Thursday, March 20, 2008

Dummer Has


Okay, zwei Dinge an dieser Geschichte werden Sie mir wohl kaum glauben. Die erste dürfte sein, dass ich nicht absichtlich eine Hasengeschichte ausgesucht habe für Ostern. Ich wusste überhaupt nicht, dass Ostern ist, bis nicht eine Schweizer Freundin aus Los Angeles angerufen hat mit den Worten “In Europa ist Ostern” – ein Satz, der faktisch nicht fälscher sein könnte und trotzdem richtig ist. Hier findet Ostern kaum statt. Jedenfalls nicht mit den unübersehbaren Schoggihasenbergen an der Supermarktkasse wie in die Schweiz. Nein, die Ostergeschichte hat letzten Samstag sozusagen an meiner Tür geklingelt. Es war meine Nachbarin Sandy mit einer Kartonschachtel unter dem Arm. “Nun schau dir das an”, sagte sie und hob sorgsam einen Waschlappen aus der Schachtel. Darin lagen vier junge Häschen kreuz und quer übereinander auf eine weiche Decke gebettet. “Die dumme Hasenmutter”, sagte Sandy, “jede Nacht bringt sie wieder ein paar Junge mehr in ein Hasenloch in unserem Garten. Meine Hunde würden die sofort töten. Nun muss ich die Dinger runterfahren in den Zoo bei Palm Springs. Ich kann die doch nicht einfach sterben lassen.” Palm Springs einfach bedeutet eine einstündige Autofahrt. Sie hob eines der Häschen aus der Schachtel. Es war nicht mal handgross und sehr süss. Sandy ist eine extreme, um nicht zu sagen militante Tierliebhaberin. Menschen können ihr schnell mal auf den Geist gehen, aber ansonsten könnte sie keiner Fliege was zuleide tun. Mit Ausnahme der roten Beissameisen. Gegen die geht auch sie grossflächig mit Spray vor. Bis jetzt hatte ich nur in die Schachtel gestarrt. Nun fiel mein Blick auf Sandy. Womit wir bei der zweiten Sache wären, die Sie mir an dieser Geschichte wahrscheinlich nicht glauben werden. Ich habe Sandy’s T-Shirt nicht für dieses Foto ausgesucht, sie trug es von Anfang an. Als ich sie darauf hinwies, fiel ihr vor Lachen fast die Schachtel auf den Boden.

Wednesday, March 12, 2008

Jagdtrophäen


Ein bisschen Winterregen und die Wüste explodiert. Es war ein bisschen viel Winterregen dieses Jahr, zugegebenermassen. Und das ist nun endlich der farbenfrohe Dank für von Stürmen weggefegte Dachziegel und die Wasserflecken an der Wohnzimmerdecke. So dichthalten müssen die Dächer hier sonst nie wie sie es diesen Winter auch nicht taten. Aber Versicherungsformalitäten und Gummistiefel sind nun vergessen. Wenn die ersten Wüstenblumen spriessen, wissen wir alle wieder, warum wir hier in der Wüste leben. Und ganz Südkalifornien macht sich mit Kameras und Stativen bewaffnet auf den Weg, den Wüstenblumen nachzujagen. Auf Rastplätzen geben sich Blütenhungrige Tips, an welchem einsamen Wegrand die Pracht am sensationellsten ist. Und es gibt Websites, welche das aktuelle Blütenbarometer mit genauen Ortsangaben und den dazugehörigen Fotos dokumentieren. Dieses Jahr ist die Ausbeute besonders reich und dicht. Wo sonst nichts ist als Sand, sieht es nun für ein paar Wochen so aus, als hätten die Götter die neue Frühjahrs-Kollektion an Teppichen ausgelegt. Ein leuchtendes Gelb ist das bevorzugte Modell heute, aber auch Lila und Weisstöne sind en vogue, und an manchen Stellen liegen bunt gemusterte Teppiche. Jede Farbe hat ihren eigenen betörenden Duft – von herb bis süsslich. Die Blumen sind so dicht, dass es unmöglich ist, nicht draufzutreten. Schon nach kurzer Zeit sind meine Hosenbeine voll buntem Blütenstaub. Leider bleibt es nicht dabei. Bald habe ich den Blütenstaub auch in der Nase und in den Augen, und da bekommt er mir weniger. Ich niese und reibe mir die wässrigen Augen und kann mich trotzdem nicht sattsehen. Für Schönheit muss gelitten werden, sagt das Sprichwort und heute halte ich mich daran. Auch auf dem Nachhauseweg mache ich für jede Blume, die ich noch nicht fotografiert habe, eine Vollbremsung auf dem einsamen Highway. Das Wunder einer blühenden Wüste macht süchtig.

