Tuesday, December 26, 2006

So gemein


Teddybären fühlen sich meist so an wie sie aussehen – kuschelig und weich. Unsere Wüsten-Teddybären sehen zwar so aus, aber es sind Kakteen: Teddybear Cholla. Von weitem schimmern ihre wolligen, runden Formen in der Sonne und sehen irgendwie süss aus. Das ist, bis man mal nähere Bekanntschaft mit ihnen gemacht hat. Auch wenn man die Dinger nur ganz fein berührt, stechen sie über das erwartete Mass, und die Liebe zu Teddybären kühlt sich schockartig ab. Das ist aber bei weitem noch nicht die unangenehmste Eigenschaft dieser Kakteen. Da sie keine Samen produzieren, müssen sie sich ihr Überleben anders sichern. So sind denn die äussersten Triebe sehr lose am Stamm befestigst und ein Windstoss kann sie meilenweit über die Mojave blasen. Und da liegen sie dann und warten auf ein vorbeimarschierendes Transportmittel, wie mich oder meine Hunde zum Beispiel. Dann jucken sie hoch - kein Witz - und krallen sich an allem fest, in was sie ihre Widerhaken bohren können, Socken, nackte Waden oder Fell. Und wenn die Saudinger erst mal stecken, haben sie überhaupt keine Absicht, je wieder loszulassen. Ihr zweiter Name ist denn auch Jumping Cholla – hochspringender Cholla. Ich muss heute noch lachen, wenn ich an Thomas denke, der mit laufender Videokamera durch die offene Wüste schritt, das Auge auf den kleinen LCD Screen gerichtet. Das Gesicht war bald schmerzverzerrt, aber der schöne Schwenk über die Mojave wurde nicht unterbrochen. Hart ist der Mann, aber nicht lange. Dann fing die Kamera an zu wackeln, und ein unterdrücktes Wimmern versaute die Tonspur. Fluchen, Hinken folgte. Das Fluchen wurde lauter, als ich die Dinger mit einer Pinzette rausriss. Denn das Rausnehmen ist dank der Widerhaken noch schmerzhafter als das Drinlassen. Was ist das nur mit mir, dass ich ich solchen Situationen das Lachen nicht unterdrücken kann? Wo ich doch gar kein schadenfreudiger Mensch bin. Im Grund.

Wednesday, December 20, 2006

Blau oder rot


Jedes Jahr an Weihnachten muss ich Farbe bekennen. Mein blauer Pass sagt, was ein rechter Amerikaner ist, macht sich spätestens Ende Oktober die ersten Gedanken zu den Weihnachtskarten, die man an jeden einzelnen Eintrag im Adressbuch verschicken wird (ob man will oder nicht). Mein roter Schweizerpass sagt, es dürfen auch Neujahrskarten sein (und wenn man keine schickt, wirds auch keiner merken). Ich beschliesse, mich an die Sitten und Gebräuche des Landes zu halten. Wenn auch gemässigt. Ich werde also mich und meine Lieben nicht zu einem Familienfoto im Sonntagstaat prügeln, das dann beim Adressaten zusammen mit all den andern Karten z.B. auf einen Kartenbaum aufgesteckt wird. Erstens haben Wüstenschlampen keinen Sonntagsstaat und zweitens – der Kartenbaum - ich erspare Ihnen die Details. Gekaufte Karten mit gutgemeinten Wünschen also. Aber welche Wünsche genau? Das Fettnäpfchen ruft. Das gesteigerte Bewusstsein in Sachen politischer Korrektheit hat in den vergangenen Jahren auch vor Weihnachten nicht Halt gemacht. Immer mehr verstand man den Begriff “Weihnachten” als zu ausgrenzend für Andersgläubige. Und weil “Merry Christmas”, “Happy Hanukkah” und “Happy Kwanzaa” auch für den aufgeklärten Geist zuviel des Guten sind, hatte man sich auf ein alle einschliessendes “Happy Holidays”geeinigt. Da hatte man die Rechnung allerdings ohne die fundamentalistischen Christen gemacht. Nach ein paar Jahren der Toleranz besannen diese sich heuer darauf, Weihnachten für sich zurückzuerobern – Merry Christmas ist wieder angesagt. Seit dem sensationell guten Wahlergebnis der Demokraten würde die politische Landschaft aber ab sofort wieder nach einem toleranten “Happy Holidays” rufen. Ob der ganzen Abwägerei ist mittlerweile der letztmögliche Zeitpunkt für einen Versand verstrichen. Back to my Swiss roots, sage ich mir da– vielleicht werde ich mich ja auch zu keinen Neujahrskarten aufraffen können.

Wednesday, December 13, 2006

Die Feen sind hinten


Tag der offenen Ateliers bei über hundert lokalen Künstlern und Kunsthandwerkern – da musste doch was dabei sein, was ich in meiner Kolumne abschätzig verwerten konnte, dachte ich mir und fuhr mit einer Freundin wildentschlossen los. Diese hatte sich hierfür sogar ein nachmittägliches Plantschen in den warmen Quellen von Desert Hot Springs entgehen lassen. In Joshua Tree besorgten wir uns das Extrablatt, das uns zu den über 50 Quadratmeilen verstreuten Künstlern navigieren würde, breiteten es auf der Motorhaube eines rostigen Pintos aus und kreisten die nächstgelegene Ansammlung von etwa 15 Ateliers ein. Eigentlich hätte ich schon nach dem ersten Besuch genügend Stoff für einen Rundumschlag gehabt: ein vollgestopftes Privathaus, in dem man vor lauter Zeug die Kunst nicht sah. Vorne die Glasmalereien und hinten die Feen, sagte die Freak-Frau und vereitelte unsern Fluchtversuch, indem sie uns durch einen engen Gang in einen nicht minder vollgestopften Raum zwängte. Auf jeder Ablage und auf Extratischen hatte sie Geschmacklosigkeiten aus selbstgebastelten Feen arrangiert, denen ich partout keinen Speicherplatz in meiner Digitalkamera einräumen wollte. Hätte meine Freundin ihr Bad nicht sausen lassen, ich hätte hier und jetzt aufgegeben. Nach einem weniger schrecklichen Atelierbesuch und endlosen Meilen auf einer Schüttelbecher-Sandstrasse dann ein extrem kleines, graues Häuschen im Nichts. Wir waren aufs Schlimmste gefasst. Aber nein, ein einfacher, heller Raum mit schwarz-weissem Schachbrettboden, ein runder Tisch mit einem pink blühenden Kaktus drauf und ja, Bilder an der Wand, einige davon sogar gut (nicht im Bild). Der Mann der Malerin stellte eine Flasche Tequila auf den Tisch, und so verplauderten wir die Zeit, während weitere Kunstsucher auftauchten und wieder verschwanden. Ein guter Nachmittag mit einem seltsamen Foto. Der Tequila kann es nicht gewesen sein. Ich hatte keinen.

Sunday, December 10, 2006

Ausserirdisch, II


Georg Van Tassel hat viel von Ausserirdischen gelernt, sagt er. Unter anderem eine Technik zur Verjüngung von lebendem Zellgewebe. Das war 1953 bei Giant Rock in der Mojave als Ausserirdische ihn in ihr Raumschiff eingeladen hatten. Ein Jahr später hat er mit seiner Familie angefangen, ein paar Meilen entfernt, den abgebildeten Dom zu bauen. Er nannte ihn Integratron - eine Maschine für Zeitreisen und zur Neuaufladung von menschlichen Zellstrukturen. Van Tassel hat lange daran gebaut – bis zu seinem Tod 1978. Heute gehört der Integratron einer bodenständigen Wissenschaftlerin von der Ostküste, der es mehr Spass macht, ihre Zeit in der Weite der Mojave zu verbringen als in einem Laboratorium. Der Dom ist dem Moses Tabernakel nachempfunden und wurde ohne jegliches Metall ganz aus Holz und Fiberglas gebaut, und ob er je Zeitreisen begünstigt hat, ist nicht bekannt. Aber über solche nachgedacht wird da drin bis heute. Und nicht nur von abgehobenen Esoterikern, sondern auch von hoch bezahlten Drehbuchschreibern. Filmstudios wie Dreamworks mieten den akustisch perfekten Raum regelmässig für ihre Schreiber. Die kriegen dann erst mal ein Klangbad verpasst – ein halbstündiges, entspannendes Baden in Schallwellen, während sie bequem auf Matten liegen und versuchen, in diesem einzigartigen Energiefeld ihren Geist zugleich zu entspannen und neu aufzuladen. Danach wird geschrieben, meist die ganze Nacht durch. Das scheint zu funktionieren, denn die Schreiber kommen immer wieder. Und nicht nur die. Da tauchte auch mal ein 16-jähriger wiedergeborener Lama auf – in einer Limousine und umringt von ein paar älteren Weisen - der behauptete, eine Vision von diesem Ort gehabt zu haben. Man akzeptierte ihn, liess ihn predigen und meditieren und fand seine buddhistischen Basiskenntnisse süss. Bis er eines Tages verschwand und dann später anrief und gestand, eine Frau zu sein und in psychiatrischer Behandlung.

Ausserirdisch, I


Wenn Sie nun denken, dies sei ein grösserer Kieselstein, täuschen Sie sich. Giant Rock in Landers gilt als der grösste freistehende Felsbrocken der Welt: 7 Stockwerke ist er hoch und bedeckt eine Fläche von 540m2. Giant Rock ist weit ab vom Schuss und menschenleer. Das war nicht immer so. 1959 trafen sich hier 11 000 Leute zu einem UFO Kongress. Das geht auf einen Herrn Georg Van Tassel zurück: 1947, nach einer erfolgreichen Karriere als Flugingenieur und Testpilot, unter anderem für Howard Hughes, zog dieser mit seiner Familie zum Giant Rock. Er hatte in Los Angeles von einem Goldsucher von dem Felsen gehört, der für die Indianer, die früher in der Gegend lebten, heilig war. Der Goldsucher hatte sich unter dem Felsen eine kleine Höhle gebaut, die ihn vor Hitze und Kälte schützte. Da drin bewahrte er auch sein Dynamit auf, welches er für seine Goldsuche brauchte. Das wurde ihm zum Verhängnis und er starb in einer Explosion unter dem Felsen. Van Tassel benutzte die ausgeweideten Räume als Vorratskammer für ein kleines Café und einen Flughafen, den er mit seiner Frau beim Giant Rock baute. Dann fing er an, unter dem Fels zu meditieren und machte dabei Kontakt zu UFOs, wie er sagte, und im August 1953 gar zu Ausserirdischen, die von der Venus gekommen waren und Van Tassel zu einem Besuch in ihr Raumschiff einluden. Über zwei Jahrzehnte hat Van Tassel mit Hilfe vieler Financiers seine Kongresse abgehalten und viele hochdotierte Forscher in Sachen Schwerkraft, Energiefelder und Elektromagnetismus waren mit von der Partie. Als Van Tassel 1978 trotz höchstem Gesundheitsbewusstsein an plötzlichem Herzversagen starb, verwahrlosten danach seine Gebäude rund um Giant Rock und wurden von der Regierung platt gemacht. Am 23. Februar 2000 erfüllte sich die Prophezeihung der Hopi-Indianer zum Anbruch eines neuen Zeitalters: Mutter Erde hatte den Fels entzwei gebrochen. Wie, das weiss keiner.
Was die Ausserirdischen Van Tassel lehrten, erfahren Sie nächste Woche.

