Saturday, December 27, 2008

Die Post ist da


Die Informationstafel vor dem Postgebäude ist fast grösser als die Post selber. Und sie ist mit ihrem Betonsockel mit Bestimmtheit stabiler gebaut als das lottrige Holzhüttchen dahinter. Die Inschrift lässt aber keinen Zweifel offen – man befindet sich hier auf historischem Grund. Ob mans glaubt oder nicht, das kleine Postgebäude hier mitten in der Mojave Wüste, unscheinbar ans Ende einer staubigen Strasse gebaut, ist das meist fotografierte Postgebäude der Vereinigten Staaten. Das muss ja wohl ein Witz sein, denkt man erst mal, und hält nach den Busladungen von mit Kameras bewaffneten japanischen Touristen Ausschau. Aber da ist kein Bus. Da ist auch kein Auto. Die Hauptstrasse von Pioneertown ist nur zu Fuss und zu Huf begeh- und bereitbar. Pioneertown wurde 1946 von einer Gruppe von Hollywood Persönlichkeiten, allen voran Roy Rodgers, als Western Film Set gegründet. Die permanente Stadt, im Stil der 1880er Jahre erbaut, hat in über 200 Filmen und TV Serien als Kulisse herhalten dürfen, und noch öfters tauchte sie als Hintergrund für viele weitere Produktionen wie Cisco Kid oder der Gene Autry Show auf. Die Auszeichnung, das meist fotografierte Postgebäude der USA zu sein, nimmt man denn auch mal einfach so für sich in Anspruch, Beweise gibt es keine. Trotzdem: Hier in Pioneertown Post Master zu sein, dürfte doch glatt einer der begehrtesten Posten innerhalb des amerikanischen Postwesens sein. Schliesslich ist die Post wie alle andern Gebäude an der Hauptstrasse massstäblich zu klein gebaut, damit der Westernheld auf Film imposanter aussieht, wenn er vor dem Saloon die Knarre zieht und einen Taugenichts niederstreckt. Und was für John Wayne und Gary Cooper recht war, kann doch für so einen Post Master nur gerade billig sein. Man kann sich schliesslich auch mit einem Postsack in der Hand zu Überlebensgrösse aufplustern und eine gute Figur machen dabei. Oder es zumindest versuchen.

Fegefeuer


Für meinen Freund Ron ist Yucca Valley die Vorhölle. Der hat leicht reden. Er wohnt äusserst malerisch hoch über Pioneertown. Von seinem Haus aus sieht man meilenweit nichts als unberührte Natur in alle Richtungen. Recht hat er trotzdem – die Vorhölle hat nun wirklich wenig Charme zu bieten. Wie Sie im Bild sehen, ist Yucca Valley kein Ausbund an Schönheit. Und es ist nicht so, dass ich lange suchen musste, um dort ein speziell nichtssagendes Bild zu machen. Der Begriff “Strassenzeilendorf” kommt mir aus dem Schweizer Geografie-Unterricht in den Sinn. Obwohl – Yucca Valley wäre wohl eher empört zu wissen, dass ich den Ort als Dorf bezeichne, als dass ich seine mangelnde Schönheit beklage. Man ist stolz, das lokale Business Zentrum zu sein. Und wir, die fremden Fötzel aus den umliegenden Gemeinden, sind froh, dass die Hässlichkeit hier oben mehr oder weniger auf einen Ort beschränkt bleibt. Jede erdenkliche Fastfood Kette ist dem Highway 62 entlang aufgefädelt und geht als Restaurant durch. Ein Autohändler nebem dem andern bleibt auf Halden von grossen Neuwagen sitzen. Der Unterschied zu den Parkplätzen vor den vielen Supermärkten ist lediglich der Glanzfaktor. Ganz offensichtlich werden die Neuwagen regelmässig vom Wüstenstaub befreit – fast so als wollte man verleugnen, wo man lebt. Die grossen Box Läden, wie man sie hier angemessen bezeichnet, sehen alle gleich aus, wie grosse Schachteln eben. Und es sind nur die billigsten und geschmacklosesten wie Walmart, die überleben können. Auch mit meiner und Rons Hilfe, wir gebens ja zu. Das Fegefeuer können auch wir nicht auslassen. Der Mensch will schliesslich essen, braucht ab und an ein Schnupfenmittel oder einen Schraubenzieher. So sind wir Schmarotzer dankbar, dass Yucca Valleys für uns die Drecksarbeit übernimmt und hässlich und schnörkellos funktioniert, damit die Wüstenfanatiker nicht in ihrer Schönheit verhungern müssen.

