung strengster Umweltvorschriften gefertigt. Von umliegenden Yucca Palmen wurden tote Palmwedelfasern gesammelt und auf beste Qualität untersucht. Dann wurden die baumaterialfähigen Stücke per Flügelschlag und somit mitsamt bester CO2 Bilanz zum vorgesehenen Grundstück transportiert. Dort wurden die harten, aber biegsamen Palmwedelfasern in akribischer Schnabelarbeit und mittels einer hochkomplexen Aufhängetechnik in die lebende Yucca Palme eingebaut. Das Innendesign und der Innenausbau des an einen hängenden Korb anmutenden Bau wurde vom Architektenpaar selber übernommen. Die vorherrschenden Materialien: weiche Gräser und andere weichen Pflanzenfasern. Mit dem Bau der “Scott-Trupial Residence” ist den Architekten ein dekonstruktivistisches Meisterwerk gelungen, welches eine minimale Intervention in den Wüstenkontext darstellt. Mit ihrem Entwurfansatz attackieren Scott-Trupial herkömmliche Nesting Vorstellungen und kontrapunktieren sie mit einer Leichtigkeit und Luftigkeit, welche der zeitgenössische Architektur in den letzten Jahren gefehlt hat. Das Projekt ist bereits vom American Institute of Architects AIA ausgezeichnet worden, und die Architekten stehen auf der Shortlist für den Pritzker Preis.

Eintopf


Es gibt solche und andere Restaurants in so einer Wüste. Die einen sind exzellent. Die andern sind eher in der Minus-Fünf-Sterne-Kategorie einzuordnen. Die einen gehören hier hin wie Kakteen, Triebsand und das Nichts. Die andern gehören hier nicht hin wie bewässerter Golfrasen, der aussieht, als sei er mit der Nagelschere geschnitten worden. In die letztere Kategorie gehört für mich ein Sushi Restaurant. In den neun Jahren, in denen ich nun in der Wüste lebe, habe ich mich nicht dazu überwinden können, die Hemmschwelle zu frischem Fisch inmitten von viel Sand zu überwinden. Da ist was falsch an dieser Geschäftsidee, obschon ich weiss, dass der Fisch in Los Angeles, wo es die hervorragendsten Sushi Restaurants gibt, ja auch nicht in den Gewässern vor der Stadt gefangen wird, was übrigens auch nicht wünschenswert wäre. In Los Angeles esse ich aber sehr gerne Sushi. Wie das halt so ist mit Vorurteilen, bin ich darin konsequent inkonsequent und absolut willkürlich. Während ich mich über Sushi in der Wüste aufhalte, mag ich Thailändisch in Joshua Tree ganz gern. Und Koreanisch in Desert Hot Springs find ich gut, wohingegen ich dem französischen Bistrot in Twentynine Palms nicht traue. Die mexikanische Küche nehme ich schon gar nicht mehr als ausländisch wahr, und dass die amerikanische Hausmannskost in der Roten Scheune von einem chinesischen Ehepaar gekocht und serviert wird, fällt mir ebenfalls nicht mehr auf. Das beste Restaurant weit und breit ist allerdings ein sehr lokales, das Twentynine Palms Inn. Die bauen ihr Gemüse hinter dem Hotel selber an – in einem Garten, der nach den Anbauregeln der Chemehuevi Indianer angelegt ist. Und obwohl das Hotel in der einzigen Oase in der Gegend liegt, ist es faszinierend, dass dies mitten in der Wüste so hervorragend funktioniert. Was man in Sachen Restaurants allerdings mit Sicherheit sagen kann: Nirgends wo Top draufsteht, ist auch Top drin.

Saturday, November 21, 2009

Der Cowboy, der aus der Kälte kam


R. ist wie jeder andere Vierjährige – voller Schalk und Entdeckungsdrang. Er lebt in Los Angeles, aber er mag es sehr gern, wenn seine Eltern mit ihm zu mir auf Besuch kommen. R. mag die offene Wüste. Er er mag, dass wir auf den Berg hinter dem Haus steigen und er unterwegs seinen Holzstock in die Ameisenhügel stecken kann. Und er mag, dass es unendlich viel Platz gibt und meist warm genug ist, dass Innen und Aussen ineinander übergehen und er mit seinem Laufrad überall rumkurven kann. Auch wenn er gerne Feen und Prinzessinnen hat und seiner Freundin Zoe sogar ab und zu in ihre rosa Pantoffeln folgt – R. mag Cowboys. So sehr, dass er zur Zeit am liebsten als Cowboy in den Kindergarten geht, Stiefel, Lasso und Hut eingerechnet. Sein “Hände hoch”, sein breitbeiniger Gang und wie er seine Daumen in seinen Jeanstaschen einhakt – Texas lässt grüssen. Aber R. hat mit Texas rein gar nichts zu tun. R. heisst wirklich Ruslan und wurde nördlich vom Polarkreis in Murmansk, Russland geboren, wo ehemals die Sovjet U-Boot Flotte beheimatet war und heute hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Die ersten zwei seiner Lebensjahre hat Ruslan drei Stunden von Murmansk entfernt, in Apatity, in einem Kinderheim verbracht – einem guten Kinderheim, wie Ruslans Eltern Leslie und Arlen fanden, nachdem sie Ruslan dort mehrere Male besucht hatten, bevor die Adoption rechtsgültig wurde. Vor einem ihrer Reisen zu Ruslan hatte ich Leslie und Arlen gebeten, mir eine Postkarte von Apatity zu senden. Ich habe keine erhalten – es gibt keine Postkarten in Apatity. Heute zeugt nur noch Ruslans Name von seiner Herkunft. Wenn zufälligerweise irgendwo Russisch gesprochen wird, hört er hin, versteht aber nur noch wenig. Er hat Glück gehabt mit seinen Eltern und sie haben Glück gehabt mit ihm. Wenn ich mit dem kleinen Cowboy durch die Wüste gehe, stelle ich mir sein Leben vor, wenn er nicht adoptiert worden wäre und kriegs nicht hin.

Saturday, November 14, 2009

Es ist ein Kreuz


Das müssen sich auch die obersten Richter der Vereinigen Staaten von Amerika sagen, seit sie am 7. Oktober einen ganz speziellen Fall angehört haben und nun darüber befinden müssen. Seit Jahren ist ein wütender Gesinnungskrieg über ein einfaches Kreuz mitten in der Wüste entbrannt. Das Kreuz wurde 1934 von einem Veteranen des Ersten Weltkriegs, Riley Bembry, aus Wasserrohren gebaut und weiss angestrichen. Es ist 2 Meter hoch und 1.5 Meter breit und es soll alle Gefallenen aller Kriege ehren. Bembry hat das Kreuz in der menschenleeren Mojave auf einen Steinhügel auf öffentlichem Land aufgestellt. Und wenn ich menschenleer sage, meine ich, dass mir da manchmal für eine halbe Stunde kein Auto begegnet. Das Kreuz habe ich noch nie gesehen. Seit zehn Jahren müssen die Behörden das Kreuz verstecken, denn die ACLU, die Amerikanische Union für zivile Freiheit, klagte. Das Kreuz als religiöses Symbol dürfe nicht auf öffentlichem Grund und Boden stehen, sagen sie. Die ersten beiden Jahre wurde es mit einem weissen Wachstuch umhüllt. Das war zu einfach wegzuschneiden, also wurde nach zwei Jahren eine Holzkiste um das Kreuz gebaut. Und die gibts heute noch. Manche Leute schreiben was auf die Kiste, dann wird sie wieder neutral übermalt. Die Kiste ist nun auffallender als das feine Kreuz es je war und sieht aus wie eine Plakatstelle, die auf Werbung wartet. Der Fall hat nationale Aufmerksamkeit erregt. Henry und Wanda Sandoz, die Bembry, dem Erbauer des Kreuzes, bei dessen Tod versprochen haben, zu seinem Kreuz zu schauen, waren bei der Anhörung am Obersten Gerichtshof dabei. Sie sind überzeugt - nicht in seinen wildesten Träumen hätte sich Bembry vorstellen können, dass die höchsten Richter des Landes eines Tages darüber befinden würden, ob sein Kreuz Daseinsberechtigung habe oder nicht. Es ist ein Kreuz mit der Religion, sagen die einen. Es ist doch nur ein Kreuz, was solls, die andern.

Friday, November 6, 2009

Prêt-à-porter


Pünktlich zum Beginn der Herbstsaison bleibt hier alles beim Alten. Jeans, Hemd, T-Shirt, und das ists dann auch schon. Im Winter eine Daunenjacke drüber und fertig. Keine neue, allgegenwärtige Modefarbe, keine körperbetonten Schnitte, keine der neuesten Boyfriend Jeans – für Frauen geschnittene Jeans, die so aussehen, als wäre Frau morgens, versehentlich oder nicht, in die Jeans des Boyfriends gestiegen. Wenn Frauen hier weite Jeans tragen, dann sind es tatsächlich die des Mannes und sie sitzen bedeutend schlechter als das, was die Hochglanzmagazine für den Modeherbst 2009 vorgeben. Der It-Bag hier draussen ist nicht die neueste Prada Tasche, auch nicht die neueste Prada-Kopie, sondern die Plastiktüte vom Stater Brothers Supermarkt. Die Wüste war noch nie ein Ort, an dem Modeströmungen auszumachen sind. Zumindest nicht bei den Einheimischen - Paris und Mailand sind verdammt weit weg. Touristen fallen gern als overdressed auf. Immer das Neueste, immer das Beste – sogar für eine Fahrt durch den Nationalpark. Es sind nicht zuletzt die Schuhe, die sie verraten. Aber die teuren Designer-Turnschuhe und die schicken Lederschuhe sind innert Kürze staubig und zerkratzt und nicht mehr von unsern Billigmodellen zu unterscheiden. Nach dem ersten Schock setzt die grosse Erleichterung ein und selbst die Gäste, die mit grossen Koffern angereist sind, lassen diese in einer Ecke verstauben und passen sich an: Jeans, Hemd, T-Shirt, und das ist es dann auch schon. Es ist erfrischend, das Leben als zeitlose Wüstenschlampe. Im Pyjama zum Supermarkt – wen kümmerts. Und apropos zeitlos – manchmal kann man hier anhand der Kleider der Menschen nicht mal die Dekade ausmachen, in der wir leben. Dass in der Gegend überdurchschnittlich viele Mode Fotoshootings stattfinden ist nur eine kleine Ironie des Schicksals. Die Einheimischen lässts kalt und auch die Models verfallen dem Wüstenchic gern nach getaner Arbeit.