Pianissimo


Vor 10 Jahren hatte Ron Fein genug vom Regenwetter in Seattle und machte sich auf die Suche nach einem Haus in der Wüste. Der Komponist hatte dort einige Zeit als Direktor des Composers’ Forum gedient und neuer Musik zur Aufführung verholfen. Er hatte eine genaue Vorstellung davon, was er suchte: weit abgelegen, nur über unwegsames Gelände erreichbar und absolute Stille – bald hatte er sein Paradies oberhalb von Pioneertown gefunden. Aber erst musste er die alte Säuferin, die ihn mit dem Gewehr im Anschlag von ihrem Land jagen wollte, davon überzeugen, es ihm zu verkaufen. Dann hat er das Haus renoviert, auf Solarenergie umgestellt und die Garage zu einem Tonstudio umgebaut. Ron hat sein eigenes Grundwasser - die einzige Leitung, die zum Haus führt, ist eine Telefonleitung. Und vor dem Studio gibt es einen Fleck mit 1 Meter Durchmesser, wo das Handy oft funktioniert. Da steht ein Korbstuhl, Telefonzelle genannt. Sein nächster Nachbar, Ed Ruscha, wohnt ein Tal weiter. Trotz allem ist Ron kein von der Welt abwandter Einzelgänger. Erstens ist vor einiger Zeit seine Freundin Rebecca eingezogen. Und zweitens besitzt Ron eine Bar in San Francisco, die er von hier aus managt. Es ist nicht irgendeine Bar, die er da 1985 von seinem Vater geerbt hat. Es ist das Vesuvio – das Epizentrum der Beat Poeten um Jack Kerouac, gegenüber vom City Light Bookstore gelegen – ebenfalls ein Monument der Beat Generation. Das Vesuvio hat Jack Kerouac und seine Freunde viele Nächte nicht losgelassen. Ron hingegen kommt ohne den allnächtlichen Barzauber aus. Wenn ich ihn und Rebecca besuche, lädt er nach dem Essen manchmal ins Studio ein und setzt sich an den Flügel. Dann kann mir jede Bar gestohlen bleiben. Wenn Ron seine eigenen Kompositionen spielt und draussen die Kojoten den Mond anheulen, hab ich nicht mal mehr Angst, auf dem Nachhauseweg mutterseelenallein im Sand steckenzubleiben. Oder sagen wir kaum.

Casino Royale?


Das Haus sieht aus, wie wenn es einem James Bond Bösewicht gehörte , und es steht höchstens zwei Meilen von meinem Haus entfernt. Es dauerte vier Jahre, bis ich es überhaupt entdeckte. Oder besser gesagt, bis ein Freund es für mich entdeckte. Vom Highway aus ist es nicht zu sehen, das gepanzerte Tier, das sich hinter einem grossen Felshügel versteckt und in den Joshua Tree National Park schaut. Das Ding ist gross, sehr gross. Der erste Eindruck: Überraschung. Wie ist dieses Spaceship hier gelandet? Dann: Unglauben. Wie kann es sein, dass das Haus in keinem Führer, keinem Artikel, keinem Architekturheft über die Gegend auftaucht? Dann schaut man genauer hin und entdeckt, dass das Haus nicht nur von einem tiergerippeähnlichen Zaun vor Eindringlingen und Neugierigen geschützt, sondern auch von vielen Kameras überwacht wird. Und weil man sich offenbar doch noch etwas umweltbewusst geben will, sind die Schilder, welche auf die Kameras hinweisen, im gleichen Rostlook gehalten wie der Zaun. Dann ist klar: Ich muss draussen bleiben. Aber die Neugier sticht. Hinter dem Zaun ein Golfwagen vor einem Felseingang. Ein Felstunnel hoch in den Panzer, den man mit einem Golfwagen absolviert? Warum, um Himmels Willen? Die nächste Frage: wie kann man sich dieser Gegend, mit einem wunderschönen und ungetrübten Blick auf den Nationalpark, hinter so kleinen Fenstern verschanzen? Ich würde mir das Ganze zu gern von innen ansehen, aber nicht mal das Architekturkomite des Palm Springs Museum kriegt Zugang, erfahre ich später. Das Haus gehört einer Künstlerin names Doolittle und ihrem Mann. Frau Doolittle bringt Kunst hervor, die ich mit Südwest Kitsch bezeichnen würde – schlafenden Bären in Höhlen, viele Rösslein und ein paar Indianer – man kann es sich vorstellen. Das Haus hat sie mit ihrem Mann zusammen entworfen, hört man. Und wie gehen die Rösslein nun mit dem Haus zusammen? Der Mensch – das rätselhafte Wesen.

Süsser Ernsti


Drei Tage war er zu Besuch in der Wüste, der Ernsti. Und drei Tage hat er mir nun den Kopf vollgeredet mit Süssigkeiten, dass ich schon vom Zuhören zuckerkrank wurde. Ob auf unserm Morgenmarsch quer durch die offene Mojave, neben mir im Auto – Johnny Cash übertönend - oder abends vor dem Fernseher: geschäumte Elaborate über Süssigkeiten. Dazu muss man wissen, Ernsti (Örnsti, wie man hier sagt) ist Filmer und lebt seit langem in Los Angeles, ist aber in seinem Schokoladenherz Oesterreicher geblieben. Und die wissen, was süss ist, wie er mir versichert. Schon am ersten Morgen hat er sich darüber beschwert, dass ich zuwenig Zucker im Haus hab, nachdem er einen halben Zuckerstreuer in seinen Kaffee geschüttet hatte. Dann hat er meinen Kühlschrank auf Schweizer Schoggi untersucht und die angebrochenen Tafeln, von denen ich nicht mal wusste, dass sie da waren, mit viel Liebe getestet und kategorisiert. Und den überproportionalen Anteil an dunkler Schokolade bemängelt. Die mochte er nicht so gern, die dunkle. Vor jedem Ausflug mussten wir erst vor dem Supermarkt vorfahren, damit er sich seine tägliche Ration geben konnte. Dass ich Reese’s nicht kannte, brachte ihn aus der Fassung. Wie lange lebst du nun in Amerika, Liliane? Reese’s ist die beste kulinarische Errungenschaft der Amerikaner! Ja mei, ja mei… Er liess nicht locker. Die Schokoladenpraline mit Peanutbutter-Kern musste ich versuchen, aber erst nachdem er sie genau 18 Minuten lang in den Kühlschrank gelegt hatte. Ernsti liebt mich, weil ich ihm mal Luxemburgerli vom Sprüngli mitgebracht hab. Und dass er die landschaftlichen Schönheiten fast verpasst hat, weil er mir mit jeder Faser seines Seins die traumhaften Eismarillenknödel vom Tichy in Wien näherbringen wollte, musste ich ihm einfach verzeihen. Heute morgen ist er abgefahren, der Örnsti. Da sitz ich nun mit meinem Bio-Gemüse und meinem Nature Joghurt – auf kaltem Zuckerentzug.

Rattenfänger gesucht


4000 Windmühlen stehen am Gorgonio Pass westlich von Palm Springs. Und jedesmal, wenn ich auf dem Weg von und nach Los Angeles vorbeifahre, scheinen es mehr. Mit der Bevölkerungsexplosion in diesem Teil der Mojave wächst auch der Energiebedarf. Da kommt es gelegen, dass der Gorgonio Pass eine der windigsten Gegenden in der Welt ist. Eine durchschnittliche Windgeschwindigkeit von 21 Stundenkilometern braucht es, damit eine Windmühle Sinn macht – hier windet es oft so stark, dass schon mal Fertighäuser von Lastwagen gefegt werden und im Strassengraben landen. Eine Turbine liefert in einer Stunde soviel Strom, wie ein durchschnittlicher Haushalt in einem Monat verbraucht - die 4000 Windmühlen produzieren also genügend Energie für Palm Springs und das gesamte Coachella Valley. Einmal haben mich zwei Freundinnen zu Besuch aus Basel nach technischen Details gegrillt, von denen ich nicht die blasseste Ahnung hatte. Die 7. Windmühle von rechts in der 4. Reihe sei meine, habe ich gesagt, und sie haben es geglaubt. Obwohl ökologisch sinnvoller als manch andere Art der Energiegewinnung, herrscht nicht eitel Freude über die Windfarm. In den 80er Jahren hat sich der damalige Bürgermeister von Palm Springs Sonny Bono (ja genau dieser, der Exmann von Cher) aus ästhetischen Gründen gegen sie ausgesprochen. Dass der schnell wachsende Windmühlenwald den Ausblick ins Tal total verändert, findet auch Joyce Manley, die in der Nähe der Windfarm wohnt und nachts gar nicht mehr gern vor ihrem Haus sitzt wegen den nervösen Blinklichtern, die an der Spitze des Mastes für Flugsicherheit sorgen. Was sie allerdings am meisten stört, sind die Ratten. Hunderte hat sie schon gefangen, weil die Greifvögel, welche die Rattenbevölkerung normalerweise in einem für Menschen erträglichen Mass halten, von den Windturbinen getötet werden. Heute feiern wir, wenn wir einen Falken sehen, sagt sie. Früher sahen wir sie die ganze Zeit.

Wasserlöcher


Vor ein paar Wochen hat mich Herr G. aus B. angeschrieben. Als häufiger Leser meiner Kolumne erkundigte er sich nach einer Bar, weit ausserhalb von Twentynine Palms, genannt Star’s Way Out. Unvergessliche Erinnerungen an nicht ganz trockene Zeiten habe er an diese Bar, schrieb er. Ich rief meinen Freund Skylar an. Der hatte auch gute Erinnerungen an Star’s Way Out. Er hatte sich für ein Kunstprojekt auf dem ausgetrockneten Salzsee in der Nähe Nacht für Nacht in ein Erdloch eingebuddelt – nicht ohne sich zuvor in der Bar einen (oder darfs ein bisschen mehr sein) zu genehmigen. Die Bar ist geschlossen, bedauerte Skylar. Er war letzthin da vorbeigekommen und gerade von seinem Motorrad abgestiegen, als ihm jemand durch die geschlossene Tür etwas von einer fehlenden Lizenz und Steuern zubrüllte. Lieber Herr G. aus B.: es tut mir leid, Ihre Wildwest-Romantik so schnöde mit Füssen treten zu müssen. Darf ich Ihnen Alternativen anbieten für den Fall, dass Sie demnächst wieder gegen Westen reiten? Quer über besagten Salzsee gibt es in nördlicher Richtung an der Strasse nach Las Vegas - und fast so abgelegen wie Ihr liebstes Wasserloch – The Palms. Die Kundschaft besteht aus den nicht minder liebenswerten Originalen von Wonder Valley (hier im Bild), und Sohn und Tochter der Besitzerin sind Teil der Sibleys, einer Band, die in der Bar beheimatet ist, aber auch in Los Angeles und Las Vegas spielt und bereits einen berühmten Produzenten gefunden hat. Im Palms, wohlverstanden. Dann wäre da noch Pappy and Harriet’s Pioneertown Palace, eine schöne, alte Western-Spelunke mit langer Tradition und ebenfalls ein bekannter Musikort. Daniel Lanois, Michelle Shocked, Cat Power, Shelby Lynne und Bands mit Namen wie The Bastard Sons of Johnny Cash spielen da vor vollem Haus in bester Stimmung. Ich kann Ihnen versichern, lieber Herr G.,aus B. die Mojave ist gross, und verdursten müssen Sie nicht.

Assemblage


Im Alter von 72 hatte Noah Purifoy genug von Los Angeles. Die Weite und Stille der Mojave Wüste war, was er brauchte – 1989 zog er nach Joshua Tree und machte sich an die Arbeit. Noah Purifoy hatte 1964 das Watts Tower Art Center im berühmt-berüchtigten Schwarzenviertel South-Central in Los Angeles mitbegründet und viele Jahre lang dort gelehrt. Während den Rassenunruhen von 1965 hatte er es in Flammen aufgehen sehen. Danach hatte er Versatzstücke der Ausschreitungen gesammelt und sie zu seinem wohl berühmtesten Werk “66 Signs of Neon” zusammengestellt - die Assemblage Art war legitimiert. In Joshua Tree gabs nichts zusammenzusammeln, keine mit Plastik, Glas und Aluminium übersähten Hinterhöfe und Gassen. Hier betrieben die Leute Recycling und Noah Purifoy hatte ein Problem, bis es sich schliesslich herumsprach, dass da einer einen Skulpturenpark im Freien baute und für so ziemlich alles Ausrangierte dankbar war. 15 Jahre hat er an seiner riesigen Installation in der Wüste gearbeitet bis er im März 2004 in seinem mit Rauch gefüllten Haus tot aufgefunden wurde, immer noch in seinem Rollstuhl sitzend – er war mit einer Zigarette in der Hand eingeschlafen. Die Skulpturen bleiben und manche, wie der aufgetürmte Haufen von Alugestellen ausrangierter Gartenstühle, ranken sich wie die gewundenen Joshua Trees am Horizont gegen den Himmel. Purifoy, der nicht nur Kunst sondern auch Sozialarbeit studiert hatte, hat sich bis ans Lebensende zum Thema “Black Revolution” geäussert: “Manch schwarze Künstler machen immer noch Protest Kunst, weil es sich gut verkauft, dabei wollen die Käufer nur ihr schlechtes Gewissen mildern. Ich glaube, Protest Kunst entsteht aus dem gleichen Kern wie wirkliche Kunst – da gibt es nur eine zusätzliche Schicht abzutragen, bevor man zum besten Teil seiner selbst kommt. Protest Kunst ist nicht der beste Teil von einem selbst - der ist unten drunter.”