Projektionsfläche


Die Mojave ist eine halbe Welt weit weg. Die Mojave ist riesig. Die Mojave ist ab vom Schuss. In der Mojave versandet jede Spur. So oder ähnlich müssen meine Freunde in der Schweiz denken, wenn sie sich mein Umfeld vorstellen – bewusst oder unbewusst. Und damit meine ich auch die Freunde, die mich schon viele Male besucht haben. Wie anders ist es zu erklären, dass sich hier draussen Geheimnisse ansammeln, Geheimnisse von geradezu radioaktiver Sprengkraft. Sie werden über die Satellitenschüssel auf meinem Dach in die Inbox meines Mailprogramms gebeamt. Sie werden über Nacht auf meinem Telefonbeantworter geparkt. Und nicht selten werden sie mir zwischen drei und fünf Uhr nachmittags meiner Zeit ins Ohr gesäuselt. Dann ist es in der Schweiz nach Mitternacht. Wen kann man dann noch anrufen mit brisanten Neuigkeiten ausser die Mojave. Der im Verlauf des Abends angetrunkene Alkoholpegel setzt die Hemmschwelle tief und macht die Zunge locker – der Mojave kann mans sagen. Das zählt nicht als Verletzung der Schweigepflicht. Du, heute hab ich sie geküsst und es war schrecklich. Du, jetzt hat doch der eine Affäre. Du, die Kuh hat ihre Geschäftspartner ausgebootet und alle Kunden mitgenommen. Du, dem X hats ausgehängt, der geht. Diese Gepflogenheiten meiner Freunde hier so offenzulegen, birgt keine Gefahr ausser der, dass Sie meine Freunde eines schludrigen Charakters bezichtigen mögen, womit Sie natürlich völlig unrecht hätten. Meine Lieben werden mich trotz allem weiterhin einweihen, denn was raus muss, muss raus. Da gibts nichts praktischeres als eine Freundin mitten in der Mojave und neun Stunden Zeitverschiebung. Die Mojave hört sich alles an. Die Mojave versteht. Die Mojave besänftigt. Und ab und zu macht der Mojavewind aus einer kleinen Windhose ein Orkan und lacht sich ins Fäustchen. Gut dass niemand weiss, dass der feine Mojavesand bis in die Schweiz getragen werden kann.

Wednesday, November 26, 2008

Truthahn Tag


Dieses Jahr wird alles anders sein. Zum ersten Mal in den gut zehn Jahren, in denen ich in Amerika lebe, wage ich mich auf schlüpfriges Terrain vor. Ein Terrain, das selbst vielen Amerikanern den Angstschweiss auf die Stirne treibt, von denen ich ja seit fünf Jahren selber eine bin. Höchste Zeit also, morgen der uramerikanischsten aller saisonalen Tätigkeiten nachzugehen – die Vorbereitung des Thanksgiving Mahls. Wäre der perfekt gekochte Truthahn die Staatsreifeprüfung, gäbe es sehr viel weniger Neueinbürgerungen. Zwar gibt es soviele ultimative Rezepte wie es Familien gibt, und trotzdem lauern der Desaster viele, wenn es darum geht, es den Siedlern und Indianern gleichzutun, die 1621 zusammen das erste Erntedankfest gefeiert haben. Truthahn mit Füllung, Kartoffelstock, Süsskartoffeln, Cranberry Sauce, Mais und Kürbiskuchen gehören auf den Tisch und eine grosse Runde von Familienangehörigen und Freunden darum herum. Und nun da ich all meine Lieben eingeladen habe, verspühre ich ein Herzklopfen, das mit jeder Rezeptvariation, die ich vom Internet runterlade, stärker wird. Glücklicherweise habe ich ein Monster von einem Herd aus den 70er Jahren – unten ein grosser Ofen für den Truthahn, oben ein etwas kleinerer für den Rest. In der Schweiz könnte man Thanksgiving schon darum nicht feiern, weil so ein Vogel nicht in einen durchschnittlichen Schweizer Ofen passt. Mein Truthahn macht sich nun schon seit Tagen in meinem Tiefkühler breit. Und je näher der Termin rückt, an dem ich ihn rausnehmen und bearbeiten muss, desto mehr graust es mir. Ich mag ja Truthahnfleisch gern, wenns schön filletiert ist. Mit was ich nicht gerechnet habe, ist, wie sehr mir schon die Vorstellung widersteht, so ein Unding einzufetten und Füllung reinzustopfen. Aber jetzt ist es zu spät, um meinen Vogel zu begnadigen, wie es der Präsident jedes Jahr mit zwei Truthähnen tut. Meiner muss dran glauben. Und ich damit.