Wednesday, March 5, 2008

Schmach


Nun gibt es ihn nicht mehr, meinen Westernladen. Er hat einem Immobilienmakler-Büro weichen müssen, obwohl deren Geschäfte zur Zeit schlecht bis gar nicht laufen. Cowboy-Ausstattungen, Pferdefutter und Reitzubehör laufen offenbar noch schlechter. Wenn ich “meinen” Westernladen sage, meine ich damit, den Ort meiner Schmach. Dabei wollte ich doch alles richtig machen als ich vor sieben Jahren in die Wüste kam. Man kann nicht ein Haus im Wilden Westen haben und keine Cowboy-Stiefel, habe ich mir damals gedacht. Aber eigentlich war das Haus nur der Vorwand, um mit gutem Gewissen Stiefel kaufen zu können. Nicht dass ich immer einen Vorwand für Neuanschaffungen bräuchte –nicht wirklich. Ich fuhr damals also an einem Sommernachmittag vor dem Westernladen vor und trat von der grellen Sonne ins Dunkle. Es war heiss im Laden. Und still. Ich blieb beim Eingang stehen, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Dann trat ich geradeaus an die Wand mit den verschiedenen Pferdegeschirren. Ich berührte die Eisen und die Ledergurten leicht. Die Formen und Materialien gefielen mir, aber ich hatte keine Ahnung über deren Verwendungszweck. Vor Pferden hatte ich schon immer Respekt gehabt – oder Angst, um genau zu sein. Ein Knacken des Fussbodens verriet mir, dass ich nicht alleine im Laden war. Ich drehte mich um. Hinter der Theke stand ein Hüne von einem jungen Mann, der mich von oben bis unten musterte. Womit kann ich ihnen dienen, Madam, fragte er, nachdem er ein Zündholz aus dem Mund genommen hatte. Er kam langsam auf mich zu. Ich suche Cowboy-Stiefel, sagte ich, schon leicht eingeschüchtert. Are you riding or are you dancing, fragte er dann. Reiten Sie oder tanzen Sie? Eine berechtigte Frage für Kenner. Schliesslich trägt man beim Square Dancing auch Stiefel. Well, walking, I guess, stammelte ich. Ich gehe zu Fuss. Im Sommerröckchen und mit Flip-Flops an den Füssen. Schande über Schande.