Jesus Christ Superstar


Twentynine Palms hat 27 000 Einwohner und 28 verschiedene, christliche Glaubensgemeinschaften. Wenige der Kirchen sehen hübsch aus, die meisten sind mickrig, und die ärmlichen Bauten sind oft nicht mal als Kirchen erkennbar. Die Church of Nazarene zum Beispiel gleicht einem heruntergekommenen Schulzimmer aus den 70er Jahren mit ausgetretenem Linoleumboden und abgeschabten Stühlen. Da gibts nichts Andächtiges, Erhebendes, keinen Kirchenschmuck. Es ist die einzige Kirche hier oben, die ich von innen kenne – sie dient im Nebenamt als mein Wahllokal. Auch wenn das nebenstehende Foto das Gegenteil zu beweisen scheint – eigentlich begegnet man Jesus im Alltag hier nicht unbedingt auf Schritt und Tritt. Fährt man aber am Sonntag an einer Kirche vorbei, sieht man die Gottesfürchtigkeit bis auf die Strasse quellen – die Parkplätze sind überfüllt mit Autos. Andererseits hat mir auf dem Flohmarkt ein alter Mann erzählt, er sei in den 50er Jahren nicht zuletzt wegen der freidenkenden Kultur und der allgemeinen Toleranz hierher gezogen, und weil ihm die Ignoranz der christlichen Fundamentalisten in seinem Heimatstaat Montana auf die Nerven gegangen sei. Auch ausgestiegene Mormonen gibt es einige. Die mag ich besonders gern. Sie sind offen, äusserst freundlich, redegewandt, sprechen Fremdspachen und sind oft weitgereist – alles Dinge, die sie beim Missionieren gelernt haben – nur dass sie nun nicht mehr missionieren. Das Nebeneinander von scheinbar Unvereinbarlichem ist auffällig. Hier geht alles. Es gibt schliesslich auch genügend Platz, dass sich die verschiedenen Lebensentwürfe nicht in die Quere kommen. Die offene Landschaft scheint sich in den Köpfen der meisten Menschen widerzuspiegeln. Leben und Lebenlassen - nur so können Militärler (die grösste Marine Ausbildungsbasis ist in der Gegend), Hippies, Rocker, U.F.O. Verschwörungstheoretiker, Künstler und Gottesgläubige friedlich koexistieren.

Flohmarkt Fundstücke


Vor fünf Jahren war auch der beste Flohmarkt hier in der Gegend eine armseelige Ansammlung von Schrott mit einigen wenigen funkelnden Fundstücken. Die hab ich selbstverständlich für kein Geld sofort ergattert: eine alte Schulbank mit Sitz, alles an einem Stück, eine 40er Jahre Spitzmaschine, 50er Jahre Pyrex-Schüsseln in allen Formen, Grössen und Farben, von denen niemand weiss, dass die heute hoch gehandelt werden, hübsche Metall-Handkarren in rot und blau und ein paar rostangefressene Gartenstühle. Wenn auch malerisch auf dem Gelände eines ausrangierten Open-Air Kinos abgehalten und mit teils festinstallierten Verkaufshütten und einem alten Diner in der Mitte – die gute Kulisse mochte nicht über das weniger gute Warenangebot hinwegtäuschen. Heute ist alles anders. Nicht nur wird der Flohmarkt von Woche zu Woche grösser, er wird auch teurer. Die Schrotthändler von vorhin gibts immer noch, aber mehr und mehr werden Antiquitäten, Südwest-Memorabilien und auch neues Kunsthandwerk angeboten – die neue Kaufkraft in diesem Teil der Mojave machts möglich. Dass mehr Leute mehr Geld haben, zeigt sich auch an einem gut laufenden Starbucks beim Flohmarkt um die Ecke. Es ist allerdings total verpöhnt, Samstag- und Sonntagmorgen mit einem Starbucks-Becher über den Markt zu schlendern. Man unterstützt den alten Diner, der über Lautsprecher über den ganzen Platz aufruft, wessen Frühstück abholbereit ist. Auch wenn man nichts sucht oder sammelt - der Flohmarkt ist der Ort, wo man sich trifft am Wochenende. Und weil jeder weiss, dass man hier in wenigen Stunden am meisten Leute erreicht, schaut einem immer mal wieder ein Wurf süsse Hunde und Katzen, für die ein Plätzchen gesucht wird, mit treuherzigem Blick an. Da gilt es wegzuschauen, sich in eine Schachtel Silberbesteck zu vertiefen, mit einem Verkäufer um eine verbeulte Mülltonne zu feilschen oder man ist verloren. Darf ich vorstellen: Jules.

Die arme Nichtraucherin


Der Laden am Highway 62 in Joshua Tree bietet eine eher seltene Kombination von Waren an: Swimming Pools und Zigaretten. Es sind die billigsten Zigaretten weit und breit, sagt meine Nachbarin Sandy und die muss es wissen, denn sie raucht weiter Kette, obwohl sie lungenkrank ist. Als sie mich eines Tages bittet, ihr eine Stange Zigaretten mitzubringen, schickt sie mich zu den Enten. Ich parke neben den selbigen und schaue mich nach dem eigentlichen Laden um. Hinter einem der Swimming Pools steht ein schuppenartiges Teil, das einzige Gebäude auf dem Areal. Der Eingang ist gut versteckt auf der Rückseite. Ein spärliches Angebot an Wasserpumpen und Chemikalien zur Wasseraufbereitung steht ohne ersichtbare Ordung auf den wenigen Gestellen im Eingangsbereich. Ein paar verstaubte Wassergewehre sind schief an eine Wand gelehnt. Dann, um die Ecke, eine kleine Theke mit einem weniger verstaubten Zigarettengestell dahinter. Die Dame mit dem Wasserstoff-toupierten Haar fragt mit rauher Stimme, ob ich hier neu sei. Nein, sage ich, ich lebe schon seit fünf Jahren hier, warum? Dann bist du ja Nichtraucherin, Honey, sagt sie mitleidig, sonst hätte ich dich schon früher hier drin gesehen. Ja, seit vielen Jahren, sage ich und sie rollt verächtlich mit den Augen. Eine Stange Marlboro Lights, sage ich dann und sie schreit die Bestellung in den hinteren Teil des kleinen Raums. Dort steht ein alter Mann, den ich bis jetzt gar nicht gesehen habe, umständlich aus einem Rollstuhl auf und verschwindet “im Lager”, für das es vom Grundriss des Schuppens her zu beurteilen eigentlich gar keinen Platz gibt. Wie sie denn auf ihre Geschäftskombination gekommen sei, frage ich, während von hinten undefinierbare Kartonschachtelgeräusche kommen. Wir verkaufen Wasserlachen, wo es keine gibt und wollen selber billig rauchen, sagt sie. Honey, wenn ich was anderes hier reinschleppen und verkaufen könnte, ich würde es tun.

Mein erster Kleber


Autoaufkleber sind mir ein Grauen. Die doofen und diejenigen, die meiner Gesinnung entsprechen würden. Wer seine Weltanschauung auf der Stossstange mit sich rumfährt, muss mit einem Defizit ausgerüstet sein. Auch alle vier Jahre vor den Prädidentschaftswahlen werde ich nicht zum Wahlkampfhelfer. Nichts schlimmer als noch nach Jahren durch altersschwache Kleber an jeder Strassenecke an die Utopie einer demokratischen und gesünderen Reaktion auf den 11. September erinnert zu werden. Meine Kleberallergie provoziert meinen Sohn immer mal wieder zur ultimativen Drohung: wenn du nicht machst, was ich will, klebe ich dir einen FCB Sticker ans Auto. Obwohl ich noch nicht mal Fussballfan bin? Meine Reaktion ist heftigst und bis jetzt hat er es nicht gewagt, seine Drohung umzusetzen. Um so grösser war sein Erstaunen, als er letzthin einen Kleber an meiner Windschutzscheibe entdeckte. Noch bevor er ihn von nahem inspiziert hatte, fragte er, seit wann ich mich denn irgendwo rumtreibe, wo man nur mit Spezialbewilligung reinkomme. Ich versuchte, ein süffisantes Lächeln zu unterdrücken. Mein erster Kleber verspricht Zugang zur Area 51, dem 60 Quadratmeilen grossen Gebiet in der Wüste von Nevada – seit Jahren der Fokuspunkt der Verschwörungstheoretiker und UFO Gläubigen. Dass das Gebiet hermetisch abgeriegelt ist und die US Airforce trotz Satellitenbildern nicht bestätigt, dass es Area 51 gibt, sorgt nur für mehr Zündstoff. Die einen glauben, dort werden Ausserirdische gefangengehalten und untersucht, bis ihr Raumschiff wieder startklar ist. Die andern denken, Area 51 hätte 1969 als Mondoberfläche herhalten müssen und die ganze Mondlandung sei hier als schlechter Scherz fürs Volk gefilmt worden. Dass dort Nuklearwaffentests stattfinden würden, ist fast noch die alltäglichste Annahme. Sagt mein Kleber nun, ich sei zur Verschwörungstheoretikerin geworden? Nein, das ist einfach nur ein Fall von Wüstenhumor.

Vor mir die Sintflut


Wers noch nie gesehen hat, glaubts nicht. Wenn im August und September die monsoonartigen Regenfälle niedergehen, ist die Wüste innerhalb von fünfzehn Minuten überschwemmt. Flashfloods nennt sich das: der Wüstenboden ist von der langen Trockenheit so gehärtet, dass er die Wassermassen nicht aufnehmen kann. So bildet sich in den Bergen hinter meinem Haus ein Wasserfall und die einzige Strasse, die zum Haus führt, wird zum reissenden Flussbett. Der Wasserfall ergiesst sich übers Land - und ein bisschen ins Haus - meiner Nachbarn. Einmal ist das Dach über meiner Terrasse eingestürzt, weil es das Gewicht des Wassers nicht aushalten konnte. Das Verrückteste daran war allerdings, dass ich zuhause war und das Dach nicht hab einstürzen hören, weil der Regen zu laut war. Die Sandstrasse wird ebenfalls schnell weggespühlt. Meine Freunde wissen schon – spätestens zwanzig Minuten nach Beginn des Regens muss man weg sein, sonst sitzt man je nachdem tagelang fest. Vor allem, wenn man ein tiefliegendes Auto fährt. Das Wasser transportiert den Sand mit sich und schüttet ihn unten bei der Kreuzung zum Highway auf. Und sobald der aufgeschüttete Sand austrocknet, wird er weich und die Reifen sinken ein. Es kann dauern bis die Behörden ihre grossen Bagger vorbeischicken und die Strasse wieder freischaufeln und neu planieren. So geht das jedes Jahr. Manchmal ein paar Mal hintereinander. Auf dem Highway ist die Situation nicht besser, im Gegenteil. Dank der geteerten Fahrbahn wähnen sich manchmal sogar Leute, die hier leben, in falscher Sicherheit und fahren auch bei überschwemmten Strassen weiter, obwohl die Tiefe des Wassers nicht abzuschätzen ist. Dann werden Autos so schnell von den Fluten mitgerissen, dass keine Zeit zum rausklettern bleibt. Vor zwei Jahren sind die Leichen von zwei Autofahrern 25 Meilen vom Highway entfernt gefunden worden. Wer denkt denn schon, dass man in der Wüste ertrinken kann.

Vom Blitz verfolgt


Ich schreibe diese Kolumne aus dem indianischen Trading Post “Sush Yaz” in Gallup, New Mexico. Der Computer ist vorsintflutlich und Umlaute gibts keine. Es ist Samstagmorgen un um mich herum sind viele Navajos und ein paar weiniger Weisse oder Anglos, wie man hier sagt, am Einkaufen – Schmuck, handgewobene Teppiche, Toepfereien und allerhand Schnickschnack. Manche Leute bringen ihren Schmuck zur Pfandleihe und nutzen den Trading Post als Bank, wie es seit mehr als 100 Jahren Brauch ist. Ich schreibe hier, weil sich alle andern Moeglichkeiten im Blitz aufgeloest haben. Wie Sie vielleicht wissen, hatte ich Besuch von Bessie, der Navajo-Frau aus Gallup. Es war abgemacht, dass ich sie heimfahren wuerde. Am Tag bevor wir losfuhren, wollte ich eine Kolumne schreiben und Ihnen mehr von Bessie erzaehlen. Um ein Uhr nachmittags ging ein ungeheuerliches Unwetter nieder, und es gab einen Stromunterbruch in Twentynine Palms. Zwei Stunden spaeter war das Gewitter vorbei. Der Stromunterbruch blieb. Es wurde heisser und heisser und der Cooler blieb tot. Er blieb auch nachts tot. und packen – na ja, packen Sie nie im Dunkeln, kann ich nur sagen. 15 Minuten, bevor wir um sechs Uhr morgens losfuhren, gabs wieder Strom. Nach Flagstaff, Arizona, verlor mein Pickup-Truck Benzin. Ich hielt an und liess mich nach Winslow abschleppen. Dort setzten zwei geschickte Navajos netterweise meinem Benzinschlauch ein neues Zwischenstueck ein. Noch bevor ich gestern meine Kolumne auf meinem Computer schreiben konnte, schlug der Blitz ins Haus meiner Familie ein und nahm nicht nur die Telefonleitungen und einige elektrische Geraete mit sich, sondern auch meinen Apple-Stromadapter. Weder Cowboys noch Indianer haben ein Powerbook in Gallup, New Mexico. Und ueberall, wo ich danach rumfragte, wurde ich mitleidig angeschaut: Sie ist blond, sie ist aus Kalifornien, sie weiss es nicht anders.