Tuesday, November 18, 2008

Herrenbesuch


Da kamen sie also angefahren in einem abgehalfterten VW Golf, die Jungs aus Tempe, Arizona, für zwei Tage und zwei Nächte, um meinen Neffen Weston zu besuchen, der Blonde im Bild. Hier versammelt sind zwei Drittel der Indie-Rock Band “Small Leaks Sink Ships” mitsamt Entourage. Weston zum Beispiel ist musikalisch so unbegabt, dass es nicht mal für die Dusche reicht, wie er selber sagt (und wie ich auch vermehrt feststellen musste, wenn er mir einen Song vorsingen wollte). Als Hörer hingegen ist sein Geschmack untrüglich und seine Freunde vertrauen auf ihn. Zudem ist er der Hauskünstler der Band, verantwortlich fürs Album-Design. Die Herren haben ein paar Hörproben für Weston mitgebracht (und natürlich ein paar lustige Zigarettchen) und bis tief in die Nacht unter dem Sternenhimmel darüber gesprochen. Um so grösser meine Überraschung als sie mich am nächsten Morgen trotzdem fragten, na ja, es war wohl eher gegen Mittag, ob ich noch etwas für sie zu tun hätte, so rund ums Haus. Inspiriert vom Namen der Band, fielen mir doch einige kleine Lecks ein, die mein Schiff zum Versinken bringen könnten. Da war die eine Aussenwand mit ihren Erdbebenrissen, die neu verputzt werden musste. Nicht zu vergessen der Eucalyptusbaum, dessen unterste Äste mittlerweile über das Dach beim Gästezimmer hinwegkratzten. Zur Verblüffung der so liebenswürdig Hilfe anbietenden Herren waren ihnen die drei Dosen mit dem neuen Verputz schnell in die Hand gedrückt, die Spachtel ebenso. Ich hatte zwar nur eine etwas bessere Laubsäge im Angebot, dafür aber eine gute Leiter, um aufs Dach zu steigen und sich da oben den Arm bis zum Abfallen auszukugeln. Und so sägten sie und verputzten, während ich es mir auf dem Sofa bequem machte und pro forma ein bisschen schrieb. Wenn die Wand denn schon verputzt, das Dach abgedichtet und die Bäume geschnitten werden müssen, warum denn nicht gleich von den Rolling Stones. Oder so.

