Sunday, December 10, 2006

Watch out for Waggis


Immer mal wieder kriegen die circa 10’400 Schweizerbürger in Südkalifornien und Arizona ein Email vom Schweizer Konsulat in Los Angeles. Darin teilen sie ihren Schäfchen mit, was hier so alles an Schweizerischem geschieht. Dieser kleine Newsletter ist um einiges interessanter als die Schweizer Revue für Auslandschweizer, das unsägliche Käsblättchen, das man so richtig per Post geschickt kriegt - in Plastik eingeschweisst, wie wenn es was zu schützen gäbe. Vier mal jährlich erhalten die 600’000 Auslandschweizer dieses Elaborat, bei dem nie der Verdacht aufkommt, dass in der Schweiz hervorragende Grafiker arbeiten. Im Newsletter vom Konsulat allerdings erfahre ich, welche Berühmtheiten Schweizer Abstammung sind. Wie zum Beispiel der American Football Star Ben Roethlisberger (darauf wär ich auch noch ohne Newsletter gekommen), der mit den Pittsburgh Steelers den Superbowl gewonnen hat. Oder August Schellenberg, der eine Mohawk Mutter hat und seit Jahren in vielen Filmen Indianer-Rollen übernimmt. Und natürlich Q’orianka Kilcher, die im neuesten Terrence Malick Film neben Colin Farrell die Pocahontas spielt. Im Newsletter erfahre ich ausserdem, dass im UCLA Fowler Museum in Los Angeles zur Zeit eine Ausstellung zum Thema Karneval stattfindet. Und dass die Basler Fasnacht da vorne mit dabei ist. Ich klicke nichtsahnend auf den Link und Schock – schon plärrt mir eine Guggemusik entgegen, die dann glücklicherweise verstummt, während ich weiterlese. Ein überraschend präziser Text informiert über Sitten und Gebräuche. Ich lerne, dass Morgenstraich auf Englisch “morning tattoo” heisst, weil mit tattoo auch Zapfenstreich und Musikparade gemeint ist. Und ich lese: “Watch out for Waggis! This mischievous character loves to roughhouse and will appear around a corner at any time to rub handfuls of räppli (confetti) into your hair and clothing.” Genau, ich erinnere mich, Nom de Dieu.

Gehet hin und mehret euch


Auf meinem Weg durch die Wüste von Kalifornien nach Gallup, New Mexico komme ich kurz nach Holbrook, Arizona auf dem Interstate 40 zum abgebildeten Poster, Es verspricht, ein Chirurg in Houston, Texas würde Unterbindungen rückgängig machen. Das Poster steht im Nichts am Rande des Freeways. Bis nach Houston sind es von hier aus über 1440 Meilen. Und der I40 führt da nicht mal hin. Wie kommt einer auf die Idee, hier am Rande der Navajo Nation mit einem Poster um Männer mit undurchlässigen Samensträngen zu werben? Will er den Lastwagenfahrern was zum Nachdenken mit auf den Weg geben? Den wenigen im Auto reisenden Geschäftsleuten? Der Interstate 40 ist eh nicht sehr dicht befahren. Zugegeben, in der ruhigen Tektonik dieser Hochebene, mit ihrer rot-grünen Farbenpracht unten und dem grossen Himmel oben, fällt das Poster auf. Bei mir jedenfalls funktionierts. Ich schau mir die Website an, als ich ankomme. Dr. Pohl heisst der Herr Doktor, und er sagt gleich zu Beginn, Mann solle sein Glück nicht bei einem örtlichen Kurpfuscher versuchen, der von blossem Auge operiert. Aha, die Erkärung für den Standort des Plakats. Er, Dr. Pohl, habe eine teures Zeiss (West Germany) Mikroskop, Modell OPMI MDM mit einem Zoom, jawohl. Über 2100 Samensträngen hätte er so wieder zum Durchfluss verholfen, durchschnittlich drei die Woche. Tja, da darfs schon noch etwas mehr Kundschaft sein. Und damit der Anreiz gesteigert wird, gibts bis Juni 2006 $900 Rabatt. Somit kostet die Operation nur noch $7,500. Drei Kreditinstitute sind netterweise gleich mitangeführt. Und eine genaue Liste, wieviel Geld man zurückerhält, sollte die Operation nicht 100 prozentig erfolgreich sein, abgestuft nach post-operativen Spermaprozentzahlen. Warum allerdings ein Baby auf der Website eine Schlaufe um hat mit der Aufschrift “Ein Geschenk Gottes”, wo man doch Herrn Dr. Pohl teuer bezahlt hat, ist eine Logik, der ich nicht folgen kann.