Friday, October 30, 2009

Nichts vermissen


Das ist so eine Sache mit dem Nichts. Wenn ich das Nichts nicht um mich habe, vermisse ich es. Wie kann man denn Nichts vermissen, denken Sie vielleicht, aber ich schwöre Ihnen, das ist ganz leicht. Wüste macht süchtig – je länger ich mich in der leeren Landschaft aufhalte, desto weniger will ich sie missen. Und wenn ich denn mal auf Reisen gehe, frage ich mich jedes Mal mehr, warum genau ich das Nichts überhaupt verlasse. Ich bin schon soweit, dass ich das Gefühl hab, ich komme mir abhanden, wenn ich mich lange nicht im Nichts aufhalte. Der Begriff Wüste wurde denn auch im 18. und im 19. Jahrhundert ganz anders verstanden – Wüste beschrieb nur eine menschenleere Gegend. Es konnte sich auch um Landstriche wie Berge, Wälder oder gar Inseln handeln. Goethe bezeichnete gar eine Heide- bzw. eine Moorlandschaft als Wüste. Auch das französische und englische Wort désert/desert meinte das gleiche, obschon diese Begriffe noch unschärfer waren als das deutsche Wüste, schliesslich waren gerade zu dieser Zeit diese Landstriche nicht von Menschen verlassen, sondern noch gar nicht besiedelt. Auch die lateinische Wortschöpfung ist also der Wüste nicht richtig Herr geworden. Sie definiert sie als negatives Gegenbild zur Zivilisation und der Begriff beschreibt nicht, was die Wüste ist, sondern was sie nicht ist und nicht hat – fruchtbaren Boden und demzufolge Menschen. Dass mit Wüste karge, unfruchtbare Trockenlandschaften gemeint sind, ist eine relativ neue Sprachentwicklung und macht die Sache nicht besser, weil sie die Lebensfeindlichkeit der Wüste betont. Mich bringt gerade die Kargheit und das Undefinierte dieser weiten Landschaft immer wieder zum Kern meines Seins. Deshalb denn auch mein etymologischer Aufschrei über das deutsche Wort Wüste – ein phänomenaler Fehlgriff. Es evoziert, dass die Wüste wüst sei, und das geht ja nun gar nicht. Etwas mehr Präzision, wenn ich bitten darf.

Sunday, October 25, 2009

Lahme Ente


Das ist er nun offiziell, unser Gouverneur Arnold Schwarzenegger – eine lahme Ente. Dabei hat er doch grad letzte Woche soviel Rückgrad gezeigt. Als “lame duck” bezeichnet man Politiker, die gegen Ende ihrer Amtszeit stehen und nicht zur Wiederwahl anstehen. Bei Schwarzenegger findet der Auszug aus Sacramento im Januar 2011 statt. Es ist natürlich einfacher, Rückgrad zu zeigen, wenn man weder der eigenen Partei noch den Opponenten gefallen muss und das tut Arnold auch nicht. Für die Demokraten tanzt er auf dem sozial- und steuerpolitischen Parkett zu sehr rechts, wobei die ganz scharfe Kritik an seiner Person und an seiner Linie von demokratischer Seite ausbleibt. Wahrscheinlich weil alles noch viel schlimmer sein könnte, wenn der rechte Parteiflügel der Republikaner am Ruder wäre. Wenigstens ist Schwarzeneggers Frau Demokratin. Wenigstens ist er am Diskurs über die Parteigrenzen hinweg mehr interessiert als an der Pflege eines eng abgesteckten republikanischen Gärtchens. Und wenigstens könnte man ihn umweltpolitisch manchmal gar mit einem Demokraten verwechseln – Grund genug für die Republikaner mit “ihrem” Gouverneur unzufrieden zu sein. Aber was er da vor ein paar Tagen unterschrieben hat, der Arnold, das hat dem republikanischen Fass den Boden ausgeschlagen. Einen Harvey Milk Tag soll es in Zukunft in Kalifornien geben, immer schön zum 22. Mai. Da werden zwar die staatlichen Stellen und die Schulen offen bleiben, aber letztere werden angewiesen werden, Harvey Milks Geburtstag zu gedenken, der schwule San Francisco Politiker, der 1978 in seinem Büro erschossen wurde. (Sean Penn hat für dessen Portrait im gleichnamigen Film den Oscar erhalten). Victory! freuen sich die einen. Für die andern ist es Bestätigung, dass Schwulenorganisationen wirklich darauf aus sind, Homosexualität in den Schulen zu lehren. An der lahmen Ente wird die Kritik abperlen während sie zu neuen Ufern gleitet.

Wednesday, October 14, 2009

Jetzt aber!


Plötzlich stand sie da, die Skulptur, und machte sich wichtig, von einem Tag auf den andern. Und falls das Foto dies nicht deutlich genug macht - die Skulptur ist tatsächlich dick und feiss. Und nicht zu übersehen, was wohl auch Sinn und Zweck der ganzen Sache ist. Sie steht nicht am wirklichen Ortseingang von Twentynine Palms, der wäre etwa sieben Meilen westlich, sie steht am gefühlten Ortseingang, falls es das gibt. Das ist dort, wo es sowas wie ein Zentrum gibt mit einem Lichtsignal, das den Ost-West-Nord-Süd Verkehr regelt. Die wirkliche Fläche von Twentynine Palms ist um einiges grösser als dass es den Anschein macht, grösser als San Francisco. So, und nun brauchen wir also eine Skulptur, die uns sagt, wer wir sind. Offenbar ist das Herausragendste an uns, dass wir einen numerischen Namen haben. Vergessen wir die Palmen, die hat jeder – Palm Springs, Palm Desert usw. Die Palmen sind tatsächlich nur um die Oase, wo alles begann, wirklich dominierend, ansonsten gibts mitten in der Wüste nicht viele davon. Im alltäglichen Sprachgebrauch lassen wir sie tatsächlich weg, wie in: ich lebe in 29. Und ich muss zugeben, als ich den Namen zum ersten Mal auf einer Landkarte sah, hat er meine Phantasie beflügelt und ich wollte Twentynine Palms sehen, einfach um des Namens willen, der eine Präzision vorgibt, die beim Besuch dann nicht wirklich eingelöst wird. Und nun haben wir das Ganze also in Eisen und mit Ausrufezeichen. In Auftrag gegeben von der Stadt, um das 20 jährige Jubiläum als unabhängige Stadt zu feiern und von einem lokalen Künstler gefertigt. Was aber fast mehr aussagt über die Stadt als 29! – die Skulptur wurde als transportfähig konzipiert – sie steht auf städtischem Land, das zum Verkauf steht. Der neue Besitzer des Landes wird das Recht haben, die Skulptur in seine Pläne einzubeziehen, oder sie schlicht und einfach abzutransportieren – auf einen anderen 29! Flecken.

Handicap 3000


Ob wohl einer dieser Herren Douglas Jones ist? Ein gewissen Douglas Jones, 57, hat über die letzten zwei Jahre rund 3000 Golfbälle ins grösste Sandloch geworfen, das er finden konnte – den Joshua Tree National Park. Er habe es als Tribut für gestorbene Golfer getan, meinte Jones als ihm die Ranger endlich auf die Schliche kamen. Die wollten aber nichts von einer Gedenkveranstaltung der besonderen Art wissen, sprachen von Vermüllung und zeigten ihn an. Jones hatte nicht nur Golfbälle in den Nationalpark gebracht, er hatte auch Dosen Gemüse und Früchte in der geschützten Wildnis hinterlassen – als Hilfestellung für gestrandete Wanderer, wie er meinte. Für die Ranger ist somit das zwei Jahre alte Rätsel gelöst. Sie hatten sich gewundert, woher denn plötzlich all diese Bälle kam und fälschlicherweise auf einen abschlagwütigen Golfnovizen mit seinem Golfschläger getippt. Douglas Jones aber hatte die Bälle vom Auto aus mit grosser Wucht in die unberührte Wüste geworfen. Die Bälle hätten zwar keine unmittelbare Gefahr für die Tierwelt dargestellt, meinten die Ranger, die Gefahr, dass ein ahnungsloses Tier einen Golfball für ein Ei halte und zu schlucken versuche, sei relativ gering. Aber die Aufräumaktion, welche die Golfbälle verursachte – da verstanden die Ranger keinen Spass. Etwa 373 Arbeitsstunden seien darauf verwendet worden, oder ca. 9000 Dollar. Jones wird sich in Kürze vor einem Richter verantworten müssen. Falls er schuldig gesprochen wird, droht ihm eine saftige Geldstrafe, eventuell sogar Gefängnis und Verbannung vom Park. Jones wollte nicht mit Reportern über sein Vergehen sprechen. Als einer davon seinen Vater anrief, mit dem Jones lebt, wusste dieser von nichts. “Das klingt alles äusserst seltsam”, sagte der 84-Jährige, “ich kann mir nicht vorstellen, woher mein Sohn soviele Golfbälle hat.” Er gab allerdings auch an, dass sein Sohn auf einem Golfplatz arbeitet.

Bitte hier fotografieren


Vom Aussichtspunkt Keys View im Joshua Tree National Park kann man an klaren Tagen bis nach Mexico sehen. Diese Tage werden immer seltener – dank der Luftverschmutzung des 100 Meilen entfernten Grossraums Los Angeles, welche der Wind ins Landesinnere trägt. So sieht man halt meist nicht nach Mexico sondern nur nach Palms Springs runter - Luftlinie ungefähr 20 Meilen – und gibt sich der Illusion hin, heute sei es auch wieder mal besonders dunstig. Die Aussicht ist trotzdem spektakulär, besonders zu Sonnenauf- und -untergang. Immer wieder muss ich da hochfahren. Nicht weil ichs nicht lassen kann, sondern weil alle meine Gäste zu Keys View wollen. Was macht Aussichtspunkte so faszinierend? Woran liegt es, dass man eine Gegend scheinbar erst verinnerlicht, wenn man sie visuell von oben erfasst? Da sind nicht nur die üblichen internationalen Touristen anzutreffen, sondern immer auch Leute aus der Gegend auf Fotomission. Einmal wars ein junger Mann mit schwerem Motorrad, der sich mit Selbstauslöser auf seinem Motorrad fotografierte. Einmal war es Eric Benet, Halle Berry’s Ex, der zur Unzeit mit neuer Flamme unterwegs war und den ich erst durch den Sucher erkannt habe, nachdem ich den beiden Turteltauben anerboten habe, sie zusammen abzulichten – ein Angebot, das sie erst erschrocken abgelehnt hatten, bis sie realisierten, dass es sich hier ja um ihre eigene Kamera handelte und nicht um die eines Paparazzo. Ich hab mir nichts anmerken lassen, aber als sie verschwunden waren, hab ich mich über ihr Missverständis krumm gelacht. Vor einer Weile habe ich bei Keys View diese blutjunge Familie angetroffen – ebenfalls auf Fotomission. Sie haben mein Angebot, sie zusammen zu fotografieren, sofort dankbar angenommen und hatten auch gegen meine Kamera nichts einzuwenden. Der Gegensatz zwischen seiner harten Schale und seiner Offenheit und absoluten Hingabe zu seiner Frau und Tochter haben mich fasziniert.

Thursday, September 24, 2009

Hände hoch!