Noch eine Indianergeschichte


Jedesmal, wenn meine Navajo-Freundin Bessie bei mir zu Besuch ist, schauen wir zusammen Indianerfilme. Wir haben Windtalkers gesehen und nicht gemocht. Und wir haben Tony Hillerman Verfilmungen gesehen, die nicht mehr als OK waren. Aber wir lieben Thunderheart mit Val Kilmer und Sam Shepard. Und mit “unserem” Graham Greene, der einen coolen indianischen Cop spielt, der Val Kilmer bei der Aufklärung eines Mordes im Reservat hilft. Der Film ist von 1992 und so aktuell wie damals. Er zeigt das heutige Leben der Indianer im Reservat unbeschönigt. Und er zeigt die teilweise komische Mischung der traditionellen indianischen Art zu leben und die Einwirkungen des Anglo-Umfeldes. Als ich Bessie frage, ob “unser” Graham Greene Navajo ist, sagt sie, sie glaube nicht. Warum nicht, frage ich. Weil ich ihn nie persönlich sehe oder von ihm höre. Meinen Einwand, dass sie unmöglich alle Navajos kennen könne, lässt sie nicht gelten. Sie sind mit Abstand der grösste Stamm und leben über ein riesiges Gebiet verteilt. Schau in deinem Computer nach, sagt sie. Und klar – Graham Greene gehört zu einem kanadischen Stamm. Sie lacht, macht eine weitläufige Geste mit unbestimmter Richtungsangabe, welche die ganze Navajo Nation in Arizona und New Mexico mit einschliesst. Die unbestimmten Richtungsangaben der Navajos haben mich schon mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht. Als ich Bessie zum ersten Mal von zuhause abholten wollte, kam ich nie an. Alex, ebenfalls Navajo, hatte mir eine Skizze gezeichnet. Nicht nur stimmte der Massstab gelinde gesagt überhaupt nicht mit meiner weissen Art Karten zu lesen überein, die Skizze orientierte sich mehr an Landschaftsmerkmalen und Bodenbeschaffenheit als an Wegweisern oder Gebäuden. Als ich mit Bitte um Neustart wieder vor Alex stand, lachte mich aus. Mit einer Kopfbewegung und geschürztem Mund – Navajos zeigen nie mit dem Finger – schickte er mich wieder los: it’s right over there.

Bessie Leno, Navajo


Das ist meine Freundin Bessie. Sie lebt in New Mexico und gehört zum Stamm der Navajo-Indianer. Sie ist 71 Jahre alt und hat 6 Kinder - 5 Töchter und 1 Sohn - 24 Grosskinder und 4 Urgrosskinder. Sie lebt in einem Hogan, einem traditionellen Navajo-Haus mit rundem Grundriss. Der Hogan steht neben dem Haus einer ihrer Töchter, weit ausserhalb von Gallup auf Navajo Land. Gallup ist die “indianische Hauptstadt” der USA. Hier findet der meiste Handel mit indianischem Kunsthandwerk statt und hier treffen sich ein Mal pro Jahr alle Stämme zum “Ceremonial”, einem mehrtägigen Fest mit Umzügen, Tanzdarbietungen und Kunsthandwerk. Ich hab Bessie über meine Familie hier kennengelernt, die seit sechs Generationen mit den Indianern Handel betreibt. Bessie hat eine Weile mit mir in der Wüste gelebt. Ihr Leben ist von vielen Schicksalsschlägen gezeichnet – ihren ersten Mann und dieses Frühjahr ihre älteste Tochter hat sie bei einem Autounfall verloren. Ein Grosskind ist drogenabhängig - billige Drogen halten immer mehr Einzug in die Gebiete aller Stämme. Sie versucht, sich in dieses Thema nicht einzumischen, sagt sie. Aber es macht sie traurig, dass die traditionelle Art zu leben, den Navajos mehr und mehr verloren geht. Sie hat mit ihren Kindern noch Navajo gesprochen und wechselt heute zwischen Englisch und Navajo. Keines ihrer Grosskinder spricht mehr Navajo, manche verstehen es. Trotz allem hat Bessie wie die meisten Navajos einen unschlagbaren Sinn für Humor und wir lachen und erzählen uns den ganzen Tag Geschichten, wenn wir zusammen sind. Heute hole ich sie mindestens einmal pro Jahr hierher in die Ferien. Dieses Mal fahren wir für ein paar Tage ans Meer, welches sie seit 43 Jahren nicht mehr gesehen hat. Ich sage ihr, dass das Wort Ferien bedeutet, dass sie nichts machen muss. Und wenn ichs nicht sehe, macht sie die Wäsche, wischt ums Haus und zieht die Sofapolster gerade.

Stadt zu verkaufen


Amboy war mal wer. Das ist schon eine Weile her, dabei ist Amboy eine der ältesten kalifornischen Städte. Heute leben da viel weniger als 10 Einwohner. In seiner Blütezeit, in den 50er Jahren, waren es mehr als 700. Amboy liegt 60 Meilen nordöstlich von Twentynine Palms an der Route 66, welche von den 30er Jahren bis in die Siebziger die Hauptader zwischen Chicago und Los Angeles war. Und da war der Teufel los, speziell in den 50ern: Amboy hatte 700 Einwohner, drei Restaurants, drei Tankstellen, einen Bahnhof, einen Flugplatz und ein Busdepot. Und eben Roy’s, eines der berühmtesten Cafes und Motels in der östlichen Mojave mit seinen 70 Angestellten. Heute zeugt nur das monumentale Schild von belebten Zeiten. Die einzigen Reisenden, die sich da die Nase an der Scheibe plattdrücken, sind europäische Touristen, die entweder Architektur affin sind oder nicht fassen können, dass es keine Toilette gibt. Dazu müsste es erst mal Wasser geben. Auch das ist schon lange vorbei. Mit Amboy gings von einem Tag auf den andern bergab als 1972 etwas nördlich der Interstate 40 eröffnet wurde. Roys Schwiegersohn Buster, dem die Stadt schon seit Jahren gehörte, liess es sich nicht nehmen, mit einem Bulldozer einige Gebäude der Stadt niederzuwalzen, nachdem die meisten Leute Amboy verlassen hatten. Die Post, die Schule, die Kirche, den Flughafen und ein paar wenige Gebäude liess er stehen. Nach Roys Tod 1978 nahm Buster es mit den Oeffnungszeiten nicht mehr genau und wenn ihm ein Gast nicht passte, jagte er ihn mit seiner Knarre zum Teufel. 1995, im Alter von 87, ging Buster in Pension und zog mit seiner Frau Bessie nach Twentynine Palms. Für ein paar Jahre hat er die Stadt an einen Celebrity Fotografen aus New York vermietet. Einmal war sie auf Ebay für 1.2 Millionen zu kaufen. Letzthin hat Bessie sie an einen Geschäftsmann verkauft, der sie restaurieren will. Verkaufspreis: 425 000 Dollar.

Schreiber, lass das Zeichnen


Am Anfang scheint die Idee gut. Ich setze mich trotz 34 Grad aufs Sofa auf der Terrasse und zeichne Kakteen. Nicht dass ich zeichnen könnte, wie man unschwer erkennen kann. Aber weil meine Freunde Rainer und Lisa nächstes Wochenende in Düsseldorf heiraten werden und mir die Reise zum Ja-Wort etwas zu weit ist, will ich ihnen ein paar Zeichnungen von meinem Kaktusgarten zu schicken. Schliesslich haben sie den auf ihrer Verlobungsreise besonders bewundert. Aber die Zeichungen wollen nicht. Dass es so schwer sein kann, aufs Papier zu bringen, was man vor sich sieht, finde ich immer wieder verblüffend. Dabei muss man doch nur genau hinschauen. Welches Blatt ist zuvorderst beim Aloe Baum? Wie genau ist es angewachsen? Je länger ich schaue, desto weniger hilfts. Ein undefinierter Blätterhaufen herrscht da in der Mitte, ganz anders als beim Original. Verdammt. Von Licht und Schattenspielen nicht zu reden. Eigentlich sind die einen Blätter grün und die andern gelblich, die einen im Schatten, die andern in der Sonne. Bei mir enden sie alle gleich: grün-gelblich von Kunstlicht flach ausgeleuchtet. Wohlweislich habe ich mich für Aquarellfarbstifte entschieden. Da kann man am Ende die Unbeholfenheit des Strichs im Wasser ersaufen lassen und sich impressionistisch dabei vorkommen. Leider fühlt sich nun eine aufsässige Fliege von einer kleinen Lache in grün angezogen und lässt sich nieder. Ich verscheuche sie, aber sie kommt wieder. Und setzt sich mit ihren grünen Hintern in den Himmel. Also muss ich nochmals ein Blatt reinflicken, was der Gesamtkomposition auch nicht weiterhilft. Es wird wohl einen Grund geben, warum Schreiber schreiben und nicht zeichnen, denke ich, als ich die Zeichnungen zum Trocknen auslege und mir überlege, ob ich die nun schicken oder dem lieben Brautpaar wortreich schildern soll, wie ein Kojote über meinen Zaun gehüpft kam und die Zeichnungen gefressen hat.

Shoppingmeilen


Dass es ausgerechnet ein Buchladen ist - der einzige Laden, den ich hier in der Weite der Mojave zu Fuss erreichen kann - fand ich schon immer irgendwie romantisch. 45 Minuten geradeaus in östlicher Richtung, dann noch 10 geradeaus nördlich. Raven’s Bookshop ist ein Juwel von einem Buchladen – ein Labyrinth von engen Gängen, vom Boden bis zur Decke mit Büchern vollgestopft. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, hier drin gibts Abteilungen und die sind mit handschriftlichen Zetteln oder mit Filzstift bekritzelten Holzlatten markiert. Mitch sitzt hinter seinem Bürotisch beim Eingang und – liest. Ich hab viel nachzuholen, sagt er und mustert mich über seine Brillengläser hinweg mit stechend blauen Augen. Er ist 78 und sieht trotz seinem weissen Bart zehn Jahre jünger aus. Seit 15 Jahren lebt er nun ausserhalb von Twentynine Palms. Es war sein Partner Cliff Raven, der die Idee gehabt hatte, sich hier niederzulassen, nachdem er sich erst in Chicago und dann auf dem Sunset Strip in Los Angeles zu einem der respektiertesten Tätowierkünstler der Welt heraufgearbeitet hatte, mit vielen berühmten Kunden wie Cher und Ringo Starr. Raven kam hierher, weil die Marinebasis in der Stadt viel Kundschaft versprach, aber nach fünf Jahren hatte er genug. Er machte eine Liste, was er mit seinem Leben nun anfangen wollte. Ein Buchladen stand auf Platz 1. Raven brachte sich bei wie das Business funktioniert, und die Bücherjagd wurde zu seinem Lebensinhalt. Sie blieb es bis zu seinem Tod 2001. Nun jagt Mitch und ist froh, dass der Buchladen am Highway 62 zwischen Joshua Tree und Twentynine Palms so gut funktioniert. Man würde es nicht glauben, sagt er, aber hier fahren Leute aus der ganzen Welt vorbei. Buchleute sind nette Menschen, findet Mitch. Manchmal kenne er als ehemaliger Coiffeur die berühmtesten Schriftsteller nicht. Seine Kunden kümmerts nicht. Sie stöbern und sagen Mitch, was er lesen soll.