LIttle Bear liebt das Internet


Ohne online Einkauf geht hier draussen nichts. Von Büchern und CDs über Unterwäsche zu externen Festplatten – immer, wenns etwas Besonderes sein darf, wird übers Internet bestellt. So haben wir zwar mitten in der Wüste Zugang zu den Verlockungen der Zivilisation, ohne stundenlang fahren zu müssen, aber dieser Zugang ist langsam, verdammt langsam sogar. Keiner bietet sieben Meilen ausserhalb von Twentynine Palms high-speed Internet an. So klammern wir uns an die gute alte Telefonleitung wie ein Verdurstender an die Fata Morgana und sagen uns, dass die Abgeschiedenheit ihren Preis hat und sich dieser allemal lohnt. Dass sich der virtuelle Warenkorb nur mit zenmässiger Abgeklärtheit und Geduld füllen lässt, mag für mein Portemonnaie gut sein. Little Bear’s Herz aber schlägt für exzessives Shopping. Jeden Nachmittag um vier postiert sich das gescheite Tier auf der Seite des Hauses mit dem besten Ausblick und wartet auf Warenlieferungen. Die Erfahrung hat ihr gezeigt, vier Uhr ist die kritische Zeit. Der Inhalt der Pakete könnte Little Bear egaler nicht sein. Was sie interessiert ist, ob UPS, Fedex oder DHL vorfahren werden. Johnny von UPS bringt nicht nur Pakete sondern immer auch ein Hundebiscuit. So lässt Bear denn Mitte Nachmittag ihren Blick gegen Osten schweifen und sucht den Horizont nach aufgewirbeltem Staub ab. Sobald sich dieser zu einer fahrenden braunen Box verdichtet, fängt das Geifern an. Der Pavlov’sche Reflex steigert sich während der UPS Truck über die Naturstrasse holpert und sich vor dem Tor materialisiert. Wenn Johnny dann mit Paket und Biscuit, oder wohl eher mit Biscuit und Paket, aus dem Wagen springt, wird Little Bear’s Schwanz zum Rotor und der Hund hebt fast ab. Es gibt auch schlechte UPS Tage. An denen erhalten unsere Nachbarn ihre Bestellungen und wir gehen leer aus. Dann war die ganze Schlabberei für die Katz, und Johnny ist ein Tierquäler.