Bitte verlangen Sie nicht von mir, dass ich Ihnen das Folgende sinnmachend erkläre – wo’s keinen Sinn gibt, kann ich keinen herzaubern. Hier die verblüffende Entwicklung: Da hat doch anno dunnemals Präsident Reagan was Gescheites verordnet, nämlich, dass in Nationalparks und Naturschutzgebieten keine geladenen Waffen offen rumgetragen werden dürfen (abgebildetes Schild hin). Das blieb dann auch so bis Herr Bush zu niemandes Erstaunen Gefallen daran fand, dass seine Mitbürgerinnen und Mitbürger das Recht haben, mit geladener Waffe durch die Nationalparks zu spazieren (Schild wieder weg). Die Waffen-Lobby war zufrieden. Kurz nach Herrn Bushs Umzug von Washington nach Texas ordnete ein Richter an, dass die Reagan Regeln nun wieder in Kraft seien (also Schild wieder hin). Die Regeln schränkten das Recht, überhaupt Waffen in die Nationalparks zu bringen, streng ein und verlangten, dass diese stets gesichert oder weggeschlossen seien. Nun war es an den Antigewehrlern, glücklich zu sein. Und natürlich dachte niemand daran, dass sich die Regeln unter Obamas demokratischer Administration so schnell wieder ändern könnten, allen voran wohl nicht Obama selbst, der den Entscheid des Richters begrüsste. Dann aber kam ein republikanischer Senator daher und schnürte ein Paket der absurden Art. Er verknüpfte einen neuen Pro-Waffen-in-Nationalparks-Gesetzesentwurf mit einem andern, von dem er wusste, dass er den Demokraten extrem wichtig war – der Gesetzesentwurf für weitreichende Restriktionen für Kreditkarten-Unternehmen. Das republikanische Kalkül ging auf, und das verschärfte Kreditkarten-Gesetz wurde vom demokratischen Kongress gerade in der schlechten ökonomischen Situation problemlos angenommen. Dass da noch eine Spur Waffenlobby dran klebte, war das kleinere Übel. (Schild wieder weg: 22. Februar 2010). Vielleicht sollten die Schilder in den Boden versenkbar sein, per Fernsteuerung.

Monday, September 14, 2009

Neid und Missgunst


Leider ist das kein Suchbild “Entdecke die zehn Unterschiede”. Leider erkennt man auf den ersten Blick schon zehntausend Unterschiede. Links sehen Sie einen Ocotillo Kaktus, wie ihn andere Leute haben. Rechts sehen Sie meinen, wenn diese lausigen, nackten Stengel diesen Namen überhaupt verdienen. Alles hab ich schon versucht, um meine fünf zu buschiger Pracht heranzuzüchten – mehr Wasser, weniger Wasser, kein Wasser, Monsoon - nichts. Die ersten Jahre hab ich ein paar wenige grüne Blätter hingekriegt, in letzter Zeit bleiben die Drecksdinger hartnäckig kahl. Tot sind sie nicht, auch wenn sie so aussehen. Im Frühjahr bequemen sie sich, ab und an oben eine ihrer typischen roten Blüten zu machen. Aber auch die werden immer mickriger. Immer wenn ich nah dran bin, zum ultimativen Kahlschlag anzusetzen, zeigen die Stengel Spurenelemente von Leben und ich kriegs wieder nicht übers Herz. Was mich am meisten ärgert ist, wenn ich in der offenen Wüste, fern ab von jeglichen grünen Daumen, Prachtsexemplare von Ocotillos sehe – vier Meter hoch und buschig, mit so leuchtend roten Blüten, dass auch der blindeste Kolibri sie als Futterquelle ausmachen kann. Dann beschliesse ich, der Natur überhaupt nicht mehr ins Handwerk zu pfuschen, bis ich dann den Besitzer der Exemplare links im Bild mit einem Gartenschlauch in der Hand erwische. Er winkt mir freundlich zu – unter den Umständen geradezu ein Affront. Ich gebe auf. Sollen sie doch kümmerlich eingehen. Ich muss Schwächlinge von Ocotillos erwischt haben als ich sie damals bei – und dann, plötzlich die Einsicht. Bei Walmart hab ich die Ocotillos gekauft, weil sie in den lokalen Gärtnereien grad nicht vorrätig waren. Und weil Geduld nicht meine Stärke ist. Das hab ich nun davon, wenn ich bei der weltgrössten Einkaufskette (und nicht gerade für exzellente Qualität bekannt) lokale Pflanzen kaufe. Schämen sollte ich mich, und tue es auch.

Keine Toten mehr


Walt Staton hat in einem Naturschutzgebiet in der Wüste südlich von Tucson, Arizona, Wasser in Plastikkanistern und –flaschen postiert und dafür eine Busse von $175 erhalten. Walt Staton hat sich geweigert, diese Busse zu bezahlen. Das hat ihm und seinem Anliegen nationale Aufmerksamkeit gebracht. Er gehört zur Organisation “No More Deaths”, welche seit Jahren Wasser in der Wüste postiert, um die Migranten von Mexico vor dem Verdursten zu retten. Jeden Sommer sterben viele der illegalen Einwanderer auf ihrem Fussmarsch durch die einsame Wüste in unbarmherziger Hitze. Eine Weile sah es so aus, als könne Walt Staton zu einer Gefängsnisstrafe und einer Busse von $10 000 verurteilt werden. Ganz so schlimm ists nun nicht gekommen. Ein Geschworenengericht hat ihn letzte Woche auf Bewährung gesetzt und zu 300 Stunden Abfallauflesen verurteilt. Auch darf er für ein Jahr besagtes Naturschutzgebiet nicht mehr betreten. Man hat ihm gesagt, er hätte nach den Regeln spielen müssen wie andere Gruppen, denen man – mit Bewilligung – erlaubt, an einigen Hilfsstationen grosse Wassertanks zu unterhalten. Man hat ihm gesagt, die Plastikflaschen seien Umweltverschmutzung und bergen Gefahren für die lokale Fauna. Walt Staton ist der Meinung, Mitgefühl brauchte keine Bewilligung. Nun ist Plastikabfall tatsächlich eine Gefahr für die Umwelt, aber der strategisch umstrittene Grenzzaun zwischen den USA und Mexico ist es ebenso. Mit seinen hunderten von Meilen Länge unterbricht er nicht nur die Migration sondern auch die Futterwege von vom Aussterben bedrohten Tieren in diesem abgelegenen Stück Wüste. Und die Kriminellen – Waffenschmuggler auf dem Weg nach Süden, Drogenkuriere und Menschenschmuggler auf dem Weg nach Norden, welche diese Wüste Tag für Tag und Nacht für Nacht durchqueren, sind eine weitaus schlimmere Bedrohnung als ein Abfall verursachender Menschenfreund, der Leute vor dem Verdursten rettet.

Wednesday, August 26, 2009

Was da so wächst...


Seit fast vier Jahren berichte ich an dieser Stelle wöchentlich von meinem Leben in der Mojave Wüste. Wie ich aus Emails von vielen Leserinnen und Lesern weiss, gehöre ich mittlerweile bei vielen von Ihnen zum Mittwochmorgen Kaffee wie das Buttergipfeli und das freut mich. Etwas habe ich Ihnen in den letzten vier Jahren nie erzählt – an was ich arbeite, wenn ich nicht gerade eine Kolumne für Sie schreibe. Über Schreibtischarbeit zu lesen, ist ja schliesslich auch langweilig, Da habe ich Ihnen lieber vom Alltag in Twentynine Palms berichtet, einem Ort, an dem die Zeit anders geht, wenn sie vor lauter Hitze nicht gerade still steht, und wo Kojoten und Hasen sich Gutenacht sagen. Ich habe von Begnungen mit kauzigen und liebenswerten Menschen erzählt, von Witzigem und gelegentlich von Ärgerlichem. Und ich habe offenbar Fernweh ausgelöst, denn ich höre immer wieder von Leserinnen und Lesern, die hierher gereist sind. Während den letzten Jahren habe ich aber auch an meinem ersten Roman gearbeitet: “Datura”. (Das Bild zeigt eine dieser Wüstenpflanzen.) Diese Woche ist er auf Deutsch erschienen. Auch “Datura” spielt über weite Strecken in Twentynine Palms. Es ist eine Geschichte, bei der es um eine grosse Liebe geht und um Tod – um eine Liebe, die sich zur Unzeit in zwei Leben zwängt und gewinnt, als alles verloren scheint. Und es geht darum, wieviel Leben und Schönheit im Abschiednehmen und im Sterben stecken kann, wenn man genau hinschaut. Hier die Auslangslage: Die Journalistin Emma de Antoni ist gerade in die Mojave-Wüste gezogen, als sie in einem Antiquitätengeschäft namens Datura auf Jackson Carver trifft, einen Mann, der nur in seiner Unabhängigkeit zuhause ist. Und wenn Sie nun denken, das hätten Sie von mir auch schon mal gelesen, dass ich gern in Antiquitätenläden rumstöbere, dann kann ich Sie natürlich nicht dran hindern. Mehr Infos finden Sie unter: LilianeLerch.com

Wednesday, August 19, 2009

Schildkrötenreise


Schildkröten reisen nicht gern, Wüstenschildkröten schon gar nicht. Sie sind am liebsten zuhause, suchen in ihrem eng begrenzten Territorium nach wasserhaltigem Essen und sind glücklich, wenn sie alle Monate mal fündig werden. Ein genügsameres Wesen als die Wüstenschildkröte kann man sich gar nicht vorstellen – sie kann bis zu einem Jahr ohne Wasser überleben, und das bei Bodentemperaturen von 60 Grad Celsius. Und nun müssen sie umgesiedelt werden, die Wüstenschildkröten, 1100 Stück von ihnen zumindest. Denn sie sind vom Aussterben bedroht und sie sind im Weg. Weil sie geschützt sind, kann selbst das US Militär ihre Militärbasis in der Wüste nicht einfach erweitern, ohne sich um die Schildkröten zu kümmern. Darum läuft jetzt ein Bewilligungsverfahren, 1100 der Tiere aus der Schusslinie zu verfrachten. Schildkrötenzügeln ist allerdings kein einfaches Unterfangen, auch wenn sie mit Haus reisen. Wenn Schildkröten merken, dass sie nicht mehr wissen, wo sie sind, setzt ein eingebauter Mechanismus ein, der ihnen sagt, sie müssten nach Hause marschieren. Das tun sie, bis zu sechs Meilen weit. Unterwegs werden sie Beute für Koyoten und die jungen Schildkröten für Raben. Der letzte Versuch, Schildkröten umzusiedeln, wurde wegen hoher Sterberate abgeblasen. 8,7 Mio Dollar hätte er gekostet für 600 Schildkröten. Das macht 14’500 Dollar pro Schildkrötenumzug. Bei den hohen Kosten muss man sich fragen, wie um Himmels Willen, die Schildkröten denn reisen. Jede im eigenen Panzer? Im Militärhelikopter? Ich finds ja gut, dass eine Militärbasis nicht einfach auf Biegen und Brechen und über Leichen erweitert werden darf und dass so ein altertümliches Wesen wie eine Schildkröte der neuesten Kriegstechnologe ein Schnippchen schlagen kann. Aber wärs denn nicht einfacher, gesünder und kostensparender, die Schildkröten in ihrem Revier zu lassen und einen neuen Sandkasten für die Kriegsspiele zu finden?