Sunday, March 2, 2008

Sisyphusarbeit


Ich hasse dich, sagt JB und greift mit ihren gelben Gummihandschuhen beherzt nach der kniehohen Pflanze vor ihren Füssen. Sie reisst sie energisch aus dem sandigen Boden, mit Wurzeln und Blüten und allem. Dann dreht sie sich so, dass der Wind den Müllsack aufbläst, den sie in der andern Hand hält, und stopft die Pflanze sorgsam tief rein. Dich hasse ich auch, sagt sie bei der nächsten Pflanze. Und dich auch, und dich sowieso. Mit der Zeit wird ihr Fluch zum Mantra und ihr Bewegungsablauf rund wie ein Yoga Sonnengruss. Wir arbeiten uns durch ein grünes Feld in Wonder Valley, östlich von Twentynine Palms. Aber da ist nichts Friedliches an unserm Unterfangen. Mit einer grossen Gruppe Kämpfer sind wir zu einer grossen Befreiungsaktion ausgerückt, um die rücksichtslosen Eroberer auszuradieren, die seit ein paar Jahren in unseren Gefilden ihr Unwesen treiben. Und obschon Gruppenaktivitäten sonst nicht mein Ding sind – dieser Kampf lässt mich die Grenze des obsessiv Militanten überschreiten. 1925 ist das Sahara Mustard Gras (brassica tournefortii, für diejenigen, die’s genau wissen wollen) zum ersten mal bemerkt worden in der Gegend um Palm Springs, aber noch 1990 war es so wenig verbreitet, dass es nicht als Gefahr eingestuft worden ist. Nun sind die Scheissdinger überall. Hier sollte nichts Grünes zu sehen sein. Abermillionen wilde Blumen in allen Farben sollten den Sand wie einen Teppich überziehen, speziell nach einem regenreichen Winter wie diesem. Ich liebe die wilden Wüstenblumen. Es ist unvorstellbar, dass es die Blütenpracht bald nicht mehr geben soll. Das Mustard Gras keimt vor den Wildblumen und entzieht denen Wasser und Nährstoffe – der Rückgang der einheimischen Pflanzen ist fast hunderprozentig. Während wir Pflanze um Pflanze ausreissen, versuchen wir nicht daran zu denken, dass eine einzige von ihnen bis zu 16’000 Samen tragen kann. Ich hasse dich, ich hasse, ich hasse dich…

Friday, February 22, 2008

Mein Hörsaal


Genau an dieser Stelle habe ich auf einem langen Marsch mit meinem iPod im Ohr Quantenmechanik gelernt. Oder sagen wir, ansatzweise versucht zu verstehen, um was es gehen könnte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Nicht weil die Vorlesung schlecht war, sondern weil mein Hirn für Physik nicht richtig verdrahtet ist. Und dort, hinten bei den Joshua Trees, eine Stunde geradeaus, habe ich mir eine Vorlesung der Uni UC Berkeley angehört über die Zukunft des Journalismus in einem Zeitalter, in dem Leser sich täglich dezimieren. Seit einigen Monaten gibt es etwas, was für mich zum Besten seit der Erfindung des Internets gehört, und das heisst iTunes U. Das U steht für University, und da kann man von vielen Top-Universitäten der USA Vorlesungen zu allen erdenklichen Studienrichtungen runterladen – für kein Geld, gratis, nichts. Yale, Harvard, Stanford, MIT, alle machen mit. Von “Genforschung: Du bist, was Du erbst” bis zu “Legasthenie und Kreativität – zwei Seiten derselben Medaille”, und von “Warum Zebras kein Magengeschwür kriegen” bis zu “Sex, Lügen und Theater – Shakespeare heute”. Was immer das Hirn begehrt und die Neugier kitzelt – es ist mit einem Click zugänglich. Das Angebot wird dauernd erweitert und wird laut vielen Zeitungsberichten enorm oft genutzt. Auch von Leuten, die noch nie einen Hörsaal von innen gesehen haben. Bei Lastwagenfahrern scheint die Uni im Ohr besonders beliebt zu sein. Sie büffeln Chemie, während sie Spielzeug aus China von Los Angeles nach New York fahren und machen sich über Frank Lloyd Wright schlau während sie Fertighäuser in den Mittleren Westen liefern. Ich mag die Vorlesungen auf langen Autofahrten ebenfalls. Aber am meisten mag ich sie auf langen Fussmärschen durch die Wüste. Da muss es eine Verbindung geben zwischen offenen Ohren und der weiten, offenen Landschaft. Ich hoffe nur, dass deren Kargheit nicht das Innere meines Schädels widerspiegelt.