Ein Italiener in der Wüste


Gut scheint sie ihm nicht zu bekommen, die Wüste, dem Italiener. Er ist gehässig. Sehr gehässig. Wenn ein Italiener für sich allein in der heissen Fremde seinen genetisch vorprogrammierten Frohmut verliert, dann ist das eine Sache. Wenn besagter Italiener aber eine Gruppe Besucher durch ein gigantisches wissenschaftliches Experiment führen und selbiges erklären soll, dann wirds absurd. So geschehen kürzlich auf einer Reise nach Tucson, Arizona. Da steht 30 Meilen ausserhalb das Biosphere 2, eine riesige, aus Stahl und Glas gebaute Replica unserer Welt, der Biosphäre Nummer eins. Da drin gibts einen Regenwald, eine Savanne, einen Ozean, sinnigerweise gar eine Wüste und Ackerland. Alles etwas heruntergekommen, weil nicht mehr in Gebrauch. Ende der 80er Jahre hatte ein Wissenschaftler einen texanischen Oelmilliardär dazu überredet, rauszufinden, ob man im Notfall so ein geschlossenes System auch auf den Mond oder den Mars exportieren könnte. Gesagt, gebaut. 1991 liessen sich die ersten acht Menschen für zwei Jahre einschliessen. Bei der zweiten Gruppe war das Experiment schon nach wenigen Monaten gescheitert, und seither steht das Ding leer. 400 Millionen Dollar hat der Oelmilliardär es sich bis heute kosten lassen, von der seriösen Wissenschaft verlacht zu werden. Nun hat er genug und will verkaufen. Und weiss ich das von meinem Tour Guide? Aber sicher nicht, das musste ich nachlesen. Das lausige Mikrophon mit tragbarem Lautsprecher half weder über den dick aufgetragenen italienischen Akzent noch den heruntergeleierten Text weg. Und über die fehlende Freundlichkeit schon gar nicht.
Das einzige Zeichen von Assimilation an die neue Heimat: das Seidenfoulard war zum Bandana mit Indianeraufdruck mutiert. Sind Sie einer der ursprünglichen Wissenschaftler, frage ich ihn, nach dem Grund seiner Frustration suchend. Nein, ich bin der urspüngliche Tour Guide. Oh boy, 15 Jahre Frustration. Go. Get a life.

Neid und Missgunst


Nun lassen Sie sich mal nicht unnötig den Morgen verderben, das ist nicht mein Swimming Pool. Das ist der Pool des neu renovierten, äussert schicken Parker Hotels in Palm Springs. Ich persönlich hab keinen Pool. Was natürlich alle meine Gäste sofort mit Unterton bemerken. Speziell die Europäer. Ach, schade - Du hast also keinen Pool. Das ist das einzige, was fehlt. Aber ist ja nicht so schlimm, sagen sie dann mitleidig und überlegen sich, ob sie die weite Reise ein zweites Mal überhaupt noch antreten sollen. Verlogenes Pack. Sollen sie doch Ferien in Palm Springs buchen – down below- wie wir hier sagen. Sollen sie sich mal die Preise dort unten anschauen. Sollen sie mal sehen, wieviel Wüste da noch übrig geblieben ist, mitten in den Golfplätzen, Swimming Pools und in den üppigen, dauerbewässerten Gärten. Sollen sie mal sehen, wie sich das Klima da unten zum Schwülen verändert hat, weil es soviel Wasser zu verdampfen gibt, was da zwar unterirdisch herkommt, aber nicht unbedingt überirdisch hingehört. Von hier oben aus gesehen ist Palm Springs Wüstenleben light, für zugezogene Sissies oder Weicheier oder Warmduscher. Eine ganz normale Stadt in die Wüste verpflanzt, zugegebenermassen mit ihren hübschen Annehmlichkeiten wie mid-century modern Architektur und Möbeln, die natürlich auch ich schon ab und an in den vielen Secondhand-Möbelläden aufgestöbert habe. Ich fahre die etwa 50 Meilen nach Palm Springs auch manchmal, z.B. weil ich die medizinische Versorgung down below etwas vertrauenswürdiger finde als hier oben. Jaja, ich gebs ja zu, ich bin auch ein Zehntel Sissy. Und was den Swimming Pool anbelangt, klar, den würd ich auch nehmen. Alle, die mich kennen, wissen, dass sie mir einen Pool kaufen müssen, falls sie je im Lotto gewinnen sollten. Und Sie haben soeben eine Kolumne von mir gelesen. Sie kennen mich, würd ich mal sagen. Ich hoffe doch, Sie sind schon unterwegs zum Kiosk.