Blasebalg


Und dann, plötzlich, von einer Stunde auf die andere ist er da, der Wüstenwind. Ich rede nicht von einem lauen Lüftchen, und von lau schon gar nicht zu dieser Jahreszeit. Ich rede von Luftstössen und Wirbeln, Gerüttel und Gezerre, heiss und wild. Was jetzt nicht niet- und nagelfest angemacht oder zumindest wie im Bild mit Steinbrocken beschwert ist, fliegt davon. Bei meinen Freunden Ron und Rebecca sind die Steine eine permanente Installation, aber die wohnen auch höher und noch windexponierter als ich. Ich stelle meine Gartenmöbel immer auf und trage sie an ihren ursprünglichen Platz zurück. Und wenn ich weg war, sagen mir deren Stellung und Position alles über die Windsituation in meiner Abwesenheit. Auch wenn ab und an Windwarnungen von über 40 Meilen Geschwindigkeit pro Stunde ins laufende Fernsehprogramm eingeblendet werden, gibts trotzdem relativ wenige Sandstürme, wo man gar nichts mehr sieht. Der Sand hier ist zu grobkörnig, um leicht davonzufliegen. Bis Fussspuren im Sand verschwinden, braucht es einiges, aber es ist auch schon vorgekommen. Da ist mir allerdings gleichzeitig auch ein Teil des Dachs davongeflogen. Mit der Temperaturveränderung beim Eindunkeln verstärken sich die Winde. Das trifft sich immer schön mit dem Moment, in dem man den Grill anstellen will. Dann muss man noch mehr aufpassen als sonst schon, dass keine Glut entwischt und ein ausgedörrtes Pflänzchen erwischt. Im stürmigen Wüstenwind fliegen Vögel nicht mal mehr seitwärts und diejenigen, die laufen, würden den Linienlauftest der Polizei nicht bestehen. Wenn draussen Sträucher und Bäume in Wind tanzen und nur noch die dicken, fetten Kakteen stramm stehen, und wenn sich die Hunde in die hinterste Ecke verkriechen, klingt der Wind im Haus wie heulender Gesang. Der trockene Wüstenwind weckt eine undefinierbare Sehnsucht – nach was genau – ausser nach Handcrème und Bodylotion – ich habs immer noch nicht herausgefunden.

Wednesday, August 5, 2009

Französisch baden


Wenn man halt keinen eigenen Pool hat – um jetzt dieses leidige Thema wieder einmal aufzubringen – muss man erfinderisch werden. Die kriminelle Energie, wenn auch von der harmlosen Sorte, überfällt einem leicht und schnell bei 43 Grad im Schatten und keinem nassen Fleck weit und breit. Es gibt hier einen öffentlichen Pool, der zur High School gehört und der für eine Stunde täglich für Schwimmer reserviert ist. Der ist gross und unattraktiv. Und dann gibts viele kleinere Pools in viel schönerer Umgebung, die zu Hotels und Motels gehören. Viele dieser Pools sind von aussen zugänglich, ohne dass man sich je an einer Hotel Reception vorbeischleichen muss, wie ich mit meiner Freundin JB neulich erkundet habe. Die Hotelpools sind natürlich nicht für die Einheimischen gedacht. Also mimen wir Touristen, die nur eben mal in Badelatschen vom Hotelzimmer zum Pool geschlichen sind in ihren Badeanzügen, ein weisses Frottéetuch um die Hüften geschlungen. So staffieren wir uns schon zuhause aus, fahren vor und parken weit vom jeweiligen Hoteleingang. Dann spazieren wir nur mit Schlüssel und Handy bewaffnet durch den Hotelgarten und lassen uns am Pool nieder. Jeden Tag an einem andern. Wir haben unseren Akt mittlerweile perfektioniert. Eines Tages hat JB, die ursprünglich Kanadierin ist, angefangen, ihr Französisch zusammenzuklauben und mir im Pool lauthals Dinge wie “J’aime le poulet à Paris dans le vent en hiver, tu sais” zuzurufen, als sich der Manager zu lange am Pool rumgetrieben hat. Mein “Ah très bien, moi aussi, oui, oui, oui” hat ihm zwar jeden Zweifel genommen, dass wir Touristen und Gäste sind, auch wenn er uns noch nie gesehen hat, aber mich hats nur wieder mal beschämt, dass mein Französisch sich in heisse Wüstenluft aufgelöst hat, seit ich immer Englisch spreche. Um einen Hotelmanager in Twentynine Palms zu verscheuchen, reichts. Aber eigentlich ist’s eine Schande. Acht Jahre büffeln für die Katz.

Friday, July 31, 2009

Fluchtversuch


Ja ja, ich gebs ja zu – ich bin ein Schwächling. Ich bin der Wüstenhitze entflohen. Selbstverständlich ist dieses Bild nicht inmitten von Stein und Sandbergen aufgenommen, sondern in Meeresnähe, wo ich mich gerade abkühle. Und obwohl ich immer sage, die Hitze mache mir nichts aus, hats mich für eine Weile zum Pazifik gezogen. In den letzten Tagen wird allerdings empfohlen, das kühle Nass entlang der Küste von Los Angeles zu meiden, weil es zur Zeit besonders hohe Wellen gibt, die sehr schnell sehr gefährlich werden. Es ist eine Empfehlung, der speziell übers Wochenende nur mässig nachgekommen wird, denn ich höre sehr viel öfters Sirenen von Rettungsfahrzeugen und Helikoptergeknatter als üblich. Tsunami Alarmstufe gibts aber keine, aber wenigstens wüsste man dank der neuen Signaletik, wo man denn hinlaufen müsste, im Fall der Fälle. Ist ja auch nicht besonders schwer – vom Meer weg ist eine ziemlich narrensichere Strategie.
Zwischen 25 Grad und 41 Grad liegen mehr als 16 Grad Unterschied. Bei 25 Grad kann ich auch nachmittags arbeiten und muss (oder darf) nicht flach wie eine Flunder auf kühlere Zeiten warten. Oder besser gesagt, das Feld der Fluchtmöglichkeiten vor dem Schreiben ist verführerisch breit. In der Stadt müssen Schnäppchen gejagt sein, da muss Kaffeeklatsch gehalten und am andern Ende der Stadt Vietnamesich gegessen werden. Und in der Stadt müssen die Haare professionell blondiert werden, anstatt sie in schlechter alter Wüstenschlampen-Manier selber mit Bleiche vollzukleistern und so zu verbrennen, dass sie abbrechen, nur weil man keine Geduld hat, auf die Profis zu warten. Und dann ist plötzlich fertig – frisch frisiert oder nicht. Ab in die Wüste, ab in die Weite, ab in die Stille, ab in die Hitze, die sich fast anfassen lässt. Es geht immer schneller, dass mir das Stadtleben gestohlen bleiben kann. Landschaftliche Schönheit ist mindestens so stimulierend.

Wednesday, July 22, 2009

Nachtrag


Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle über meine Navajo Freundin Bessie geschrieben und dass sie am Grauen Star leidet. Mit keinem Wort und keinem Hintergedanken habe ich darauf hingedeutet, dass die Operation für Bessie und ihre Familie ein finanzielles Problem darstellen könnte. Ich weiss ja von ihr, dass das staatliche Indian Hospital in Gallup für die Kosten aufkommt. Insofern haben die Navajos, oder die Diné, wie sie nämlich wirklich heissen, sowas wie eine kostenlose medizinische Grundversorgung – wenigstens ein finanzieller Vorteil gegenüber den Anglos. Darum dann auch mein Erstaunen, als sich in den Tagen nach Erscheinen der Kolumne drei Leserinnen und Leser gemeldet haben, die finanzielle Hilfe für die Operation angeboten haben. Ich habe Bessie und ihre Familie nochmals gefragt zur Sicherheit, ob die Operation sie auch wirklich nichts koste. Bei der ganzen Krankenversicherungs-Diskussion hierzulande kann ich das machmal selber kaum glauben. Ich habe Bessie erzählt, dass sich in der Schweiz Leute um sie sorgen. Das hat sie gerührt. Und ich hab die Angebote der Leser herzlich dankend abgelehnt. Ein Mann aber hat sich nicht abweisen lassen wollen. Er habe das Geld jetzt innerlich schon gespendet, sagt er. Es sei nun an mir rauszufinden, wie ich es den Navajos zukommen lassen könne. Ob er es auch für Bessie’s Alterspflege spenden würde, frage ich, da der Graue Star nur eines ihrer gesundheitlichen Probleme ist. Ja, gern, sagt der Mann. Ich hätte gute Neuigkeiten, sage ich Bessie’s Töchtern. Sie bestellen mich zum Frühstück in Gallup. Als ich ihnen sage, ein Leser bestehe darauf, ihnen für Bessie’s Pflege finanziell unter die Arme zu greifen, fangen sie sofort an zu weinen. Dass es sowas gibt, sagen sie immer wieder – Unterstützung vom andern Ende der Welt. Der Kellner besteht darauf, dass wir alle zusammen ins Bild rücken. Aber erst, als die beiden Damen sich etwas erholt haben.

Wednesday, July 15, 2009

Testosteron pur


In Sachen Wild West Romantik ist “meine” Mojave Wüste etwas für Weicheier verglichen mit Gallup, New Mexico. Letztes Wochenende hat dort wie jeden Sommer “The Wild Thing Bullriding Championship” stattgefunden. Die Arena ist gross und wunderschön inmitten von roten Felsen gelegen, und sie ist brechend voll. Ein Grossteil der Zuschauer Navajos von Jung bis Alt, aber auch viele Anglos, wie die Weissen hier heissen. Und drinnen fliesst das Testosteron in rauen Mengen. 90 Verrückte haben sich für die zweitägige Championship angemeldet und 175 Dollar Startgeld bezahlt, um hoffentlich länger als acht Sekunden auf einem kickenden Bullen zu reiten, bevor sie abgeworfen werden. Die Hälfte der Cowboys sind Navajos aus der Gegend, der Rest kommt aus den ganzen USA, aber es haben auch schon mal Reiter aus Australien teilgenommen. Manche Cowboys reisen von einer Championship zur andern und hoffen auf Preisgeld. Aber nur die ersten Acht zählen zu den Glücklichen, und nur der Gewinner kriegt 5500 Dollar. Es ist ein harter Weg, sein Geld zu verdienen. Und ein gefährlicher. Die Ambulanz wartet vor der Arena und sie wird einige Male gebraucht. Kurz bevor’s losgeht, wartet der Bulle in einem engen Gehege bis der Reiter sein Seil richtig festhält, dann gibt er ein Zeichen, das Tor wird geöffnet und der Bulle rennt wild kickend in die Arena. Der Reiter darf sich nur mit einer Hand am Seil festhalten, die andere Hand darf weder das Seil noch den Bullen berühren. Die meisten fliegen bereits vor der Acht-Sekunden-Marke – die Glücklichen im hohen Bogen, die andern gefährlich nah unter den Bullen. Ich hab Männer noch nie so schnell aufstehen und loslaufen sehen. Nicht minder spannend ist das Pausenprogramm: die Wollenreiter – vier bis sechsjährige, meist Navajojungs, die es in vollen Cowboy-Outfits den Alten gleichtun, einfach auf Schafen. Ich kann vermelden – Bullriding wird nicht aussterben, der Nachwuchs ist stark.

