Wednesday, February 17, 2010

Geografie Stunde


90 Minuten habe ich für Sie gelitten. Danke. Bitte. Nicht gern geschehen. Dabei hatte ich nur mehr Informationen zu einem Kolumnenthema holen wollen: Wie kann es sein, dass man ein Wüstenterrain ohne spezielle Identifikationsmerkmale immer wieder gleich durchschreitet, ob man will oder nicht, wie ich an meinen Fussspuren in der offenen Wüste sehe. Im Museum von Twentynine Palms gabs einen Vortrag zu einem ähnlich gelagerten Thema, wie ich zumindest annahm. Ich war stolz auf mich, dass ich das innere Faultier bezwungen hatte und hingefahren war. Für was? Für den schlechtesten Vortrag, dem ich je das Unglück hatte beizuwohnen. Etwa 30 Leute hatten im historischen Schulzimmer Platz genommen und waren gespannt. Die Rednerin und ihre wissenschaftlichen Leistungen wurde eingeführt. Sie war um die 40 und hatte eine interessante Schönheit an sich. Sie sei als Jugendliche aus Chile eingewandert, erklärte sie ihren Akzent im Grenzbereich des Verständlichen. Als sie erst mal zehn Minuten darüber sprach, über was sie sprechen würde, wusste ich, das wird nichts. Nicht mal der Übergang zum eigentlichen Vortrag war klar auszumachen. Zu diesem Zeitpunkt schliefen bereits drei Leute. Die mickrigen Bildchen und Karten waren die Leinwand nicht wert, auf die sie projeziert wurden. Ich habe gelernt: Wenn man rund um einen ausgetrocketen See antike Werkzeuge aus Stein findet, lässt das auf Wasser und Klimaveränderung schliessen. Hallo? Die Wissenschaftlerin wusste ja vielleicht mehr, aber von Vermittlung hatte sie noch nie was gehört. Am Ende schliefen sieben Leute. Ich blieb wach. Hautsächlich, weil ich sehen wollten, ob man so eine wissenschaftliche Nichtigkeit 90 Minuten lang durchhalten kann. Man kann. Wie sich der menschliche Körper eine unauffällige Wüsten-Topografie immer wieder gleich aneignet, das soll mir doch bitte mal eine anständige geografische Fachperson erklären. Kost und Logis inbegriffen.

Energieverlust


Ich gebs ja zu, wie die meisten Schreiber, versuche ich immer mal wieder, mich vor dem Schreiben zu drücken. Trotzdem hoffe ich, dass ich nicht so plump sein würde, das Stromkabel meines Computers nicht richtig einzustecken. So geschehen letzte Woche. Während ausgiebigem SsS (Surfen statt Schreiben), merke ich, dass die Batterie meines Computers nicht mehr auflädt: nur noch 18% übrig. Umstecken – nichts. Stromschiene ein/aus – nichts. Ersatzkabel suchen – nichts. Wo ich eben noch die Arbeit verdrängte, herrscht ab sofort Panik. Hilfe, ich nun kann ich nicht mehr arbeiten. Mit den letzten Prozent Batterie überprüfe ich, was ich eigentlich schon weiss: der nächste Apple Store ist in Rancho Cucamonga. Was wie ein Ortsname klingt, den Kinder erfinden, gibts tatsächlich. Auch die Distanz ist leider nicht erfunden – über 80 Meilen von meinem Haus entfernt. Kurzes Abwägen von Alternativmöglichkeiten. Ich könnte zu Freunden fahren, die hoch über Pioneertown wohnen. 30 Meilen, Schnee, unwegsame Naturstrasse, Steckenbleiben. Bringt nichts, falls wirklich was Fundamentales falsch ist. Es ist fünf Uhr, der Laden ist bis neun Uhr offen. Computer und Stromkabel eingepackt und ab. Eineinhalb Stunden später stehe ich im Laden. Ob ich online einen Termin abgemacht habe, fragt der Apple Genius Justin. Nein, sage ich, mit unterdrückter Hysterie, das sei ja eben das Problem – ich bin soeben achzig Meilen hierher gefahren. Genius Justin erbarmt sich auch ohne Termin. Er steckt mein Kabel ein, das Lämpchen leuchtet, der Computer lädt auf. Kein fauler Zauber, sagt er und hält zum Beweis seine Hände in die Luft. Ich verstehe rein gar nichts, schliesslich bin ich computertechnisch nicht ungeschickt. Ich fahre die 80 Meilen zurück zur Schreibvermeidung und siniere über den Preis nach, den ich für die Abgeschiedenheit zahle, die ich sonst grossartig finde. Und den Anfang von Grey’s Anatomy habe ich erst noch verpasst.