Wednesday, February 13, 2008

Eingeschworen


Vor ein paar Wochen habe ich eine Vorladung erhalten. Ich soll am Gericht in Joshua Tree als Geschworene agieren. Das Geschworenenwesen ist Bürgerpflicht. Am Tag X muss man erscheinen und auf einen langen Prozess gefasst sein. Ich komme am Morgen ins Gerichtsgebäude, durch einen Metalldetektor wie am Flughafen, und bin erst mal erstaunt, wieviele potentielle Geschworene da zur Auswahl vorgeladen sind für einen einzigen Prozess, sicher fast hundert. Ich bin hin und hergerissen. Einen eintägigen Prozess würde ich gern mal mitmachen. Einfach aus Interesse. Aber einen mehrmonatigen Prozess wie gegen O.J. oder Michael Jackson? Nein, danke. Ich denke an meine Cousine Nancy, die in Santa Monica den perfekten Prozess miterlebt hat: Larry Flint, der Herausgeber von Penthouse, gegen das De Beers Diamantenhaus. Ein paar Stunden beste Unterhaltung, in denen Larry Flint geltend machen wollte, dass De Beers ihm ein zu fragiles Diamanten-Armband verkauft hat, wo sie doch wissen mussten, dass er mit seinem Rollstuhl so ein Armband speziell strapazieren und Diamanten verloren gehen würden. Als der Richter uns alle in den Gerichtssaal ruft, merke ich, wie wenig Glück ich mit meinem Fall habe. Es handelt sich um einen mehrwöchigen Prozess gegen einen mehrfachen Kinderschänder. Das kann und will ich mir nicht wochenlang anhören und nachher von Details verfolgt sein. Da bleibt nur eins. Als der Richter fragt, wer sich dem Prozess nicht gewachsen fühle, strecke ich auf und sage, ich wolle mit dem Richter alleine sprechen, nicht vor allen andern Geschworenen. Er geht darauf ein. Da sind trotzdem noch etwa zehn Leute im Gerichtssaal – Gerichtsschreiber, Anwälte - während ich psychische Unstabilität erster Güte vorführe. So will mich weder die Verteidigung noch die Anklage. Vielleicht sollte ich eine Hollywoodkarriere in Erwägung ziehen, denke ich auf dem Heimweg und kann mir ein Lachen nicht verkneifen.

Wednesday, February 6, 2008

Bauchgefühl


Was für ein Unterschied vier Jahre machen können. Heute habe ich keinen Zweifel, wer ins Weisse Haus gehört. Ich kann mich kaum noch erinnern, wem ich vor vier Jahren bei den demokratischen Vorwahlen meine Stimme gegeben habe – Edwards oder Kerry oder war da sonst noch jemand? Ich weiss noch, wie ich angestanden bin vor der schäbigen Kirche in Twentynine Palms, die immer zum Wahllokal umfunktioniert wird, aber mehr auch nicht. Das wird mir in vier Jahren nicht passieren. Ich werde wissen, dass ich Barack Obama gewählt habe, ob er schlussendlich Präsidentschaftskandidat wird oder nicht. Endlich gibt es einen, für den man sich begeistern kann, der nicht nur das kleinste Übel aller Kandidaten ist. Einen, dem man zutraut, dass er es schaffen kann, die Republikaner aus dem Weissen Haus zu verjagen. Einen, dem man gerne zuhört, weil er Relevantes sagt und nicht langweilt. In jedem andern Jahr wäre Hillary Clinton eine perfekte Präsidentschaftsanwärterin. Aber nun gibts Barack Obama, und der ist eben noch ein bisschen perfekter. Und vor allem integrer und glaubwürdiger. Für mich jedenfalls. Schliesslich ist Obama als einziger von Anfang an gegen den Krieg gewesen, während Hillary ihren Fehler noch nicht mal zugegeben hat. Bei dieser Vorwahl geht es nicht um die Details der politischen Pläne der beiden Anwärter – von Irak bis Krankenversicherung. Die sind fast identisch. Für die meisten Demokraten ist es eine Bauchentscheidung. Wem glaubt man, dass er das Land umkrempelt, und wem will man dabei zusehen. Wer kann sich über Parteifronten hinwegsetzen und flicken, was kaputt ist. Eine Frau als Präsidentin wäre ein historischer Schritt. Ein schwarzer Mann als Präsident wäre ein historischer Schritt. Wer immer der beiden ihn macht – ich müsste einen Antrag stellen, ein zweites Mal eingebürgert zu werden. Auf sie würde ich schliesslich lieber schwören als auf meinen jetzigen Commander-in-Chief.