Sunday, July 12, 2009

Geschichten erzählen


Bessie ist wieder mal zu Besuch – wie fast jedes Jahr. Bessie gehört zum Stamm der Navajo-Indianer und wohnt weit draussen im Reservat ausserhalb Gallup, New Mexico. Über die Jahre ist sie eine Freundin geworden. Sie kommt gern für ein paar Wochen zu Besuch. Dass sie eine Freundin in Kalifornien hat, die sie in die Ferien holt, bringt ihr Respekt ein im Reservat und innerhalb ihres grossen Clans. Sogar ihre Grosskinder sind neidisch, sagt sie fröhlich. Bessie ist innerhalb weniger Jahre gebrechlich geworden. Neben andern Problemen hat sie den Grauen Star und braucht eine Operation. Trotz allem ist sie guter Laune wie immer. Was sie am liebsten macht dieser Tage – Geschichten erzählen und Geschichten hören. Selber lesen kann sie nicht mehr. Sie erzählt, wie sie als Sechzehnjährige für zwei Jahre nach Utah geschickt worden ist in eine von Weissen geleitete Schule und wie den Navajo-Kindern dort der Mund mit Seife ausgewaschen wurde, wenn sie ihre eigene Sprache sprachen anstatt Englisch. Ich rechne nach. Das war ironischerweise nach dem Zweiten Weltkrieg, also nachdem die Sprache der Navajos in Südostasien zum unpenetrierbaren Code und von kriegsentscheidendem Vorteil geworden war. Und sie erzählt, wie sie nach dem Tod ihres ersten Mannes für eine Weile bei seinem Stamm, den Tesuque Indianern in der Nähe von Santa Fe gewohnt hat. Und wie sie von dort mit ihren damals zwei Kindern abgehauen ist, als die Tesuques sie als Navajo-Frau hätten zwingen wollen, an ihren traditionellen Tänzen teilzunehmen. Sie will, dass ich ihr meinen Roman vorlese, was ich gerne tue. Wenn meine Stimme heiser wird, weil ich grad eine Grippe hinter mir hab, wartet sie geduldig und schaut in die Weite der Mojave. Trink Tee, sagt sie, nur damit sie mir ein weiteres Kapitel abluchsen kann. Und wenn ich mich dann überreden lasse, strahlt sie glücklich. Storytelling – the old Navajo way, sagt sie, I like it.

Tuesday, June 30, 2009

Frieren bei 40 Grad


Da verlässt das Landei mal wieder die Wüste und geht in die grosse Stadt – und dann sowas. Gliederschmerzen, Schnupfen, Halsschmerzen, Husten, Frösteln, Fieber. Alles zunehmend, auch nun, da ich wieder zuhause bin. Grippe halt. Mhm, Schweinegrippe gibts ja auch noch. Die findet wahrscheinlich nicht nur am Fernsehen statt. So eine Pandemie wird schliesslich nicht umsonst deklariert. Was nun? Erst mal Google. Check, check, check. Alle Symptome wie sie die staatliche Gesundheitsbehörde angibt. Nun sind das ja aber auch die Symptome jeder andern Grippe. Das hilft nicht weiter. Es ist Sonntag Nachmittag, ich rufe das hiesige Miniaturspital an. Sie können schon kommen, wenn Sie wollen, heisst es, Sie müssen einfach mit Mundschutz im Warteraum sitzen. Und ich dachte, ich komme schneller dran, wenn ich eine potentielle Seuchengefahr darstelle. Also dann morgen zum Hausarzt. Falls ich wirklich Schweinegrippe habe, muss ich wenigstens nicht als Geschworene bei einem Prozess agieren – eine Bürgerpflicht, die alle umgehen wollen. Fieber und Frösteln zusammen bei 40 Grad – ich kanns nicht empfehlen. Decke hoch, Decke runter. Ich habe auf der staatlichen Schweineseuche-Website gelesen: Bitte keine Schweinegrippe-Parties veranstalten. Wie bitte? Da gibts tatsächlich Leute, die wollen sich unbedingt anstecken lassen, weil man davon ausgeht, dass der Virus, wenn er im Herbst wieder zurückkommt, stärker ist und man nun mit der milderen Version immun werden kann. Eine Party mache ich keine – die Wüste ist meine Quarantäne. Und wenn’s ganz schlimm kommt, wird mir bestimmt jemand von Basel ein Tamiflu Care Package schicken, oder? Das ist in Zeiten wie diesen übrigens hoch im Kurs, wenn man sagt, Basel ist die Heimat von Tamiflu. Ich würde mal sagen, Tamiflu ist auf Platz 2 gerutscht auf der international anerkannten Basel-Liste: Federer, Tamiflu, Art Basel. Und LSD natürlich, je nach Publikum.

Tote Rose


So heisst das Haus, das Robert Stone ausserhalb von Joshua Tree gebaut hat – Rosa Muerta. Der Name leuchtet ein. Das Haus ist schwarz, und damit meine ich nicht die Inneinrichtung. Das Haus ist schwarz durch und durch, Wände, Böden, Küche, Herd, Bad, Wasserhähne, Bett, Lampen, einfach alles. Die Leute, die sich im Haus bewegen, bringen die Farbe, sagt Robert Stone, der 40-jährige Architekt und zeigt auf mein farbiges Hemd und meine grüne Tasche, um seinen Punkt zu beweisen. Ich habe in der Los Angeles Times über das Haus gelesen. Es steht nur ein paar Meilen von mir entfernt, aber hier draussen sind die Chancen relativ gering, mal einfach so über eine interessante Neuentdeckungen zu stolpern. Jeder sucht sich einen privat gelegenen Flecken für seine Wüstenträume. Von den Bildern her hat mir der niedrige Pavilion nicht besonders imponiert. Als ich es gesehen und mit Robert Stone gesprochen habe, war ich trotzdem beeindruckt. Nicht vom Schwarz. Und nicht von den handgeschmiedeten Rosen in der Aussenmauer. Aber von seiner singulären, monochromen Vision, die er umgesetzt hat. Stone hat Modernismus mit Punk vermählt, was hier sogar funktioniert. Punk sind Robert Stones Wurzeln, “Punk and Freedom” sehe ich denn auch auf seinem Arm tätowiert, als er mich rumführt. Innen und Aussen fliessen auf mehreren Ebenen ineinander. Das Wohnzimmer (im Bild), falls man das so nennen kann, ist draussen, mit einer Feuerstelle und einem kleinen Pool, Betonbänken und einer verspiegelten Decke. Ausser der Küche und dem Bad gibts nur das Schlafzimmer im Innenraum und auch das ist nicht ganz überdacht. Zwei Wänden entlang gibt es grosse Öffnungen, durch die man den Himmel sehen kann. Und Beete mit Kakteen fangen den seltenen Regen auf. Robert Stone hat sein Haus in drei Jahren ganz alleine gebaut. Er vermietet es übers Wochenende und baut sich mit dem Erlös das nächste Haus nebenan. Diesmal ganz in Gold.

Schwarz-Weiss


So. Das neue Super-Walmart-Megalomania-Shopping-Center hier oben in der High Desert kommt also nicht. Jedenfalls nicht so schnell und sicher nicht allen umweltschützerischen Einwänden zum Trotz. Gut so. Vor ein paar Wochen hat der zuständige Richter in San Bernardino County der grössten Ladenkette der Welt ein Bein gestellt. Die Auswirkungen des gigantischen Projektes auf die Umwelt seien nicht zufriedenstellend abgeklärt und gegen Global Warming sei nicht genügend unternommen worden, sagte der Richter. Vor allem, dass hier, wo fast 365 Tage im Jahr die Sonne scheint, das Einkaufszentrum nicht mit Solarenergie betrieben werden sollte, wollte dem Richter nicht einleuchten. Hier, wo die oben abgebildeten Solarpanele und sechs Golfwagen-Batterien ein ganzes Haus mitsamt Tiefkühler mit Strom versorgen, würde ein 17’000m2 grosses Einkaufszentrum sicher ein paar Panele auf dem Dach unterbringen können, um sich zu einem grossen Teil selbst mit Strom zu versorgen. Kalifornien macht ernst und übernimmt die Vorreiterrolle. Letzten Dezember wurde entschieden, dass bis zum Jahre 2020 15% der gesamten Emissionen des Staates verringert werden müssen. Da braucht es grosse Anstrengungen, alle Aspekte in Sachen Raumplanung in die Umweltbilanz miteinzubeziehen. Da gehören auch die vom Aussterben bedrohten Wüstenschildkröten dazu, die auf dem von Walmart gekauften Gelände leben und nicht genügend in den Umwelt-Report miteinbezogen worden sind. Wenn es allerdings um viele der Bewohner von Yucca Valley geht – sie wollen den neuen Walmart – Schildkröten hin oder weg. In der jetzigen Rezession brauchen sie die billigen Preise für Lebensmittel und Haushaltgegenstände und sie brauchen die neue Arbeitsstellen. Walmart plant in den nächsten Monaten verteilt über die ganzen USA 22’000 neue Arbeitskräfte einzustellen. Wie immer bringt einem eine einfache schwarz-weiss Sicht auf die Dinge nicht viel weiter.

Wednesday, June 3, 2009

Wüstenzeit


Buchstabier mir deinen Vornamen, Lil, sagte meine Nachbarin Sally aufgeregt als sie mich vom Wochenend-Markt anrief, ich weiss nur, dass du ihn anders schreibst als wir. Wir bringen dir ein Geschenk. Ein paar Stunden später standen sie und ihr Mann David vor meiner Tür und überreichten mir stolz die geschnitzte Holztafel: hier, du liebst doch Kakteen und die Wüste, sagten sie und schüttelten den Kopf. Es ist ein ewiges Geplänkel zwischen uns – meine Liebe zum Wüstenleben. Sie leben hier, weil es billig ist, nicht weil sie von der landschaftlichen Schönheit eingenommen sind. Ich habe die Wüste gewählt. Sie finden die Landschaft zu karg, vermissen Wasser und Grün. Ich erfahre die Kargheit als Qualität, die Landschaft als zu bespielende Bühne. In dieser Weite, wo so wenig definiert ist, werde ich immer wieder gezwungen, meinen eigenen Lebensraum zu definieren. Wieviel Platz, im wörtlichen und im übertragenen Sinn, brauche ich, um mich nicht eingeengt zu fühlen? Wieviel Freiraum ertrage ich, bevor ich mich verloren fühle? Es ist nicht nur der Ort, der herausfordert. Es ist in gleichem Masse die Zeit, die anders erfahren wird hier draussen – sie ist so offen, wie sie sein kann, nur durch Tag und Nacht bestimmt und nicht durch die Aufsplitterung in kleinste Zeiteinheiten bis zur Unkenntlichkeit entstellt. So scheinen die Uhren denn mal schneller, mal langsamer zu ticken als an andern Orten – eine rein subjektive Erfahrung ist die Wüstenzeit bestimmt. Nirgendwo sonst kann man mit seinen Zeitschätzungen so daneben hauen wie hier. (Und eine Verabredung um drei Uhr Wüstenzeit meint plus/minus zwei Stunden). Die Wüste verlangt nach einem selbstbestimmten Leben. In diesem Sinne könnte die Inschrift “Liliane’s Place” nicht passender sein. Hier ist der Ort, an dem man gezwungenermassen in seinem Leben ankommt, und der Ort, von dem aus man in alle Richtungen weitergehen könnte, wenn man denn wollte.