Erwachsen


Little Dan ist der Sohn meiner Nachbarn. Er ist 23. Das sind sieben Jahre über das Alter, in dem man in den USA Autofahren lernen darf. Seit ein paar Wochen hat Little Dan seinen Führerschein. So lange nicht fahren zu dürfen, hat Little Dan gewurmt, um hier mal mit einer massiven Untertreibung einen Kraftausdruck abzuwenden. Seine Eltern fanden, er sei nicht reif genug zum Fahren. Little Dan hat die Schule früh geschmissen. Arbeit hat er keine gefunden. So lebt er in einem Wohnwagen auf dem Land der Eltern und hilft seiner Mutter, mit dem Ice Cream Truck durch die Wüste zu kutschieren und Eis zu verkaufen. So verdient er sich Zigarettengeld. Ab und zu reichts für ein Computerspiel. Seinem Vater hilft er, Autos zu reparieren. Das interessiert ihn und er würde es auch ohne finanziellen Zustupf machen. Mir hilft Little Dan ebenfalls. Er schaut zu meinen Hunden, wenn ich nicht da bin (und überfüttert sie), macht Gartenarbeit, die mir zu schwer ist, und er kommt und entsorgt tote Hasen, wenn ich ihn in Panik anrufe, weil meine Hunde ausnahmsweise mal einen erwischen. Tote Hasen zusammenwischen – da hört meine Naturliebe auf. Natürlich bezahle ich Little Dan für seine Hilfe – ich bin seine einzige ausserfamiliäre Einkommensquelle. Manchmal fragt er, ob ich nicht mal wieder eine längere Reise unternehmen wolle. Nicht weil er mich nicht mag, sondern weil er Geld braucht. Seit kurzem mag er mich noch viel mehr. Ich habe ihm vorgeschlagen, ihm meinen alten Pickup Truck zu geben und ihn den abarbeiten zu lassen. Er konnte sein Glück kaum fassen. Auf ein Auto zu sparen, wenns keine Arbeit gibt, ist entmutigend. Eins zu kriegen und es abzuarbeiten, hat Little Dan mit einem Schlag erwachsen werden lassen. Prüfung- und Versicherungsanmeldung – alles plötzlich kein Problem. Der Truck ist kaum wiederzuerkennen. Da wird pausenlos geschraubt, geputzt und gewachst. A truck makes a man, I guess.