Blitz und Feuer


Viele der Geschichten, die ich in letzter Zeit an dieser Stelle erzählt habe, spielten in Pioneertown, einer kleinen Stadt unweit von hier, die 1946 als Western Filmset gebaut wurde. Jack, der einmal Truman Capote getroffen hat, wohnt in Pioneertown. Preston, der Millionen Käfer bekämpft hat und seine Frau J.D., das Vegas Showgirl, wohnen in Pioneertown. Und Frontman Frank, der beim Haus des Sheriffs die gefangenen Schlangen freilässt, wenn er zum alten Hippie fährt, wohnt in Pioneertown. Weite Teile Pioneertowns gibt es seit etwas mehr als einer Woche nicht mehr. Sie wurden im grössten Feuer, das die Region in mehr als 50 Jahren gesehen hat, innerhalb weniger Stunden komplett zerstört. All die Menschen, von denen ich geschrieben habe, und ihre Häuser sind wie durch ein Wunder verschont worden. Das Tipi des alten Hippies Gavin steht noch, sein Lebenswerk – ein wunderschöner Wüstengarten – blüht. Ein paar Schritte entfernt ist alles verkohlt. Gavin besitzt eine Quadratmeile Land. 80% davon ist verkohlt. Das Feuer, durch einen Blitz ausgelöst, hat sich bei Temperaturen über 40 Grad mehr als eine Woche lang durch unwegsames Gelände immer tiefer in die Berge gefressen und über 4000 Feuerwehrleute auf dem Boden und in der Luft auf eine harte Probe gestellt. Ein Mann, der sein Haus verloren hat, erzählt mir, dass von seinem Airstream Wohnwagen, der neben dem Haus stand, nur noch eine Aluminiumlache am Boden übrig geblieben ist. Vom Haus sieht man rein gar nichts mehr. Es wird Generationen dauern, bis sich die Vegetation halbwegs erholt haben wird, wenn überhaupt. Global Warming wird auch nicht helfen.
Während ich diese Zeilen schreibe, brennt es wieder. Diesmal noch näher von meinem Haus, im Joshua Tree National Park. All meine Papiere und Fotos hab ich letzte Woche schon aus dem Haus geschafft bis die Feuersaison vorbei ist. Morgen kommen meine Bilder dran und andere liebgewordene Sachen.

When Jack met Truman


Jack McCabe erzählte mir kürzlich bei einem Nachtessen bei J.D. und Preston folgende Geschichte: “Es war in den 50er Jahren, ich arbeitete für SAS und war auf dem Flug von Kopenhagen nach New York mit einem Zwischenhalt in Bremen. Ich durfte in der 1. Klasse fliegen, weil ich ja angestellt war. In den Propellermaschinen dieser Zeit war die 1. Klasse hinten, weil es da am wenigsten laut war. Ausser mir war nur ein einziger Passagier in der 1. Klasse. Sobald wir in der Luft waren, stand ich auf und ging in die kleine Lounge Bar, die es da hinten gab. Der andere Passagier tat dasselbe. Also ging ich zu ihm hin und sagte hallo, ich bin Jack McCabe. Und ich bin Truman Capote, sagte er. Mein Gott, dachte ich, das ist Truman Capote, der bekannte Schriftsteller Truman Capote. Er bestellte sofort einen Martini. Die Stewardess brachte einen Silberkrug voll Martini. Also sassen wir da und tranken, und als der Krug leer war, bestellte Capote sofort noch einen. Kopenhagen – Bremen war ein kurzer Flug. Wir würden bald in Bremen zwischenlanden, sagte die Stewardess, aber Capote wollte von dem Argument nichts wissen. Also kriegten wir unseren zweiten Silberkrug voll Martini. Das Timing habe er ja perfekt hingekriegt, sagte Capote als wir in Bremen landeten und der Krug leer war. Die Stewardess hatte alle Passagiere angewiesen, wir düften das Flugzeug in Bremen nicht verlassen. Capote sagte zu mir, komm Jack, lass uns in den Terminal gehen. Als ich ihn daran erinnerte, was die Stewardess gesagt hatte, meinte er nur, seit Hitler gestorben sei, verfolgten die Deutschen ihre Gesetzesübertretungen eh nicht. Also gingen wir unbemerkt die Treppe runter, die war damals auch hinten im Flugzeug. Wir kletterten über einen kleinen Zaun und gelangten in den Terminal. Capote trug einen langen roten Schal um den Hals – er kam von Russland und hatte ihn dort geschenkt gekriegt. Mir drückte er die Mütze auf den Kopf mit dem Russenstern vorne drauf, die er ebenfalls erhalten hatte. So liefen wir also durch den Terminal und Capote kommentierte alle andern Passagiere. Zu diesem Zeitpunkt war ich so sternhagelvoll – ich fand alles lustig und lachte hysterisch. Bis wir von der Stewardess und einem Polizisten angehalten wurden. Ach, ich dachte, sie haben gesagt, wir dürften nicht sitzenbleiben, sagte Capote während ich nur noch kicherte. Dann führten die beiden uns zurück ins Flugzeug. Auf dem Flug von Bremen nach New York wechselten wir zu Champagner, bevor ich einschlief wie ein Stein.”

Schlangenfängerei


Das ist nicht das Haus des Sheriffs. Das ist das letzte Haus vor dem des Sheriffs, wo ich mich noch getraue, zum Auto auszusteigen, um zu fotografieren. Das Haus des Sheriffs ist sehr viel grösser, herausgeputzt und passt überhaupt nicht in die Gegend, wo hauptsächlich Künstler, Schreiber und Musiker in kleinen Holzhäusern auf viel Land wohnen. Die Frau des Sheriffs ist hochtoupiert, mit sehr langen Fingernägeln versehen und trägt auch für eine Fahrt in den Supermarkt sieben Schichten Make-up. Für jemanden, der während Kaffeekränzchen Gesichtscreme verkauft, wäre weniger überdeckte Haut vielleicht ein besseres Verkaufsargument. Na ja, vielleicht auch nicht. Sie sei nett, hab ich mir sagen lassen. Ganz im Gegensatz zu ihrem Mann. Der habe Undercover-Leute ausgeschickt gegen die Nachbarn, sagen meine Freunde, die in der Nähe wohnen. Den Drum-Circle hätten sie infiltiert, welcher immer bei Vollmond auf dem Land eines alten Hippies namens Gavin stattfindet, und nach Marijuana geschnüffelt. Sowas sieht man hier nicht gern. Sowas sieht auch Frontman Frank nicht gern. Schliesslich gibt es keinen Drum Circle ohne Marijuana. Frontman Frank ist Buddhist und kann und darf keiner Fliege was zuleide tun. Aber wehren darf er sich schon. Wenn er auf seinem Land Mäuse fängt, oder Klapperschlangen (mit einem langen Stab mit irgend einer Schlaufe vorne – fragen Sie mich nicht, ich geh sicher nicht zuschauen), dann packt Frontman Frank die Viecher in Käfige, die Käfige in seinen Pick-up Truck und fährt rüber zu Gavin. Anders als ich hält Frontman Frank an auf der staubigen Sandstrasse, die entlang des Sheriffs Land zu Gavin führt. Er geht nach hinten, nimmt die Käfige runter, postiert sie in Richtung Sheriff-Haus und öffnet Tür und Tor. Und wenn die Käfiger leer sind, fährt er zu Gavin hoch, die beiden setzen sich vors Tipi, teilen sich ein selbstgedrehtes Zigarettchen und kichern in die Nacht.

Käferfest


Möbel verschieben ist Prestons Passion. Er kauft und verkauft unermüdlich Secondhand-Schätze – von Westernhemden über Bakelitvasen bis hin zu Eames-Schalensitzen. Die schönsten Stücke bringt er nach Hause und wohnt in ihnen, bevor er sie weiterverkauft. Wenn ich Preston und seine Frau J.D. besuche, sieht ihr Haus immer total anders aus. Letzthin hat Preston unfreiwillig Möbel verschoben. Abertausende von fliegenden Käfern hatten sich erdreistet, auf ihrer Migration einen Zwischenstop in Prestons Haus einzulegen und da zu fressen und zu verdauen. Grosses Stühlerücken, Eiskübelsammlung in Sicherheit bringen, Vinylsammlung auftürmen und sprayen, sprayen, sprayen bis auch die letzte Ritze zur Aussenwelt im Gift ersoffen war. J.D. war schon bei den ersten ungebetenen Gästen nicht mehr ins Ehebett zu kriegen und ist bei mir eingezogen. Preston kämpfte bis die Käfersättigung im Haus 100-200 Ex. pro Bakelitvase betrug, dann kam auch er. Nach ihm die Kammerjäger! Mein Wasserverbrauch stieg an. Nicht weil die Käfer an ihm hafteten, sondern weil er es sich einbildete und mit Schrubben nicht mehr aufhören konnte. Die Zeit, bis das Gift alle Käfer hinweggerafft hatte und das Haus ausgeräumt, geputzt und wieder eingeräumt werden konnte, vertrieben wir uns mit einer “24”-Session. Am Stück. Nun mal lieber Terror statt Horror, sagten wir uns und flätzten uns einen Tag und eine Nacht vor den Fernseher. Sowas würde ja Jack Bauer nie passieren, dass ein paar Käfer ihn in die Knie zwangen, dachten wir indigniert als wir eine weitere 24-stündige Session einlegten – diesmal putzenderweise. Jedes einzelne Stück im Haus musste abgewaschen und entweder versorgt oder zum Verkauf verpackt werden. Preston schwor, von nun an weniger Fundstücke zuhause zwischenzulagern. Das war bevor er J.D. anrief und ihr von dieser perfekten 50er Jahre Campingausrüstung vorschwärmte, die er soeben in seinen Truck geladen hatte.

Las Vegas Showgirl


J.D. kommt von weit her. Sie ist drei Stunden nordöstlich von Vancouver aufgewachsen, mit unnachgiebigen, dunkeln Wintern, in einer Familie, die mit zuviel Feuerwasser gegen selbige anging. J.D. liebt die Wüste. Sie liebt die Hitze, vor allem die Abwesenheit von Schnee. Nachdem ihr erster Mann sie in Vegas sitzen lassen hat, ist sie Showgirl geworden - der einigermassen sauberen Art, wie sie gern hinzufügt. Als Ausgleich zum Glitter ist sie jede freie Minute durch die Secondhand-Läden von Vegas gestrichen und hat sich Dinge zusammengesucht, die echt gealtert waren. So hat sie Preston getroffen, ein ruhiger, süsser Mann mit Jadginstinkt und Kaufsucht, der in allem, was andere weggaben, Schönheit fand. Preston kannte jeden Secondhand-Laden im Westen, je abgelegener desto lieber. Er reiste mit einem geräumigen Pick-up Truck, damit er nie etwaige Schätze zurücklassen musste. J.D. hatte er sofort als seinesgleichen erkannt. Er hatte ihr durch das Gestell mit den alten Mixern und Saftmaschinen zugesehen, wie sie systematisch durch einen Korb Küchenschürzen ging und sie dann angesprochen. Immer die richtigen Worte finden, das konnte er. Er hatte es als 19-jähriger mormonischer Missionar gelernt. Der Religion war er bald danach abtrünnig geworden, die Redegewandtheit blieb. Mit unnachgiebiger Sanftheit kriegte er J.D. dazu, ihn nach drei Monaten in Vegas zu heiraten – in einer Drive-through Zeremonie. Sie trugen beide die besten Stücke, die sie an diesem Tag in einem einzigen Secondhand-Laden gefunden hatten – diese Spielregeln hatten sie sich auferlegt – und fuhren danach sofort los – hierher in die High-Desert. Hier jagen und sammeln sie weiter. Und wenn sie eine Weile mit ihren Stücken gelebt haben, bringen sie sie wieder in Umlauf. Ich besitze einige davon. J.D. will ihr Gesicht heute nicht zeigen. Ein bisschen Glamour müsse sein, sagt sie, aber heute habe sie keinen zu bieten.