Saturday, May 30, 2009

Spritztour


Das ist Kurt, mein Nachbar. Wenn er nicht gerade sein kleines Wochenendhaus hier draussen renoviert, oder mit sich selber Golf spielt in der offenen Wüste, ist er Feuerwehrmann in Los Angeles. Vor langem habe ich ihn mal gefragt, wann er mich auf ein Spritzfährtchen mit dem Feuerwehrauto mitnimmt. Mal sehen, hat er ausweichend geantwortet. Letzten Montag hab ich wieder gefragt. Am Mittwoch, hat er gesagt. Das hab ich mir nicht zweimal sagen lassen und bin beizeiten vor der grossen neuen Feuerwehrstation Downtown aufgekreuzt. Kurt hat mir all die verschiedenen Feuerwehrautos gezeigt, hat Leitern ausfahren lassen und mich überall vorgestellt. Wir sagen, du seist eine Journalistin auf Besuch aus der Schweiz, hat er mir vorher zugeflüstert, das klingt besser als Twentynine Palms. Ich bin mit allem einverstanden, was mich in so ein Feuerwehrauto bringt. Ich fahre sie mal kurz um den Block, OK?, sagt Kurt beiläufig zu seinem Captain. Aber sicher doch, sagt der Captain ebenso beiläufig und schon sind wir unterwegs. Ich trage Kopfhörer und Mikrophon, sitze im Beifahrersitz und finde alles hochgradig spannend. Feuerwehrleute sind hier auch Sanitäter: 84% aller Einsätze sind rein medizinischer Natur – Unfälle, Herzprobleme und Bagatellen. Die Feuerwehr rückt aus, auch wenn es sich um einen gebrochenen Zeh handelt. Man könnte sonst später wegen irgendwelcher abstruser Komplikationen verklagt werden. Als das Feuerwehrauto wieder in der Garage steht, zeigt mir Kurt den hintersten und letzten Winkel der neuen Station mit sowas wie Besitzerstolz. Und er erzählt mir von seinem schlimmsten Einsatz – 12. September 2001, New York City. Kurt ist auch Spezialist für Gefahrstoffe; er ist in der Nacht nach den Anschlägen auf das World Trade Center zusammen mit andern Spezialisten nach New York geflogen worden und hat während Wochen aufgeräumt. Ihn erschüttert so schnell kein Einsatz mehr.

Landrausch


Wer von Twentynine Palms in östlicher Richtung weiterfährt, kommt nach Wonder Valley, ein Gebiet, das fast 30 Meilen misst vom einen Ende zum andern. Wundern mag man sich da tatsächlich, hauptsächlich über die auffallend vielen kleinen Hütten, welche in einem einigermassen regelmässigen Muster über die Landschaft verstreut sind. Viele sind verlassen und in einem heruntergekommenen Zustand. Aber viele andere werden seit einigen Jahren von Künstlern und Musikern für wenig Geld aufgekauft und renoviert – als Wohnhäuser sowie als Ateliergebäude. Jackrabbit Homesteading (ungefähr: Präriehasen Landbesiedlung) hiess die Bewegung, die 1938 von der Regierung ins Leben gerufen wurde, um öffentliches Land loszuwerden. Jeder, der wollte, konnte in den Besitz von zwei Hektaren Land kommen, wenn er versprach, ein kleines Haus darauf zu bauen und die minimalen Steuern zu bezahlen. Nach dem zweiten Weltkrieg setzte der Landrausch erst so richtig ein. Der technologische Fortschritt wie Air Conditioning und geteerte Strassen hatte das Wüstenleben mittlerweile attraktiver gemacht. Viele Städter aus Los Angeles bezogen Land und bauten sich entweder selber ein kleines Haus oder kauften sich ein vorfabriziertes Modell. Manche wurden von Generation zu Generation weiter vererbt und in Stand gehalten, andere wurden ganz einfach verlassen. Heute wird das Land, mit oder ohne Hütte drauf, oft vom Staat in Auktionen verkauft, und die Jackrabbit Häuser werden wieder begehrter. In den urbanen Zentren gibts nicht genügend Atelierräume und wenn, sind sie zu teuer. So haben denn die heutigen Jackrabbit Homesteader mit den ursprünglichen Siedlern von Wonder Valley vieles gemeinsam. Sie haben sich hier niedergelassen, um weit ab von überfüllten und verschmutzten Metropolen ein selbstbestimmteres und naturverbunderes Leben zu führen und auf die Gemeinschaft von Kulturschaffenden trotzdem nicht verzichten zu müssen.

Arbeitsbeschaffung


Die schlechte Lage der Nation hat zumindest eine gute Seite. Vor ein paar Wochen hat das Departement of the Interior angekündigt, dass der Staat Geld in die Wüste schicken wird. 5,3 Millionen Dollar werden quasi in meinem Garten landen - der Joshua Tree National Park soll lang geplante Unterhaltsarbeiten in Angriff nehmen können: Campingplätze werden renoviert, neue Feuerstellen und Grills installiert, Picnic Tische und Bänke geflickt, Wassertanks neu versiegelt, Wanderwege gebaut und Strassen saniert. Ausserdem werden einige Stellen, die beispielsweise durch Feuer in Mitleidenschaft gezogen worden sind, neu angepflanzt. Die volle Pracht dieser Pflanzaktion werde ich allerdings kaum mehr erleben. Joshua Trees und Kakteen wachsen so extrem langsam, dass erst meine Grosskinder und Urgrosskinder sich daran erfreuen werden können. Aber darum ist es bei den amerikanischen Nationalparks auch immer gegangen – die landschaftlichen Schönheiten und das kulturelle Erbe für künftige Generationen zu bewahren. So beträgt denn die stattliche Summe des Stimulus Pakets, mit der die insgesamt 388 Stätten, die zum Nationalpark System gehören, gefördert werden, auch 900 Millionen Dollar. 1916 ist der National Park Service entstanden und ist bis heute hervorragend ausgebaut worden. Die Investition in die Zukunft ist aber ebenso als Investition in die Gegenwart gedacht – Arbeitsbeschaffung vom Feinsten. Dabei wird darauf geachtet, dass die zusätzlichen Jobs sowohl im privaten wie im öffentlichen Sektor geschaffen werden. Es sollen zusätzliche Park Ranger angeheuert werden - ein Job, der immer begehrter wird in einer Zeit, in der sich mehr Leute denn je im Hamsterrad der Wirtschaft gefangen fühlen und nach einer sinnvollen Beschäftigung suchen. Derzeit werben die Nationalparks mit dem Slogan “America’s Best Idea”. Da kann man nichts als einverstanden sein. Und danke für den Zustupf, Mr. President.

Wednesday, April 29, 2009

Verscharrt


So. Nun ist es also soweit. Ich habe offiziell nicht mehr alle Tassen im Schrank. Oder zuviel Sand im Getriebe. Nicht dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, es so ausgedrückt hätten. Nein, Sie waren vorsichtig. Nett. Sich selber hinterfragend sogar. Ob mir da vielleicht ein Fehler unterlaufen wäre, haben Sie gefragt. Ob es eine Verbverwechslung gegeben hätte. Eine Verbverwechslung? Ich bitte Sie. So einen Mist habe ich schon lange nicht mehr zusammengeschrieben. Von verschacherten Leichen habe ich berichtet und verscharrt gemeint. Und zwar nicht nur einmal, irgendwo im Text versteckt. Nein, dreimal, und an prominenter Stelle obendrein. Nun müssen Sie wissen, dass ich meine Texte immer mehrere Male durchlese, um obengenannten Mist zu vermeiden. Da ist mir nichts aufgefallen. Nicht das geringste. Das verstört mich aus heutiger Sicht fast am meisten. Ich suche nach Erklärungen – lassen Sie mich das korrigieren – Entschuldigungen. Ich wohne seit über zehn Jahren im amerikanischen Sprachraum und schreibe viel Englisch. Nein, vergessen wir das. Für jemanden, der auch mit deutscher Sprache sein Geld verdient, ist das keine Entschuldigung. Speziell nicht, da im Herbst mein erster Roman erscheint – auf deutsch. Der Verlag sitzt in Hamburg und hat glücklicherweise ein strenges Lektorat. Hey, da ich gerade einen Weg aus dem Loch suche, in das ich mich selbst verscharrt (man ist ja lernfähig) habe - wo bleibt denn das Lektorat der BaZ, wenn man es braucht? Sparmassnahmen? Oder blindes Autorenvertrauen? Das wäre ja gut und schön, aber figura zeigt, wohin sowas führen kann. Na, wenigstens hat das ganze Debakel zu einer Kolumne geführt, tröste ich mich. Und da ich weiss, dass Sie die Kolumnen, in denen ich mich selbst aufs Korn nehme, immer am liebsten mögen – voilà. Ich wünsche mir, es wäre von Anfang an ein abgekartetes Spiel gewesen. Tja. Um schonendes Anhalten wird weiterhin gebeten…

Wednesday, April 22, 2009

Paranoia


Plötzlich stand fast jede Woche ein neuer Wohnwagen vor dem Haus, falls man diese heruntergekommenen Dinger überhaupt als solche bezeichnen kann. Und nicht nur Wohnwagen, da häuften sich Boote, Motorräder, Dachziegel, Alteisen usw. Bald war expandierte der Schandfleck und breitete sich auch ausserhalb des Zauns aus. Manchmal büchsen meine Hunde aus, jagen durch die offene Wüste zu diesem Haus ein paar Sandstrassen weiter und graben den nicht existenten Garten um. Und sind sie erst mal in ihrem Element, sind sie kaum dazu zu bewegen, mir mehr zu folgen als ihrer Nase. Dann geht die Fantasie mit mir durch. Das Repertoire reicht von Tierkadavern bis zu den obligaten, in der Wüste verscharrten Leichen. Dabei schaue ich doch gar keine Horrorfilme. Einmal hat mich der Mann, der da wohnt, angerufen, weil er meine Telefonnummer auf dem Hundehalsband gelesen hat. Er wollte nicht, dass ich mich um die Hunde sorge. Kann ein Massenmörder und Leichenverscharrer so nett sein? Sind die Netten am Ende nicht die Schlimmsten? Will er nicht, dass die Hunde seinen Schreckenstaten auf die Spur kommen? Ich fuhr also hin, um sie abzuholen und blieb nah beim Auto stehen, während der Mann auf mich zukam und sich als Roger vorstellte. Auch in Person war er nett. Sehr verdächtig. Er deutete auf die Wohnwagen. Ich entschuldige mich für die Sauerei hier, sagte er. Ach, kein Problem, ist ja Ihr Land, murmelte ich und hoffte, er merke mir meine paranoiden Gedanken nicht an. Ich bin Bauleiter und viele meiner Kunden haben in der jetzigen Wirtschaftslage pleite gemacht. So lasse ich mich halt in Materialien bezahlen, was immer da ist. Ich hoffe, ich kann die Wohnwagen einigermassen herrichten und sie dann für ein paar Dollar verkaufen. Nun tat es mir leid, dass ich ihn als Massenmörder verdächtigt hatte, während er versuchte, sich mit aller Kraft über Wasser zu halten. Andererseits, diese Leichenverscharrer…