Saturday, January 30, 2010

Sand unter


Der Dachdecker ist mein neuster bester Freund. Das dachte ich wenigstens, als er vor dem grossen Sturm angefahren kam, mit einer grossen Silikonpistole aufs Dach stieg und das Gröbste richtete. Regenstürme waren vorausgesagt worden und die TV Wetterfrösche zu Hochform aufgelaufen. El Ninjo, soviel Regen wie noch nie, Tornadowarnungen, blahblahblah, wird nur halb so wild sein, dachte ich, aber ich lass das problematische Dach sicherheitshalber mal anschauen. Falls es hält, schicken Sie mir einen Check über 150 Dollar. Ansonsten komm ich wieder. Dann kam alles so wie vorausgesagt und schlimmer. Zwei Tagen Dauerregen hielt das Dach besser stand als die Sandstrasse, die zu meinem Haus führt. Sie floss schlicht und einfach davon. Während einer kurzen Regenpause am dritten Tag fuhr ich zum Grosseinkauf und war froh, in meiner Strasse, sprich Bachbett, nicht steckenzubleiben. Danach gings erst richtig los. Im Berg hinter dem Haus formte sich ein lauter Wasserfall, den ich gern für Sie fotografiert hätte, wenn ich mich nicht gefürchtet hätte, entweder überspült oder von sich plötzlich lösenden Steinen überrollt zu werden – eine Angst, die nicht unbegründet ist. Vor ein paar Jahren hat man während monsoonartiger Regenfälle ein Auto mitsamt toter Insassen zwanzig Meilen weiter weg gefunden – weggespült von einem reissenden Bach, auch Flashfloods genannt. Das Schöne am vielen Wasser wird in ein paar Monaten zum Vorschein kommen – prachtvolle Wildblumenteppiche in allen Farben. Das weniger Schöne etwas später: die ausgetrockneten Wildblumenteppiche liefern dort, wo sonst nur Sand ist, den gefrässigen Feuern ihr Futter, sprich Lauffeuer. Nach einer Woche Extremwetter in Südkalifornien ist jetzt gerade alles so sonnig wie es sich gehört. Aber der Dachdecker, der ist nicht mehr mein Freund. Riesige, wüste gelbe Flecken an meiner Wohnzimmerdecke zeugen von unserem Break-up. Scheiss Silikonpistole...

Wednesday, January 20, 2010

Zugespitzt


Krieg in Wonder Valley - dabei hätte doch alles so friedlich bleiben können, wie es mal gedacht war im Tal östlich von Twentynine Palms, wo Kojoten und Hasen sich Gutenacht sagen und Echsen und Schildkröten durch den heissen Sand schleichen. Aber da wühlt sich noch was anderes durch den Sand in Wonder Valley, welches offiziell zu Twentynine Palms gehört, aber infolge eines ausgeprägten Lokalpatriotismus separat genannt sein will. Es sind die Sandtöffs, welche die Natur mitsamt vieler der weitverstreuten Einwohner von Wonder Valley in Aufruhr bringen. Sandtöffs heissen natürlich nicht Sandtöffs, aber das gefällt mir, weil es gut mit Töfflibueb geht. Es sind aber nicht nur Jugendliche, welche hier mit Töfflibuebe-Mentalität ausgestattet sind, dem Geisteszustand (sofern das Wort Geist hier angebracht ist), der sich durch den Mix von Dümmlichkeit und Leichtsinn zwecks kurzfristigem und vermeintlichem Gewinn an Grösse und Wichtigkeit auszeichnet. Der Widerstand gegen die Off-Roaders ist in den letzten Jahren immer grösser geworden. Und offizieller: Off-Roaders dürfen nun nur noch auf bestehenden Sandstrassen gefahren werden – und fast alle Strassen in Wonder Valley sind Sandstrassen – nicht mehr in der offenen Wüste. Aber natürlich ist es die offene Wüste, welche den Off-Roadern ihr Freiheitsgefühl verleiht, darum hat man ihnen einen immerhin 700km2 grossen Sandkasten in Johnson Valley zugestanden, in dem sie nach Belieben spielen dürfen. Die übrigen 13 000km2 Wüste, für welche das Bureau of Land Management in Bastow zuständig ist, werden von sieben Rangern patroulliert, und Meldungen über Übertritte werden immer häufiger. Die eine Seite sieht in jeder Pneuspur den Untergang, die andere beschwert sich über die Wüstenutopisten und ihren Naturschutz. “Wir verlieren die Wüste und werden nun in diese kleinen Reservate gesteckt”, sagt ein Off-Roader, “wir fühlen uns langsam wie Indianer.” Lachhaft…