Wednesday, November 12, 2008

Ödland


“Wir haben es satt, dass die Leute die Wüste als Ödland ansehen”, sagt Donna, die mit ihrem Mann Larry seit 27 Jahren am Fusse des Joshua Tree National Parks Jojoba anbaut. Mit “Leute” meint sie die Investoren und Spekulanten, die sich dieser Tage in Kalifornien mit Solarenergie eine goldene Nase verdienen wollen. Kann man denn überhaupt gegen Solarenergie sein? Kommt auf die Art an, findet Donna. Ihre Aussage bekommt besonderes Gewicht, wenn man erfährt, dass Donna nicht nur eine Jojoba Farm managt, sondern dass sie ebenfalls eine Umweltschutz-Organisation leitet, die sich für die Rechte der Wüstengemeinden und Gerechtigkeit innerhalb der Umweltschutzbewegung stark macht. Warum es sowas besonders in der Mojave Wüste braucht? In Kalifornien ist es Gesetz, dass bis im Jahre 2010 zwanzig Prozent der Elektrizität des Staates von erneuerbaren Quellen kommen muss. Und da man zwei Jahre vor der Zielline noch weit vom Ziel entfernt ist, werden nun auf Biegen und Brechen Solarenergie-Farmen aus dem Boden gestampft, und das ist so ziemlich wörtlich gemeint. Nun ist aber eben die Mojave tatsächlich nicht Ödland, sondern z.B. auch der Lebensraum der vom Aussterben bedrohten Wüstenschildkröten und Mojave Erdhörnchen. Solarfarmen planieren nicht nur riesige Flächen Land zwecks höchster Effizienz, sie ersticken die Wüstenvegetation im Keim und machen die Sandfläche staubfrei – mittel gesprayter Chemikalien. Und Solar-Farmen brauchen Wasser, viel kostbares Wüstenwasser, um die Panele sauber und effektiv zu halten. Donna und viele ihrer Gleichgesinnten sind zwar für Solarenergie – aber auf den Häuserdächern und für den Eigenverbrauch. Wer hier wohl gewinnt? Ein paar kleine Wüstenaktivisten mitsamt Schildkröte oder die mittlerweile mächtige Solarlobby, welche die Bedürfnisse von elektrizitätshungrigen Millionen-Städten wie Los Angeles und San Diego stillen und damit ein Geschäft machen will.

Thursday, November 6, 2008

Zeitreise


Ich hab keine Ahnung, warum dieses Bild mich fasziniert. Als ich es vor ein paar Jahren im Twentynine Palms Inn zum ersten Mal gesehen habe, war ich davon überzeugt, es bereits zu kennen. Aber meine Nachforschungen ergaben, dass das eine schiere Unmöglichkeit ist. Das Bild wurde 1975 hier lokal gemalt aufgrund eines Fotos aus dem Jahre 1969 – Jahrzehnte vor meinem ersten Besuch in Twentynine Palms also. Vielleicht widerspiegelt das Bild ja einfach mein verklärter Blick auf die siebziger Jahre im allgemeinen und auf die Wüste im speziellen. Filme wie Easy Rider und Zabriskie Point kommen mir in den Sinn, ohne die beiden qualitätsmässig vergleichen zu wollen. Aber sie haben den amerikanischen Westen mit seinen weiten Landschaften auf meiner Top-Ten Fernweh-Liste ziemlich weit nach oben katapultiert, obwohl ich damals noch mit dem Gedanken spielte, ohne Geld und per Autostopp von Basel nach Indien zu reisen. Diesem jugendlichen Leichtsinn hab ich glücklicherweise nicht nachgegeben. Dem mittelalterlichen Leichtsinn nach einem Leben in der Weite des Westens schon, und mit mehr Erfolg, als er der Reise einer Siebzehnjährigen allein unterwegs nach Indien je beschieden gewesen wäre. Und auch wenn ich mich selbstverständlich als eine der jungen Damen im Bild sehe, habe ich trotzdem bereits den halben Weg zur Frau in der gelben Jacke zurückgelegt. “Mrs. Camp’s Thanksgiving Day Party” ist der Titel des Bildes, gemalt von Dean MacKenzie, und ob es kunstgeschichtlich wertvoll ist, könnte mir egaler nicht sein. In diesem Umfeld hier wirkt das Bild übrigens nicht wie ein Siebzigerjahre Portrait, sondern brandaktuell. Alle diese Leute könnte man genauso gestylt heute hier antreffen. Der rechts aussen mit dem weissen Becher ist abgeschnitten mein Neffe Weston, der nun das etwas mulmige Gefühl hat, er schaue sich selber an in einem Bild von 1975. Und Weston ist gerade mal 25 Jahre alt.