Wednesday, April 15, 2009

Sauer verdient


Ich bin etwas verunsichert in Sachen Obama. Drei Monate ist er nun Präsident, aber das habe ich im Vorfeld nicht bedacht. Es ist Tax Season in den USA – Steuer Saison. Jeweils am 15. April sind die Steuererklärungen fällig. Saison bezieht sich auf die zwei Monate davor, wo als Freiheitsstatuen verkleidete Angestellte von Steuerbüros am Strassenrand rumtanzen und auf ihre Dienste aufmerksam machen, wo jeder TV-Spot irgendetwas mit Steuern zu tun hat und sei er für Corn Flakes, und wo jede Quittung auch für die minimalsten Beträge plötzlich Gold wert wird. Jeder sucht nach mehr Abzügen. Und nun, nach Jahren der Regierungsfeindlichkeit – der absolut verstörende Gedanke: muss ich nun gern Steuern zahlen, weil ich Obama mag? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn meine Buchhaltung kreativ ist? Ich habe noch nie in meinem Leben unter einer Regierung gelebt, die ich so akzeptiere wie die Obama Präsidentschaft. Muss ich mein Geld nun freudig beim Weissen Haus durch den Zaun stecken? Hier habt ihr was an den organischen Gemüsegarten, Michelle. Hier habt ihr Meilenentschädigung für die Air Force One. Nehmt nur, ich zahle gern. Na ja, so gern nun auch wieder nicht, ich gebs ja zu, aber, boy, war das schön, letzte Woche so etwas wie den Neid der Welt auf sich zu spüren, als Obama in Europa war. Er hätte wohl die Wahlen in allen Ländern, die er besucht hat, auch grad noch gewonnen, wäre er wählbar gewesen. Und es war schön, nicht, wie während der letzten acht Jahre, TV, Radio und Zeitungen zu meiden, wenn der Chef auf Auslandreise ist, um sich von den diversen Fettnäpfchen, was sage ich – Fettmeeren, auf dem internationalen Parkett nicht einholen zu lassen. Eigentlich, wenn ich mirs genau überlege, das allein ist es mir doch eigentlich wert, dass ich meine Steuern dieses Jahr freudig durch den Zaun stecke. Den Neid der Welt – den haben wir uns während acht Jahren sauer verdient.

Thursday, April 9, 2009

Verschlafen?


Ich warte. Ich warte ungeduldig und schon etwas beunruhigt. Meine wilde Schildkröte (hier in einem letztjährigen Bild) sollte nun jeden Moment eintreffen. Pünktlich, fast auf den Tag genau, ist sie in den letzten Jahren aufgetaucht, hat sich den Winterschlaf aus den Augen gerieben und ihre übliche Runde um mein Haus gedreht, um sich dann vor meiner Haustür niederzulassen und mit den nicht vorhandenen Fingern leicht ungehalten auf die nicht vorhandene Bartheke zu klopfen. Wo ist mein Salat, Lady, meine Tomaten, besser noch, wo sind meine Erdbeeren? Hab ich Ihnen in den letzten Jahren nicht unmissverständlich klargemacht, dass ich meine Nahrung gern in Rot zu mir nehme? Ich habe gelernt und Vorräte gekauft. Nun hoffe ich, dass ich nicht auf meinem roten Kühlschrank sitzenbleibe – Tomaten, Erdbeeren, Himbeeren, alles ist da und wird bald vor sich hinfaulen, wenn ich nicht vor der Schildkröte zubeisse. Die ersten Apriltage sind ohne ihr Erscheinen verstrichen. Nun sitze ich ja nicht Tag und Nacht auf der Lauer, um den Moment nicht zu verpassen. Schildkröten sind ja nicht gerade für ihre laute Art bekannt. Und meine Hunde haben sich bereits dermassen an ihr Rumkriechen gewöhnt, dass sie nicht mehr reagieren. Ich könnte ihn also theoretisch verpasst haben, den grossen Moment. Die Schildkröte hätte theoretisch auf meine tauben Barmaid-Ohren stossen können und enttäuscht von dannen gezogen sein. Aber irgendwie will ich das nicht glauben. Also mache ich mir Sorgen. Wüstenschildkröten sind vom Aussterben bedroht, und ich will wenigstens “meiner” wilden Wüstenschildkröte eine anständige Lebensabschnittpartnerin und Schlummermutter sein. Schildkröten werden sehr viel älter als Menschen. Nach mir muss sie sich jemand anders suchen, der sie durchfüttert. Aber wenn die Inbesitznahme der Wüste durch den Menschen weiter fortschreitet, dann helfen auch die rotesten Erdbeeren nicht mehr weiter.

Post!


Meine Freundin Rebecca kauft seit neuestem übers Internet ein; eine Telefonleitung ist das einzige, was sie und ihren Mann mit der Umwelt verbindet, ansonsten sind sie strom- und wassertechnisch Selbstversorger.
Sie leben fern ab vom Schuss - von der Poststelle von Pioneertown aus ist es eine halbe Stunde Fahrt auf schmalen, steilen Sandstrassen, die sich durch felsiges Terrain schlängeln. Und schon Pioneertown ist nun nicht gerade der Inbegriff eines städtischen Ameisenhaufens. Von Ron und Rebecca’s Haus aus sieht man nichts als unberührte Natur. Besuchen kann ich sie nur mit einem Pickup Truck, der Volvo liegt zu tief für die vielen Schlaglöcher. Rebecca hat also freudig per Mausklick bestellt und Fedex hat geliefert. Oder es versucht. Zuerst einmal hat die Zentrale angerufen, man könne die Adresse auf keiner Landkarte finden. Sie können das Paket auf der Poststelle abgeben, offerierte Rebecca. Nein, Fedex liefert, sagte der Mann und notierte. Beim Totenkopffelsen rechts, beim Joshua Tree, der auf einer Krücke lehnt geradeaus usw. Fedex Fahrer haben ihre Ehre. Aber so schnell wird der Fahrer diese Tortur nicht noch einmal mitmachen und diese Strasse hochgekrochen kommen. Nach zwei Stunden Suchen war er endlich am Ziel. Dass die Büsche ihm während seiner Odyssee die neuen Rückspiegel zerkratzt haben, hat ihm den Rest gegeben. Er öffnete die Laderampe und brachte ein kleines Päckchen zum Vorschein. Nun bin ich neugierig, was da drin ist, sagte er. Drei Kerzen, die ich auf dieser Website... Der Mann starrte Rebecca entgeistert an; sie fühlte sich zu einem ”sie sind wirklich wunderschön” verpflichtet. Der Fahrer stieg wortlos in seinen Laster, wendete ihn mit Ach und Krach auf dem knappen Kehrplatz und ward nie mehr gesehen. Auch seine Kollegen von UPS und DHL nicht. Rebecca überlegt sich, von nun an Blutplasma oder Herzschrittmacher auf alle ihre Pakete schreiben zu lassen.

Thursday, March 26, 2009

Lage der Nation


Vor ein paar Wochen ist es mir zum ersten Mal aufgefallen. Immer öfters komme ich mit leeren Händen von einem meiner Abstecher durch die Secondhand Läden der Gegend zurück. Und glauben Sie mir, das ist normalerweise nicht mein Problem. Ich kann üblicherweise jedem noch so heruntergekommenen Secondhand Laden ein schönes Glas abringen oder einen speziellen Scheidenschal, ganz zu schweigen von Stühlen oder meinen farbigen Pyrex Schalen, die ich sammle. Und nun – nichts. Flaute. Freundinnen in Los Angeles berichten vom gleichen Phänomen. Seit dem Finanzdebakel – kein einziges Schnäppchen weit und breit. Vor allem die Kleidergestelle sind ausgeweidet in Los Angeles – von einer Clientele, die bis anhin bei allem, was schon mal getragen worden ist, die korrgierte Nase gerümpft hat. Nun muss die Schwellenangst zur Billiglösung überwunden werden. Der Mensch muss sich schliesslich kleiden und sich wenigstens der Illusion hingeben können, er konsumiere. Nun bin ich grundsätzlich dafür, dass Menschen ihren Horizont erweitern und zu neuen Ufern aufbrechen, aber nicht, wenn die Neo-Schnäppchenjäger in mein Territorium eindringen und mich aufs Trockene setzen. Ich beschliesse, in Palm Springs den ultimativen Test zu machen. Palm Springs ist das Secondhand Mecca schlechthin mit seiner überwiegend gutsituierten, eher älteren Bevölkerung. Hier tauchen oft grossartige Midcentury Modern Design Stücke zu Spottpreisen auf. Aber auch hier treffe ich auf die gleiche, ausverkaufte Trostlosigkeit. Das Ganze hat also System. Meine Systemanalyse: Man spart, in dem man Secondhand kauft und versucht, seinen Besitzstand zu wahren. Der Markt ist noch nicht überfüllt mit guten Stücken, nur mit mehr Leuten, die nach ihnen suchen. Der nächste Schritt: mehr gute Stücke als Leute, die nach ihnen suchen. Meine Strategie: Sprungbereit abwarten. Dann, zur Stunde X: zupacken. Memo: Truck mit grosser Ladefläche mitbringen.

Sandbunker


Kurt weiss, dass die Idee nur bedingt gut ist. Das gefällt ihm besonders am Golfspielen inmitten von Sand und Sträuchern. Er sucht sich in Secondhand Läden und auf Flohmärkten alte Golfbälle zusammen und hat die auf der Ladebrücke seines Pickup-Trucks immer griffbereit. Kurt ist Feuerwehrmann in Los Angeles und hat von seinem Vater ein kleines Haus geerbt, das schräg hinter meinem steht. Und mit klein meine ich eine Hütte, Gartenhäuschengrösse. Land hat er dafür umso mehr: 8,5 Fussballfelder (FIFA-Norm). Das Haus, das aus einem einzigen Raum besteht, baut er nun aus, Küche, Badezimmer, Wohnzimmer. Und alles das auf circa 14m2. Ich muss Kurt fassungslos angestarrt haben. Seine Frau hat nur entschuldigend mit den Achseln gezuckt. Er lacht und hält die Tür zu seinem Reich auf, damit ich mich selber überzeugen kann. Kurt ist zwar ein grosser Geschichtenerzähler, aber tatsächlich – Duschschrank mit Toilette und Küchenzeile, auch Waschbecken genannt, alles im Rohbau. Geduscht wird zur Zeit noch im Freien. Ein Bett haben die beiden schon vor einer Weile gebracht und sie geniessen die einfachen Tage und Nächte hier draussen. Wir gehören zur Sandwich-Generation, sagt Kurt, wir schauen zu unseren fast erwachsenen Kindern und zu unsern alten Eltern. Dieses Haus ist unser Palast, fügt er hinzu und dreht sich um seine eigene Achse, wobei er mit ausgestreckten Armen fast von Wand zu Wand fassen kann. Der Mensch muss ja schliesslich irgendwohin abhauen können und seine Ruhe haben. Beim Wort Ruhe lacht seine Frau laut los. Der sitzt ja keine Minute still. Um das unter Beweis zu stellen, geht er hinaus mit seinem Golfschläger. Das heutige Abschlag-Training muss noch absolviert werden. Und obwohl er nur die ältesten Bälle kauft mit der festen Absicht, sie eh zu verlieren, versucht er später obsessiv, alle sechsunddreissig wiederzufinden. Ohne Erfolg. Wieviele Golfbälle passen auf 8,5 Fussballfelder (FIFA-Norm)?