Streitpunkt


Früher war das Cowgirl ein sogenanntes Conversation Piece im Haus meiner Freunde Kristie und Harry – ein seltsames Stück, das immer wieder die komischsten Gespräche auslöste. Ist sie so jenseits, dass sie schon wieder cool ist? Ist sie einfach nur geschmacklos? Wie auch immer – sie wuchs einem ans Herz, wie sie da in der Ecke stand und den Dingen ihren Lauf liess. Es wäre wohl besser gewesen, sie hätte eingegriffen, kann aus heutiger Sicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Ihre lebendige Präsenz hätte die ersten Querelen zwischen Harry und Kristie mit einem Blick beenden können. Ein Aufstampfen mit dem Stiefel hätte die darauffolgenden tiefen Beleidigungen wenigstens mit einer Entschuldigung auszumerzen versuchen können. Und der Colt im Anschlag hätte hoffentlich zwei im Grunde anständige Menschen anständig bleiben lassen. Aber sie hat nichts von dem getan, die Gute in der Ecke, nur zugeschaut hat sie wie alles bachab ging. Und nun ist sie selber noch zum Zankapfel geworden. Nicht weil Kristie und Harry in sie vernarrt wären. Natürlich nicht. Es geht nur darum, dass der andere sie nicht kriegt. Das Cowgirl hats zum Symbolwert einer abhandengekommenen Ehe gebracht, aufgeladen mit Bedeutung, die dem Objekt der Begierde gar nie angestanden hat. Ich stelle mich zu ihr in die Ecke und versuche mich aus der Schusslinie zu halten. Ich will nicht wählen. Ich liebe beide Kriegsgegner zu sehr. Für mich hoffe ich, dass Kristie die Liebe zur Wüste nicht mit der zu Harry verliert. Sie ist ihm damals hierhier gefolgt und hat das Leben hier oben lieben gelernt. Ist das Wüstenleben zu einschneidend, zu definierend, um es nicht immer mit einer ausgetrockneten Liebe zu verbinden? Muss einer von ihnen nun weg? Platz gäbe es ja genug, dass man sich nicht immer über den Weg laufen muss. Ist die Wüste für zwei Feinde zu eng? Oder wandelt sich die einstige Freude über die Weite in absolute Verlorenheit?

Sunday, January 10, 2010

Das fängt ja gut an


Mein Sitznachbar schaut auf die Uhr. Das ist auch das erste Mal, dass ich in zwei Tagen pünktlich losfliege, sagt er. Es ist der 31. Dezember 2009, nachmittags um vier kurz vor Abflug von Phoenix, Arizona, nach Los Angeles. Hinten im Flugzeug stehen zwei circa 17 jährige Girls auf und zwängen sich mit Rucksack und Kissen unter dem Arm durch den Mittelgang nach vorne. Die eine redet leise aber eindringlich auf den Steward ein. Ich verstehe nicht, was geredet wird und bin leider trotzdem sicher, um was es geht. Ich hab sie auch gesehen, die drei jungen Freunde, zwei davon leicht nach Mittlerem Osten aussehend. Und ich habe den Gedanken sofort wieder verworfen. Zu westlich modisch gekleidet, zu sehr College Kids, zu entspannt. Obschon – das heisst ja alles auch nichts. Aber die zwei Girls wollen raus aus dem Flugzeug. Nun redet der Captain mit ihnen. Dann mit uns. Es bleibe ihm leider nichts anderes übrig, als uns alle aussteigen zu lassen, da sich nicht alle Passiere an Bord sicher fühlten. Als draussen im Terminal alles parat ist, werden wir raus gebeten. Polizei, Sicherheitsbeamte, Bombenspührhund. Ich werde nicht befragt, die drei Männer werden befragt. Ich sehe, dass sie kanadische Pässe haben. Man bleibt entspannt – die Sicherheitsbeamten, die jungen Männer, die andern Passagiere, obwohl’s da welche dabei hat, die nun ihre Anschlussflüge verpassen. Dann alle wieder Boarding Pässe herzeigen und rein. Diesmal schaffen wirs nicht ganz bis ins Flugzeug. Es müssten noch weitere Klappen untersucht werden, heisst es. Also wieder raus. Bombenspührhunde, Sicherheitsbeamte, Polizei usw. Nichts zu finden. Boarding Pässe wieder herzeigen und rein. Die Girls sind verschwunden. Ich hoffe, es sind nur die Leute hier, die auch wirklich hier sein wollen, sagt der Steward trocken. Applaus. Der Mann neben mir schaut auf die Uhr, als wir abheben. Am Fenster zieht ein riesiger Vollmond vorbei. Frohe Reise ins 2010.