Blindflug


Seit fünf Jahren fahre ich fast täglich am Schild “Institute for Mentalphysics” vorbei und wundere mich, was das wohl sein könnte - Mentale Physik. Es klang verdächtig nach dem Versuch, etwas als Wissenschaft zu deklarieren, was keine war. Vom Highway 62 aus sah man nur die Dächer einer Ansammlung niedriger Gebäude hinter dichten Oleanderhecken. Jedes Mal dachte ich, das schau ich mir mal an und tat es nie. Ich ging der Sache erst auf die Spur, als ein Besucher mich nach dem seltsamen Schild fragte als ich gerade online war. Zu meiner Überraschung brachte Google mich mit dem Stichwort “mentalphysics” sofort an den rechten Ort. Eine violett esoterische Website sagte mir, dass die Bewegung von einem Engländer gegründet worden war, der als einer der ersten Europäer im frühen 20. Jahrhundert auf einer Landkarten-Expedition durch China und Tibet gewandert war und dort in einem Kloster studiert hatte. Aus Edwin John Dingle wurde Ding Le Mei und als er sich wieder dem Westen zuwandte, gründete er ein Mentalphysics Institut in Los Angeles und baute dann 1941 das besagte Zentrum in Joshua Tree. Die Wissenschaft der Zukunft sei es, ein universales Gesetz, eine Methode, die Essenz aller Religionen zu erfahren und sie mit den Wissenschaften zu versöhnen. Ich wollte die Website schon entnervt wegklicken, als ich entdeckte, dass viele der Gebäude von Frank Lloyd Wright entworfen und von seinem Sohn fertig gebaut worden waren. Als ich davor stand, war alles klar. Die Verwandtschaft mit Wrights Architekturschule in Scottsdale, Arizona, war klar erkennbar, wenn auch jene mit sehr viel mehr Ideen und Liebe zum Detail ausgestattet war. Erstaunt spazierte ich auf dem Gelände rum und kam mir blöd vor. Da denkt man von sich, man sei architekturinteressiert und fährt jahrelang an einem Frank Lloyd Wright Bau in der Nachbarschaft vorbei. Manchmal ist man wirklich ignoranter als man denkt.

Karls Eigentum


Dies alles hab ich Karl gestohlen. Davon wusste ich nichts als ich das Mobiliar aus der verlassenen Hütte hinter meinem Haus zu mir rübergeschleppt hab – zwei Liegestühle noch dazu. Vor circa zwei Monaten ist Karl Kohnke (der Name wurde von der Autorin aus nachvollziehbaren Gründen geändert) aufgetaucht und hat sich als Besitzer geoutet. Zuerst per Notiz, die an mein Tor geheftet war, dann persönlich. Karl ist dummerweise nett und Feuerwehrmann in Los Angeles. Seit dem 11. September 2001 sind alle Feuerwehrmänner in Amerika Helden. Trotzdem will ich ihm meinen Küchentisch mitsamt Stühlen nicht wieder zurückgeben. Ich schwitze Blut als ich Karl und seine Frau zum ersten Mal in mein Haus lasse. Karl mag sich erinnern, als Kind seinen Grossvater in der Hütte besucht zu haben. Was wenn sich Karl auch ans Mobiliar erinnerte? Die Angst war umsonst, stelle ich fest, als ich ihm und seiner Frau am Küchentisch was zu trinken anbiete, nachdem ich mir eine Lüge zurechtgebastelt hab: die Möbel waren schon im Haus, als ich es gekauft hab. Hoffentlich weiss Karl nicht, dass mein Haus vorher einem 90-jährigen Mann gehört hat, der unter der Last von nur einem halben Stuhl quer durch die offene Wüste zusammengeklappt wäre. Karl hat nicht nur kein photografisches Gedächtnis – er hat auch keinen Orientierungssinn. Er verwechselt Ost mit West, als wir über sein Land sprechen. Und sowas ist Fahrer eines riesigen Löschzugs in Downtown Los Angeles, sagt seine Frau mit Augenzwinkern. Ach, ich fahr einfach dorthin, wo’s Rauch hat, winkt Karl scherzend ab. Ich freue mich, einen Feuerwehrmann als Nachbar zu haben, schliesslich fängt die Feuersaison gerade erst an. Aber erst muss Karls Hütte renoviert werden. Er hat einen andern Nachbar mit dem Nötigsten beauftragt. Kaum hat Karl eine funktionierende Tür gibt der nette Mensch mir einen Schlüssel. Der Mann hat keine Ahnung mit wem er es zu tun hat.

Die Unverbesserlichen


Nur fünf Minuten, sagen sie. Dann werden es fünfzehn. Und zwanzig und dreissig. Zur Zeit dieser Aufnahme sind es im Schatten satte 38 Grad Celsius. Es ist Frühsommer, wir sind mitten in der Mojave-Wüste. Ich tobe. Mein erster Ausbruch bewirkt zumindest, dass Mutter und Tante ihre Sonnenhüte zuunterst aus ihren Koffern hervorklauben. Und dann wieder ab in die Sonne. So hatte ich das nicht gemeint. Nun nehmen sie die Hüte als Freipass, um noch länger in der Sonne sitzen zu können. Wie dunkel und ledrig kann man denn aus dem sonnigen Kalifornien heimkehren wollen? Dass das Wetter in der Schweiz dieses Frühjahr mehr als zu wünschen übrig liess, hatte ich schon dank diverser Eifersuchtstelefonate mitgekriegt; dass die dunkle, kalte Zeit einen zu extensivem Sonnetanken veranlasste, war nachvollziehbar. Aber man konnte ja schliesslich auch vom Schatten aus in die Sonne sehen und sich so lichttherapieren lassen. Zwei Wochen sind die Damen hier in den Ferien und ausser der ewigen Sonnenanbeterei und der Tatsache, dass ich sie dauernd mit Zwangswasserrationen vor dem Austrocknen bewahren muss, geht auch alles Friede, Freude, Eierkuchen. Sie insistieren, dass es ihnen eine Freude sei, rund ums Haus zu wischen, während ich schreibe. Meine Einwände müssen schwacher Natur gewesen sein, denn sie beherzigen sich der grössten Besen und machen sich ans Werk. Wenn ich sie darauf aufmerksam mache, dass der Wüstenwind doch eher stark bläst, schlagen sie das in den selbigen und enervieren sich am nächsten Tag, dass ihre Arbeit im Eimer ist – oder eben nicht mehr. Sie belohnen sich für getane Arbeit – man ahnt es – mit neuerlichem Sonnenanbeten. Erst als ich den Globus zu Hilfe nehme und lehrerhaft mit gezücktem Zeigefinger dem Breitengrad entlang ostwärts fahre, kommt die Einsicht. Würdet ihr euch im Frühsommer am Rande der Sahara in die Sonne setzen? Natürlich nicht. Eben. Sag ich doch.

High Afternoon


Sie sind zwischen siebzig und scheintot. Letzteres, weil sie mit Chäpselipistolen zum grossen Showdown gegeneinander antreten. Jeden Samstag um halb drei spielen etwa zehn von ihnen Wilder Westen und freuen sich daran wie Kinder. Sie nennen sich die Pioneertown Truppe und führen zehn bis zwölf kurze Sketche vor - mit wechselnden Rollen. All die üblichen Verdächtigen sind vertreten: Cowboys, einsame Rächer, Huren, Priester, Räuber, ein Doktor und Sheriffs. Betagte Ladies zwängen sich in enganliegende rote Federkostüme. Betagte Gentlemen mimen jugendliche halbnackte Draufgänger. Aneinander gerät man über Gold, Whiskey, Spielschulden und die Gunst der Damen. Die Pistolen sitzen locker und jedes Sketch endet mit mindestens einem Toten inmitten der Hauptstrasse von Pioneertown, während die Ladies sich vom Badehaus aus, auch Bordell genannt, entsetzt geben. Pioneertown eignet sich bestens fürs Nachspielen historischer Szenen, denn es wurde 1946 als Filmset für Westerns gebaut - in einem etwas zu kleinen Massstab wie alle Westernsets, damit die Helden auf Celluloid stattlicher aussahen, wenns auf High Noon zuging. Das einzige Zugeständnis an die heutige Zeit – die Damen und Herren sind mit Funkmikrophonen ausgerüstet, die Lautsprecher stehen im Sand neben dem Statisten-Pferd. Heute steht Pioneertown unter Denkmalschutz und ist immer noch bewohnt. Da gibts auch die wegen ihrem eklektischen Musikprogramm weit über die Gegend berühmte Western-Bar “Pappy’s and Harriets”, vor der Samstags mehr Harleys aufgereiht sind als Pferde. Der Schauspieler Roy Rogers gehörte zu den urspünglichen Investoren von Pioneertown. Die Idee war, ein Film-Set zu bauen, in dem Schauspieler und Crew während der Dreharbeiten leben und Spass haben konnten – eine Idee, die auch sechzig Jahre später noch zu funktionieren schien, wenn auch mehr für die Akteure selber. Für mich wars Ethnologie und als solche durchaus spassig.

Bei Anruf Kunst


Viele haben es versucht, mitten in der offenen Wüste einen Anruf mit dem abgebildeten öffentlichen Telefon zu machen. Alle hörten sie nur einen Summton und waren sich nicht sicher, ob der ab Band kam. “The Payphone Project” von Mark Klassen war letztes Wochenende Teil des bereits zum fünften Mal stattfindenden Kunstevents “High Desert Test Sites” oder HDTS rund um Joshua Tree und Twentynine Palms. Das Telefon werde zu andern öffentlichen Telefonapparaten irgendwo im Land verbinden und so den Kunstbetrachter in einen Dialog mit nichtsahnenden Leuten in der realen Welt bringen. Die Idee für diese Arbeit gefiel mir, so auch die von HDTS im allgemeinen. Es ging darum, experimentelle Arbeiten von jungen und etablierten Künstlern in einem Umfeld fern vom Kunstmarkt zu schaffen, zu überprüfen und zu belassen. Die Arbeiten gehörten niemandem und verschmolzen mit der Zeit wieder mit der Landschaft, während neue enstanden. Ins Leben gerufen worden war HDTS hauptsächlich von der international bekannten Künstlerin Andrea Zittel, welche in Joshua Tree ein Haus/Studio/Forschungslabor für experimentelle Lebensformen besitzt, welches sie A-Z West nennt, in Bezug zu ihrer ersten Heimat New York City. Trotz guter Arbeiten und bestärkt durch einen Overkill an Publikationen – vor allem aus New York - die Frau Zittel in ihrem Wüstendomizil zeigen, konnte ich das Gefühl nicht loswerden, dass sie die Wüste als illustre Kunst-Kulisse benützte, der ein oberflächliches und hauptsächlich vermarktbares Interesse zugrunde lag. Vielleicht war ich ja zur kunstphoben Eremitin geworden. Aber die Kunstgroupies mit ihren Klebern auf der Brust “Hello, I am Andrea Zittel” (und ich möchte nicht implizieren, dass diese von der Künstlerin selber produziert worden waren) schienen mir dieselben, ob sie durch die Art Basel, durch Chelsea oder die Mojave stocherten. Einfach ein bisschen verbrannter und dehydrierter.

Von Dessous und Heavymetal


Little Dan ist sechzehn. Er ist der Sohn meiner Nachbarn und wohnt in einem Wohnwagen. Der steht nicht allzu nah an deren Haus, aber nah genug, dass Sandy und Dan von der Eingangstür aus nach ihm schreien können. Dann schreit er zurück, macht aber alles, was sie von ihm verlangen, wie Bäume wässern, Garten säubern oder Auto waschen. Manchmal nützt alles schreien nichts – nur kräftiges an die Tür poltern gepaart mit nun gehässigem Schreien kann den Heavy Metal Pegel im Wohnwagen übertönen. Im Winter kriege ich von dem allem nichts mit, im Frühling und im Herbst nur das Poltern und das Schreien und im Sommer den Heavy Metal Sound, das Schreien und das Poltern. Dann wirds unerträglich heiss im Wohnwagen, und durch die offene Tür werden Metallica und Konsorten in die weite Wüste geblasen bis zu meinem fast 200m entfernten Haus. Das ärgert mich meist wenig. Erstens dauert es nicht allzu lange, zweitens muss zu seiner Ehrerrettung gesagt werden, dass er auch The Doors hört und drittens bringt er mir mit seinem Offroader jeden Tag meine Post, die eine Meile weiter unten am Highway in meinen Briefkasten geworfen wird. Mit dem Offroader hab ich etwas mehr Mühe. Little Dan hält sich zwar an die Spielregeln und fährt das Ding nur auf Sandstrassen und dem eigenen Land und nicht irgendwo querfeldein. Dieser Plage wurde kürzlich von Gesetzes wegen ein Ende gesetzt, um z. B. die vom Aussterben bedrohten Wüstenschildkröten nicht noch mehr zu minimieren. Little Dan ist arbeitslos. Sein Zigarettengeld verdient er sich, wenn er mit seiner Mutter mit dem Glacéwagen mitfährt oder ab und zu für mich Gelegenheitsjobs macht. Er träumt davon, in einer kleinen Stadt am Wasser zu wohnen, wo er überall hin zu Fuss gehen kann.
P.S. Wenn ein Victoria’s Secret Katalog (Unterwäsche gemodelt von Giselle Bündchen) in meinem Briefkasten liegt, kann sich die Postlieferung schon mal um ein paar Stunden verzögern.