Die Bar im Nirgendwo


Laura war sechzehn, als sie mit ihrem Bruder von einer Bar mitten in der Wüste träumte, wo Musik gespielt wurde. Ihre Mutter hörte von einer Freundin, dass im Niemandsland von Wonder Valley, einer Häuseransammlung mit Feuerwehrstation 10 Meilen östlich von 29 Palms eine Bar mit Restaurant zu verkaufen war. Die Sibleys kauften das “Palms”, und Laura fing an, Gitarre zu spielen. Wenn immer sie nicht mit Kochen und Servieren beschäftigt waren, spielten Laura und ihr Bruder James am Bass spielten Cover Versionen von Country Klassikern. Als sich Thom Merrick, ein in der Gegend ansässiger Künstler, immer öfter zu ihnen gesellte, wechselte James auf Schlagzeug, Thom übernahm den Bass und die Sibleys fingen an, ihre eigenen Songs zu schreiben. Es sind quälend schöne Songs, die Geschichten erzählen vom Leben in einer Bar zehn Meilen östlich von nirgendwo, wo die schwarze Strasse vor der Tür die einzige Richtschnur ist, damit einsame Reisende zwischen Las Vegas und 29 Palms nicht verloren gehen. Eines Tages wanderte Ben Vaughn ins “Palms”, ein bekannter Musiker, der als Komponist von TV-Serien wie “That 70s Show” zu Ruhm und etwas Geld gekommen war. Er interessierte sich für ein Haus in der Weite der Mojave und wollte sich erst mal in der einzigen Bar weit und breit seine neuen Nachbarn anschauen. Er hörte die Sibleys und kaufte das Haus. Und kam zurück ins “Palms”. Er hat mit den Sibleys mittlerweile ein Album produziert “Tuesday”. Und ein Music Festival im “Palms” ins Leben gerufen. Letzten Samstag fand es zum 7. Mal statt. Neben den Sibleys und Ben Vaughns Desert Classic standen noch drei weitere Bands auf dem Programm, die aus der Freude am Spielen im Nirgendwo gekommen waren. Mit einigen Dutzend Gästen war das “Palms” zum brechen voll. Man war begeistert, drinnen floss das Bier, draussen knisterte die Feuerstelle und der Himmel war sternenübersäht in dieser kalten Wüstennacht.

Jagdinstinkt


Nach fünf Jahren Wüste bin ich noch immer weder Jägerin noch Sammlerin. Jedenfalls nicht von toten Tieren. Wenn immer mein Hund Little Bear ausnahmsweise mal einen der vielen herumhoppelnden Hasen erwischt, schleudert er ihn zuerst mal rum und vergräbt ihn daraufhin. Dann ruf ich Danny an, den Nachbarsjungen, und offeriere fünf Dollar, eine Plastiktüte und eine Schaufel. Er würde es auch gratis machen, und ich würde auch zehn zahlen. Oder zwanzig. Ich weiss nicht, wo die Schmerzgrenze läge, wo ich meine Abscheu überwinden und selber zupacken könnte. Die von der Kehrichtabfuhr überfahrene Baby-Schildkröte genau vor meinem Tor, fand ich mehr traurig als grauslig, aber wegräumen konnte ich sie trotzdem nicht. Ich überliess das den Kojoten.

Dann, eines Tages, wässerte ich die Agave hinter dem Haus mit einem Gartenschlauch. Und heraus kroch ein riesengrosser Skorpion. Er war etwa so gross wie meine Hand breit. Und extrem grauslig. Ich hatte schon allerhand Schauergeschichten über giftige Skorpione gehört. Aber ich hatte sie mir kleiner vorgestellt.

Das Einzige was ich zur Hand hatte, war besagter Gartenschlauch und eine Trittleiter. Was hätten Sie getan, frag ich Sie. Den Skorpion entkommen lassen, um ihn dann im Haus wiederzuspüren vielleicht? Eben. Ich spritzte ihn also erst mal ab, um ihn in einen lähmenden Schock zu versetzen. Das funktionierte nur kurz. Bevor ich wusste, wie mir geschah, griff ich zur Trittleiter und stellte sie auf den Skorpion. Da der Skorpion gross und die Trittleiter nicht besonders schwer war, konnte ich nicht anders als auf die Trittleiter drauf zu stehen. Auf den obersten Tritt. Und eine Weile da stehen zu bleiben und in die Luft zu gucken. Runterschauen war zu abscheulich. Und nun überlasse ich Sie Ihrer Vorstellung, wie Eine mit geschlossenen Augen eine toten Skorpion in eine flatterige Plastiktüte schaufelt und wünsche Ihnen einen guten Tag.