Tuesday, March 10, 2009

Idiotie


Wenn die Hunde bellen, denk ich immer erst mal an Kojoten. Aber das waren keine Kojoten ausserhalb des Zauns, die meine Hunde innerhalb des Zauns in Rage versetzten. Nach einer Weile hörte ich Motorenbrummen, dann das Aufheulen von Motoren. Was ums Himmels Willen…? Ich lief raus. Verdammt. Zwei Offroader Töffli auf vier Rädern, oder ATV oder Quads, wie die Scheissdinger richtig hiessen. Ein mittelalterlicher Er breitbeinig auf rotem Töffli, eine mittelalterliche Sie auf gelbem Töffli kurvten verbissen durch das offene Wüstengelände rund um mein Haus, und fuhren eventuell eine der kostbaren und vom Aussterben bedrohten Babyschildkröten tot. Nun war ich in Rage. Zugegebenermassen hatte ich hier erst ein Mal eine Babyschildkröte gesehen und die war auf der Sandstrasse vom Mistkübelwagen plattgewalzt worden. Das war zwar ungünstig, aber da konnte irgendwie niemand was dafür. Aber die Quads, die fuhren schlichtweg über Wüstenblumen, Kakteen und alles was mir sonst noch lieb war hier draussen. Nun hielten die beiden an und beugten sich über etwas wie ein Handy. Ich lief zum Tor und fragte, was sie da suchten. Mein Tonfall muss schon freundlicher gewesen sein, denn die beiden stiegen ab und kamen mir leicht eingeschüchtert entgegen. Sie seien auf Schatzsuche, sagten sie. Schatzsuche? Das war wohl ein Witz. Sie erklärten mir des langen und breiten, dass sie dem neuen Zeitvertreib des Geocatching frönen, bei dem Leute irgendwo auf der Welt Schätze vergraben – Schätze, die nichts wert sind, wohlverstanden – dann im Internet die Koordinaten hinterlegen, damit andere bei dieser Schnitzeljagd mittels GPS fündig werden und das wiederum auch auf dem Internet kundtun. Dass Kinder das toll finden, leuchtet mir ja ein, aber die gehen auch zu Fuss. It’s a lot of fun, you should try it. Yeah, right, murmelte ich, you Töfflidubel. Sorry, what did you say? Oh, Töfflidubel, it’s how we say good-bye in Switzerland.

Magere Zeiten


Das ist nicht das Geschäftsschild meiner Nachbarin Sandy. Das ist eines, das ich irgendwo in Arizona fotografiert habe, weil ich alte Neons mag. Sandy hat kein Neon Schild für ihr Geschäft, sie hat einen Glacéwagen. Glacélastwagen könnte man auch sagen. Mit dem tuckert sie über die Sandstrassen hier oben und auf die Marinebasis und verkauft ihre Waren. Die Geschäfte laufen OK zur Zeit, sagt sie. Das Wetter ist mild und die Leute halten ihre Kinder mit billigen Vergnügen bei der Stange, wenn sie sich keine grösseren leisten können. Auch Sandy und ihr Mann können sich keine grösseren Vergnügen leisten, vor allem nicht das, was sie sich am meisten wünschen – dass sie von der Wüste wegziehen können. Danny möchte gern irgendwo in Iowa an einem See wohnen und fischen. Tja, mit dem Fischen gestaltet sich das hier in der Wüste tatsächlich eher schwierig. Aber mit dem Wegziehen auch, denn mittlerweile hat ihr bescheidenes Haus durch die Immobilienkrise so sehr an Wert verloren, dass man nirgendwo anders was für das Geld bekommt, wenn sich überhaupt ein Käufer für das Haus finden würde. Immerhin ist es abbezahlt. Da geht es Sandy und Danny besser als vielen. Nur darum kann so ein Glacé Business die dreiköpfige Familie über Wasser halten. Aber das hindert sie nicht, immer mal wieder zu betonen, dass sie die Wüste gar nicht mögen. Dass ich aus einem Land wie der Schweiz hergezogen bin, leuchtet ihnen nicht ein. Dass ich Kakteen liebe, ebenfalls nicht. Dass ich die Weite, das Fehlen von Grasgrün und das Licht liebe – “Liliane’s crazy” sagen sie liebevoll kopfschüttelnd. Dass es für sie sowas wie zuviel Sonne gibt und sie am hellheiteren Tag die dicken Vorhänge ziehen, will wiederum mir nicht in den Kopf – “Sandy and Danny are crazy” denke ich liebevoll und bin froh, dass sie nicht wegziehen können, weil sie gute Nachbarn sind und zu meinem Haus schauen, wenn ich mal nicht da bin. Verkehrte Welt.

Kleinvieh


Einmal Monat kommt der Mann von der Pest Control vorgefahren. Nicht einfach so. Ich hab ihn bestellt. Dreissig Dollar kostet mich der Spass jedes Mal. Und das ist es mir allemal wert, dass mir keine Skorpione und dergleichen unfreundliches Geviech über die Schwelle kommen. Ich hasse den Gedanken, dass ich eines Morgens – nicht nur wie, sondern tatsächlich – von der Tarantel gestochen aufjucken könnte, wenn ich meine Schuhe anziehe. Auch rote, stechige Ameisen kann ich auf den Tod nicht leiden. Die machen juckende Hautreizungen, bei denen ich nicht an mich halten und kratzen, kratzen, kratzen muss. Da gehe ich dann in zwei Tagen durch ein Röhrchen Parapic. (Ich bin ja sonst nicht der importierende Typ, wie manche Schweizer, die alles aus Helvetien mitbringen, weil es eh besser ist als das amerikanische Zeugs wie sie sagen – warum wohnen die hier? Aber Parapic, sag ich Ihnen…) Der Pest Control Mann sprüht dann einen etwa 20cm breiten Streifen ganz nah rund ums Haus und die Pest, wie man ennervierende Insekten und Pflanzenschädlinge hier nennt, muss draussen bleiben. Responsible Pest Control steht auf dem Auto. Ist ja schön, dass er mit Pest und Umwelt verantwortungsvoll umgeht, aber ehrlich gesagt, wenn ich zwischen Gift und Pest wählen müsste – Gift. Gnadenlos. Was immer es ist, was der Mann da sprüht, es funktioniert. Ich habe noch nie unliebsamen Besuch im Haus gehabt. Was für ein Job, denk ich jedesmal, wenn ich den Mann sehe. Das muss sich der Mann auch denken, denn nach ein paar Mal kommt ein anderer. Ich hab schon viele von ihnen kennengelernt. Sie sind immer nett, jung, rosa, dicklich und schwitzend. Frisch ab Presse ist ihr Mitteilungsbedürfnis darüber, was sie im eintägigen Kurs über Ungeziefer gelernt haben, zu gross. Auf diesem Gebiet bin ich lieber unwissend. Wenn sie nur gegen geschmacklose, grosse Viecher am Rande des Highways auch einen Spray hätten. Responsible oder nicht.

Saturday, February 21, 2009

Dorfbrunnen


Vor hundert Jahren war die Oase von Twentynine Palms der Dorfbrunnen für die ganze High Desert, wo gequatscht und getratscht wurde. Unter High Desert muss man sich in diesem Fall ein Gebiet vorstellen, das immerhin circa 50 Meilen vom einen Ende bis zum andern misst. Von da aus wurde die Gegend besiedelt. Heute hat mittlerweile jeder sein eigenes Wasserloch gegraben oder kriegt wie ich sein Wasser von der Stadt geliefert, ganz unspektakulär durch die Röhre. Wo soll denn bitteschön jetzt gequatscht und getrascht werden? Die Kasse im Supermarkt ist zu ungemütlich. Zudem fährt man hier nicht täglich meilenweit zum nächsten Supermarkt. Aber Tratsch ist schliesslich tägliches Brot. Also haben wir hier draussen das Internet erfunden. Es soll scheints auch in Städten ganz praktisch sein, aber hier ist es für Alt und Jung zum Draht zur Welt geworden – und mit alt meine ich bisweilen auch steinalt. Meine 90 jährige gehbehinderte Nachbarin, chattet mir ihren Freundinnen und spielt stundenlang online Poker, wenn sie nicht gerade rechtslastige Polithetze durch die Gegend schickt. (Ha, hat auch nichts genützt). Viel lokaler Aktivismus läuft übers Netz hier draussen – der virtuelle Dorfbrunnen funktioniert hervorragend. So formieren und informieren sich denn die weit verstreuten Gegner einer Expansion der Marinebasis am östlichen Ende der High Desert online. Und am westlichen Ende wird gegen einen Korridor von Hochspannungsleitungen für Los Angeles gekämpft, der mitten durch unberührtes Wüstengebiet geplant ist. Und wie an jedem Dorfbrunnen brodelt auch hier die Gerüchteküche. DesertRose kann man nicht trauen, hab ich gelernt, während Rattlesnake4 einen guten Riecher für das Neueste und vor allem Wahre hat. So gehört es denn zu meinem täglichen Ritual, mich kurz in den Dorfbrunnen einzuloggen. Ich will ja schliesslich nicht die Chance für ein Kolumnenthema im Cyberspace verpuffen lassen.

Thursday, February 12, 2009

Lili the Kid


Mein Nachbar Danny möchte unbedingt, dass ich mir eine Pistole zutue. Nicht weil es hier draussen besonders gefährlich wäre und wir pausenlos Einbrecher in die Flucht schlagen müssten. Ganz im Gegenteil. In den fast neun Jahren, in denen ich nun hier draussen wohne, hat es noch nicht einen Zwischenfall gegeben, bei dem ich mich mit einer Pistole sicherer gefühlt hätte. Ich habe weder einen Einbrecher auch nur von weitem gesehen, geschweige denn ist bei mir eingebrochen worden als ich nicht zuhause war. Und auch obwohl das Tor des Zauns nicht abgeschlossen ist, ist mir nichts aus dem Garten geklaut worden. Und da gäbe es einiges zu holen. Von guten Tischen über Stühle bis hin zu einem anständigen Barbeque Grill. Es geht wohl eher darum, dass Danny mir das Schiessen beibringen möchte. Er hat von seinem Vater eine antike Gewehr- und Pistolensammlung geerbt. Das einzige Mal, dass er in den letzten Jahren auf was Lebendiges geschossen hat, war es eine Klapperschlange, die dick vor seiner Haustüre lag. Da letzthin hat er mich rumgekriegt, einen Schuss auf die vielbesungene Blechbüchse abzugeben, um meine Treffsicherheit zu testen. Auf einen Stein in der offenen Wüste hat er sie gestellt, wie man sich das gemeinhin so vorstellt. Er hat mir einen kleinen Damenrevolver – seine Worte, nicht meine - sorgfältig in die Hand gegeben. Dann hat er mich in die richtige Armstellung bugsiert und mich vor dem Rückschlag gewarnt. Ich hab schliesslich eine Weltklasse-Schützin als Cousine, hab ich gesagt. Das wär doch gelacht, wenn ich die Büchse nicht träfe. Es war gelacht. Die Büchse blieb weit ab vom Schuss stehen und mein Arm zeigte ungewolltermassen gegen Himmel. Schiessen ist doof, hab ich zu Danny gesagt. Ich teile offenbar den Genpool mit meiner Cousine nicht. Den abgebildeten Servierboy, ein Wüstenfundstück, den hätte ich bestimmt getroffen. Aus zwei Metern Abstand im besten Fall.