Die Wüste lebt


Im Frühling und im Herbst kriege ich ab und zu wilden Besuch. Würden die Hunde nicht jedesmal durchdrehen, könnte er glatt unbemerkt an mir vorbei schleichen. Vielleicht tut er das auch ab und zu. Aber letzte Woche war es wieder mal soweit, zum ersten Mal in diesem Jahr – meine wilde Wüstenschildkröte bahnte sich ihren immer gleichen Weg ums Haus. Es ist mir klar, dass “meine” und “wilde” sich widersprechen. Trotzdem hege ich Besitzansprüche auf das fast 30cm lange Tier, seit ich nachgelesen habe, dass Wüstenschildkröten ihr Leben lang in einem engen Radius von höchstens einer Meile leben. Und da die Spezies vom Aussterben bedroht ist, fühle ich mich immer besonders geehrt, dass dieses Urviech jedes Jahr wieder zu mir zurückkehrt. Sie könnte zwischen 50 und 80 Jahre alt sein, von ihrem Panzer her zu beurteilen. Die Vorstellung, dass sie schon vor meiner Geburt hier ihre Runden gedreht und quasi auf mich gewartet hat, finde ich rührend. Ich bilde mir nicht ein, dass sie wegen der wässerigen Delikatessen wiederkommt, die ich ihr immer in den Weg lege – schön mit Sicherheitsabstand, sonst kriegt das arme Ding den Kopf nicht über den Panzer gebogen. Schildkröten lieben Rot, hab ich gehört. Seither lasse ich den Salat im Kühlschrank und greife nach Erdbeeren oder Tomaten. Jedes Jahr wieder ist es mir ein Rätsel, wo die Schildkröte genau herkommt und wohin sie verschwindet, ob sie innerhalb meines Zauns lebt oder nur ab und zu irgendwo untendurch kriecht. Alle Versuche, sie zu verfolgen und das genau auszukundschaften, hab ich dennoch aus Langeweile ob der langen Warterei abgebrochen.
Hier wird man so, hier draussen. Auch wer, wie ich, seiner Lebtag nicht unbedingt ein enthusiastischer Tierfreund war - legt sich mit Foto- und Filmkamera in den Sand und staunt über das Glücksgefühl in der Brust, dass es die wilde Wüstenschildkröte noch gibt und dass sie ein tomatenverschmiertes Maul hat.

Checkpoint


Twentynine Palms ist nicht nur ein verschlafenes Städtchen am Rande des Joshua Tree National Parks – zu Twentynine Palms gehört auch die grösste Marine-Basis überhaupt. Die Marines sind die Elitetruppen der USA, sie operieren zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Auf der 900 Quadratmeilen grossen Basis werden junge Marines für den Wüstenkampf ausgebildet. Die meisten von ihnen wohnen mit ihren Familien auf der Basis. Sie liegt weit ausserhalb der Stadt und ist nur über einen Checkpoint zugänglich. Ich wollte schon immer mal wissen, wie es da drinnen aussieht. Darum fragte ich meine Nachbarin Sandy, ob sie mich mit ihrem Glacéwagen auf ihre nachmittägliche Runde durch die Stadt und die Basis mitnehmen würde. Ich war nicht darauf vorbereitet, wie unspektakulär die Basis aussah. Hätte man keinen Checkpoint passieren müssen, wären weite Teile der Basis als ganz normale Stadt durchgegangen. Wir gondelten mit unserem Glacéwagen von Strasse zu Strasse, liessen die Erkennungsmelodie über den Lautsprecher plärren, und die Kinder kamen mit den Münzen in ihren klebrigen Fingern aus den Häusern gerannt. Wie Kinder überall standen sie lange vor den vielen Glacébildchen auf der Seite des Wagens und versuchten sich zu entscheiden, welches ihnen am besten gefiel, während ihre auffallend jungen Mütter unter der Tür warteten. Man erinnerte sich nur daran, wo man war, wenn Sandy immer mal wieder auf ein Haus deutete: Dieser ist grad zum dritten Mal in den Irak verschifft worden. Der hier kam eben erst zurück. Ein paar mal sagte sie: Der ist nicht zurückgekommen. Es war irgendwie absurd, dass diese jungen Familienväter, die selber wie Kinder aussahen, diejenigen waren, die man abends in den Nachrichten sah. Grad vor ein paar Tagen sind wieder einige Busladungen Marines aus dem Irak zurückgekehrt. Einer davon hat in derselben Nacht beim Feiern den 29 Palms Highway überquert und ist überfahren worden.

Goldrausch


Es wird vorausgesagt, dass Kalifornien in den nächsten 20 Jahren um 30% wächst. Das ist als würde man drei weitere Städte in der Grösse von Los Angeles irgendwo reinpferchen. Zur Zeit sieht es danach aus, als hätten sich alle düsteren Mächte verschworen und sich meine kleine Sandstrasse inmitten der Mojave als Stadtzentrum einer dieser Metropolen ausgesucht. Die Strasse ist etwa eine halbe Meile lang. Bis vor einem halben Jahr standen da sieben Häuser. Nun sinds elf. Der Immobilienmarkt hier in der High-Desert ist siedend heiss. Wo sonst hats noch soviel Platz wie hier. Wer Land besitzt, beisst sich fest und überlegt sich, für immer hierher zu ziehen. Wie der LA Feuerwehrmann, der kürzlich auftauchte und sagte, er besässe das benachbarte Grundstück mit der verlotterten Hütte drauf. Das hätte er von seinem Grossvater geerbt. Jetzt will er die Hütte wiederherstellen und ein grösseres Wohnhaus danebenstellen. Nun hab ich aber aus besagter Hütte schon vor Jahren einen reinrassigen 50er Jahre Küchentisch mit Stühlen und zwei Liegestühle rausgeholt – verstaubt aber nicht verrostet. Ich werde den Feuerwehrmann für ewig von meiner Küche und meiner Terrasse fernhalten müssen, sonst kriegt der am Ende noch Kindheitserinnerungen beim Anblick meines Mobiliars. Die Bodenpreise sind zwar im Vergleich zu andern Orten in Kalifornien noch relativ günstig, aber oft schon viermal so hoch wie vor fünf Jahren. Kein Wunder gibts immer wieder Investoren, die sich ein Stück vom grossen Kuchen abzuschneiden versuchen. Da wollte doch kürzlich einer zwei Golfplätze mit je 1200 Häusern in Twentynine Palms aus dem Bodem stampfen, Himmelherrgott nochmal, einer davon nur etwa zwei Meilen von mir entfernt. Es gab mächtig Opposition, mit einer öffentlichen Anhörung beider Seiten. Zwei Wochen danach hat sich die Sache von alleine erledigt; der Investor hat sich in Las Vegas aus Versehen selber erschossen. Hey, whatever works.

Palmen Einmaleins


Eigentlich müsste 29 Palms 26 Palms heissen, sagen die einen. Die Chemehuevi-Indianer hatten aber 29 Palmen gezählt. Und für ein Mal vertrauten die Weissen deren Wort und liessen alle 26 ungerade 29 sein. Die Indianer mussten es ja wissen, sie hatten sich schliesslich zuerst um die Oase niedergelassen, welche die besagten Palmen säumten. Da dies hier oben in der High-Desert weit und breit die einzige Wasserstelle gewesen war, ist leicht nachzuvollziehen, dass die 29 Palmen wichtig genug gewesen waren, der Stadt Ende 19. Jahrhunderts ihren Namen zu geben.
In der flirrenden Hitze konnte einem der Durst beim Palmenzählen schon mal einen Strich durch die Rechnung machen. Verschiedene Orte in der Wüste waren mit dem Palmenzählen verschieden umgegangen. So rundete zum Beispiel 1000 Palms grossspurig auf. Konnte mir keiner weismachen, dass die nachgezählt hatten und tatsächlich genau auf 1000 gekommen waren. Schliesslich lag 1000 Palms “down below”, im Tal unten irgendwo östlich von Palm Springs; da waren die so – wenig Achtung vor Authenzität. Wir hier oben nahmen es genauer und schlugen mitunter ins andere Extrem. Bei uns gabs sogar eine Lost Palms Oase.
Die Legende sagt, dass sich down below auch der Gangsterboss Al Capone nicht mit kleinlichem Palmenzählen abgegeben hatte, Als ihm schon halb Chicago auf den Fersen war, baute er sich ein Wüstenversteck im Wilden Westen. Bald tummelten sich Mafiabosse und Filmsternchen in einer komfortablen Festung mit eigenen Thermalquellen und Lustgarten – gebaut auf einer heiligen indianischen Städte wohlverstanden. Wer beim Geldzählen unnachgiebig war, drückte beim Palmenzählen gern mal ein Auge zu. So heisst der Ort denn nun Two Bunch Palms – zwei Haufen Palmen.
P.S. in Südkalifornien haben wir sogar Palmen, die keine sind: die supponierte Palme rechts im Bild ist eine Mobilfunkantenne – sie löst weniger Anwohnerprotest aus und macht sich besser furs Auge.

Mann im Mond


Mit einem Haus in der kalifornischen Wüste kriegt man aller Gattung Besuch – auch ungeladene im Schlepptau von Freunden von Freunden. Wir unterscheiden drei Kategorien in aufsteigendem Schwierigkeitsgrad: 1. Los Angeles Wochenend-Ausflügler, 2. amerikanische Cityslickers und 3. Euro-Trendsetter. Die LA-Müden, sind noch die angenehmsten: sie sind autonom, wollen sich entspannen und fahren nicht in Erwartung hektischer Aktivität in die Wüste. Sie haben ein Basiswissen in Sachen Gefahren. So muss man ihnen beispielsweise nicht dauernd mit einem Wasserglas hinterher rennen und sie zum trinken zwingen, wenn man sich nachher ihre Kopfschmerzklagen nicht anhören will. Ihr grosses Plus: sie gehen am Sonntagabend wieder. Die amerikanischen Grossstädter rennen zwar, kaum lässt man sie einen Moment unbeaufsichtigt, in Flipflops den Berg hoch, hören sich aber die nachträgliche Standpauke zum Thema Schlangen interessiert an und bedanken sich schuldbewusst für die Belehrung. Einsicht ist von den Euro-Trendsettern dagegen kaum zu erwarten. Sie wissen alles besser, gehen barfuss ein und aus und ohne Wasser auf längere Fussmärsche, und sie lassen sich von der Bitte, die Fliegengittertür geschlossen zu halten, nicht beirren, denn sie glauben nicht, dass es hier Skorpione gibt. Irgendwo haben sie gelesen, dass die Wüste angesagt sei, aber wenn sie hier sind, macht ihnen die Stille Angst. All diesen Besuchern ist gemeinsam, dass sie von Himmelskörpern keine Ahnung haben. Dass man, wie figura zeigt, morgens einen Monduntergang miterleben könnte, übersteigt ihre Vorstellungskraft. Dass man den Mond auch in klaren Nächten nicht sieht, weil er am Tag am Himmel steht, glauben sie einem erst mal nicht. “Ist das in Europa anders als in Amerika” ist meine Lieblingsfrage. Ich übe mich in Nachsicht schweige mich darüber aus, dass auch ich mondunerfahren war, bevor ich unter dem grossen Himmel wohnte.

Frühlingserwachen


Auch wenn ich mich dieser Tage von morgens bis nachts im verdunkelten Haus einschliessen würde (was mir bei dieser strahlenden Sonne nicht im Traum einfällt) – ich wüsste trotzdem: der Lenz ist da. Das tiefe Geknatter ist unverkennbar, das vom Highway unten bis zu mir hoch klingt und die ansonsten übliche Stille durchbricht. Speziell am Wochenende, aber nicht nur. Es sind die Harleys, die aus dem Winterschlaf erwacht sind und nun Easy Rider alle Ehre machen wollen. Es gibt noch einiger dieser Typen, denen man ein Echtheitszertifikat an die zerschlissene Lederjacke heften würde, wenn sie denn nur etwas nahbarer wären. Aber sie verbarrikadieren sich hinter Bärten, verspiegelten Sonnenbrillen und roten Bandanas. Breitbeinig sitzen sie im Sattel, den ernsten Blick geradeaus auf den einsamen Highway fixiert. Sie halten an einschlägigen Roadhouses und einsamen Bars, die kaum ein Sheriff je von innen gesehen hat. Sie sind Cliché und trotzdem echt. Sie gehören nicht zu den Harley-Sonntagsfahrern, die am Montagmorgen wieder frisch rausgeputzt bei Starbucks sitzen und ihren Aktienstand auf dem Laptop überprüfen während sie ihren Grande-Nonfat-Latte mit einem Röhrchen schlürfen. Für sie ist die Harley ein Lebensstil, den man ab und zu aus der Garage holen kann, um sich wild vorzukommen. Wild kamen sich wohl auch die sechs Harley-Fahrer vor, die mir letzthin schon von weitem auffielen als ich auf die Tankstelle zufuhr. Schwarze Lederkombis, Bikerstiefel, grosse Maschinen – und trotzdem stimmte intuitiv was nicht, wenn sie den Helm nicht auf hatten. Zu gut geschnittenes graues Haar, wenn auch zerzaust und ungewaschen, zu fein die Gesichtszüge und die Nickelbrillen. “Nürnberg”, gaben sie widerwillig zu, als ich sie gemeinerweise auf deutsch fragte, wo sie her kämen. Diese Frage erübrigte sich bei einem andern “lonesome rider”, der überperfekt auf Easy Rider gestylt war – er hatte ein Zürcher Nummernschild.

24 h Nägelkauen


Montagabend um neun kann mir der schönste Sternenhimmel gestohlen bleiben. Und der Vollmond obendrein. Montagabend um neun bin ich beschäftigt. Einkommende Telefongespräche werden nicht in Erwägung gezogen, und der Hund muss draussen bleiben, um die hinterhältigen Kojoten in Schach zu halten. Nicht dass mir noch einer an meinem Antennenkabel rumknabbert. Montagabend um neun hab ich Besuch von Jack Bauer. Falls Sie zu den wenigen Unwissenden gehören, denen Jack Bauer und die TV-Serie “24” kein Begriff ist – Jack ist Agent bei der Counter-Terrorist-Unit CTU in Los Angeles und rettet jede Saison in 24 Stunden die Welt. Das kann er wie keiner sonst. Das finden auch meine Freunde in der Schweiz, insbesondere diejenigen an der Hüningerstrasse 85 in Basel. Jeden Dienstagmorgen um 7 durchbricht ein Telefonat aus Basel die Wüstenstille, und meine Freunde Chloe und Tony betteln um Informationshäppchen zur gestrigen Folge. Chloe und Tony sind nicht ihre richtigen Namen, wie 24-Fans sofort bemerkt haben werden. Meine Freunde haben die Namen der Serie entnommen, an der Hüningerstrasse ihre eigene CTU aufgebaut und allen Künstlern und Architekten und audiovisuellen Gestaltern, die im Gebäude arbeiten, ihre Rollen zugeteilt. Dass ich nun 12 Stunden Informationsvorsprung hab, bringt Chloe und Tony um; ich lass mir die Informationshäppchen nur spärlich entlocken. Ich selber warte jeden Montagabend drauf, auch diese Saison wieder mitten im Geschehen zu sein. Schliesslich musste Jack schon mehr als einmal in meine Nähe fliegen, um zum rechten zu sehen. Wie in der letzten Saison, als Airforce One über der Wüste abgeschossen wurde, und er die Welt vor einem nuklearen Desaster rettete. CTU Twentynine Palms ist jedenfalls einsatzbereit, Jack. “Trust me”, wird er mir ins Ohr flüstern, während er sich meines Computers, meines Handys und meines Trucks bemächtigt. Always Jack. Always. Take whatever you need.

Watch out for Waggis


Immer mal wieder kriegen die circa 10’400 Schweizerbürger in Südkalifornien und Arizona ein Email vom Schweizer Konsulat in Los Angeles. Darin teilen sie ihren Schäfchen mit, was hier so alles an Schweizerischem geschieht. Dieser kleine Newsletter ist um einiges interessanter als die Schweizer Revue für Auslandschweizer, das unsägliche Käsblättchen, das man so richtig per Post geschickt kriegt - in Plastik eingeschweisst, wie wenn es was zu schützen gäbe. Vier mal jährlich erhalten die 600’000 Auslandschweizer dieses Elaborat, bei dem nie der Verdacht aufkommt, dass in der Schweiz hervorragende Grafiker arbeiten. Im Newsletter vom Konsulat allerdings erfahre ich, welche Berühmtheiten Schweizer Abstammung sind. Wie zum Beispiel der American Football Star Ben Roethlisberger (darauf wär ich auch noch ohne Newsletter gekommen), der mit den Pittsburgh Steelers den Superbowl gewonnen hat. Oder August Schellenberg, der eine Mohawk Mutter hat und seit Jahren in vielen Filmen Indianer-Rollen übernimmt. Und natürlich Q’orianka Kilcher, die im neuesten Terrence Malick Film neben Colin Farrell die Pocahontas spielt. Im Newsletter erfahre ich ausserdem, dass im UCLA Fowler Museum in Los Angeles zur Zeit eine Ausstellung zum Thema Karneval stattfindet. Und dass die Basler Fasnacht da vorne mit dabei ist. Ich klicke nichtsahnend auf den Link und Schock – schon plärrt mir eine Guggemusik entgegen, die dann glücklicherweise verstummt, während ich weiterlese. Ein überraschend präziser Text informiert über Sitten und Gebräuche. Ich lerne, dass Morgenstraich auf Englisch “morning tattoo” heisst, weil mit tattoo auch Zapfenstreich und Musikparade gemeint ist. Und ich lese: “Watch out for Waggis! This mischievous character loves to roughhouse and will appear around a corner at any time to rub handfuls of räppli (confetti) into your hair and clothing.” Genau, ich erinnere mich, Nom de Dieu.

Gehet hin und mehret euch


Auf meinem Weg durch die Wüste von Kalifornien nach Gallup, New Mexico komme ich kurz nach Holbrook, Arizona auf dem Interstate 40 zum abgebildeten Poster, Es verspricht, ein Chirurg in Houston, Texas würde Unterbindungen rückgängig machen. Das Poster steht im Nichts am Rande des Freeways. Bis nach Houston sind es von hier aus über 1440 Meilen. Und der I40 führt da nicht mal hin. Wie kommt einer auf die Idee, hier am Rande der Navajo Nation mit einem Poster um Männer mit undurchlässigen Samensträngen zu werben? Will er den Lastwagenfahrern was zum Nachdenken mit auf den Weg geben? Den wenigen im Auto reisenden Geschäftsleuten? Der Interstate 40 ist eh nicht sehr dicht befahren. Zugegeben, in der ruhigen Tektonik dieser Hochebene, mit ihrer rot-grünen Farbenpracht unten und dem grossen Himmel oben, fällt das Poster auf. Bei mir jedenfalls funktionierts. Ich schau mir die Website an, als ich ankomme. Dr. Pohl heisst der Herr Doktor, und er sagt gleich zu Beginn, Mann solle sein Glück nicht bei einem örtlichen Kurpfuscher versuchen, der von blossem Auge operiert. Aha, die Erkärung für den Standort des Plakats. Er, Dr. Pohl, habe eine teures Zeiss (West Germany) Mikroskop, Modell OPMI MDM mit einem Zoom, jawohl. Über 2100 Samensträngen hätte er so wieder zum Durchfluss verholfen, durchschnittlich drei die Woche. Tja, da darfs schon noch etwas mehr Kundschaft sein. Und damit der Anreiz gesteigert wird, gibts bis Juni 2006 $900 Rabatt. Somit kostet die Operation nur noch $7,500. Drei Kreditinstitute sind netterweise gleich mitangeführt. Und eine genaue Liste, wieviel Geld man zurückerhält, sollte die Operation nicht 100 prozentig erfolgreich sein, abgestuft nach post-operativen Spermaprozentzahlen. Warum allerdings ein Baby auf der Website eine Schlaufe um hat mit der Aufschrift “Ein Geschenk Gottes”, wo man doch Herrn Dr. Pohl teuer bezahlt hat, ist eine Logik, der ich nicht folgen kann.

LIttle Bear liebt das Internet


Ohne online Einkauf geht hier draussen nichts. Von Büchern und CDs über Unterwäsche zu externen Festplatten – immer, wenns etwas Besonderes sein darf, wird übers Internet bestellt. So haben wir zwar mitten in der Wüste Zugang zu den Verlockungen der Zivilisation, ohne stundenlang fahren zu müssen, aber dieser Zugang ist langsam, verdammt langsam sogar. Keiner bietet sieben Meilen ausserhalb von Twentynine Palms high-speed Internet an. So klammern wir uns an die gute alte Telefonleitung wie ein Verdurstender an die Fata Morgana und sagen uns, dass die Abgeschiedenheit ihren Preis hat und sich dieser allemal lohnt. Dass sich der virtuelle Warenkorb nur mit zenmässiger Abgeklärtheit und Geduld füllen lässt, mag für mein Portemonnaie gut sein. Little Bear’s Herz aber schlägt für exzessives Shopping. Jeden Nachmittag um vier postiert sich das gescheite Tier auf der Seite des Hauses mit dem besten Ausblick und wartet auf Warenlieferungen. Die Erfahrung hat ihr gezeigt, vier Uhr ist die kritische Zeit. Der Inhalt der Pakete könnte Little Bear egaler nicht sein. Was sie interessiert ist, ob UPS, Fedex oder DHL vorfahren werden. Johnny von UPS bringt nicht nur Pakete sondern immer auch ein Hundebiscuit. So lässt Bear denn Mitte Nachmittag ihren Blick gegen Osten schweifen und sucht den Horizont nach aufgewirbeltem Staub ab. Sobald sich dieser zu einer fahrenden braunen Box verdichtet, fängt das Geifern an. Der Pavlov’sche Reflex steigert sich während der UPS Truck über die Naturstrasse holpert und sich vor dem Tor materialisiert. Wenn Johnny dann mit Paket und Biscuit, oder wohl eher mit Biscuit und Paket, aus dem Wagen springt, wird Little Bear’s Schwanz zum Rotor und der Hund hebt fast ab. Es gibt auch schlechte UPS Tage. An denen erhalten unsere Nachbarn ihre Bestellungen und wir gehen leer aus. Dann war die ganze Schlabberei für die Katz, und Johnny ist ein Tierquäler.

Ein Italiener in der Wüste


Gut scheint sie ihm nicht zu bekommen, die Wüste, dem Italiener. Er ist gehässig. Sehr gehässig. Wenn ein Italiener für sich allein in der heissen Fremde seinen genetisch vorprogrammierten Frohmut verliert, dann ist das eine Sache. Wenn besagter Italiener aber eine Gruppe Besucher durch ein gigantisches wissenschaftliches Experiment führen und selbiges erklären soll, dann wirds absurd. So geschehen kürzlich auf einer Reise nach Tucson, Arizona. Da steht 30 Meilen ausserhalb das Biosphere 2, eine riesige, aus Stahl und Glas gebaute Replica unserer Welt, der Biosphäre Nummer eins. Da drin gibts einen Regenwald, eine Savanne, einen Ozean, sinnigerweise gar eine Wüste und Ackerland. Alles etwas heruntergekommen, weil nicht mehr in Gebrauch. Ende der 80er Jahre hatte ein Wissenschaftler einen texanischen Oelmilliardär dazu überredet, rauszufinden, ob man im Notfall so ein geschlossenes System auch auf den Mond oder den Mars exportieren könnte. Gesagt, gebaut. 1991 liessen sich die ersten acht Menschen für zwei Jahre einschliessen. Bei der zweiten Gruppe war das Experiment schon nach wenigen Monaten gescheitert, und seither steht das Ding leer. 400 Millionen Dollar hat der Oelmilliardär es sich bis heute kosten lassen, von der seriösen Wissenschaft verlacht zu werden. Nun hat er genug und will verkaufen. Und weiss ich das von meinem Tour Guide? Aber sicher nicht, das musste ich nachlesen. Das lausige Mikrophon mit tragbarem Lautsprecher half weder über den dick aufgetragenen italienischen Akzent noch den heruntergeleierten Text weg. Und über die fehlende Freundlichkeit schon gar nicht.
Das einzige Zeichen von Assimilation an die neue Heimat: das Seidenfoulard war zum Bandana mit Indianeraufdruck mutiert. Sind Sie einer der ursprünglichen Wissenschaftler, frage ich ihn, nach dem Grund seiner Frustration suchend. Nein, ich bin der urspüngliche Tour Guide. Oh boy, 15 Jahre Frustration. Go. Get a life.